|
XXXXXXXXXXXXXXXX mit achmed von agadir
nach marrakesch!
|
| mit achmed von agadir nach marrakesch (eine reise in 12 teilen) sprungfedern und ein frühstück es war gut, dass das flugzeug so früh in agadir gelandet war. ich wollte ja noch weiter! mein ziel war marrakesch. also lief ich mit meinem aluminium-trolly zum taxen-stand. "wohin, monsieur?" "nach marrakesch!" ich wusste, diese antwort elektrisierte. sofort waren fünf taxifahrer um mich herum, die mich - "für sehr wenig geld, monsieur!" - nach marrakesch fahren wollten. jetzt ging es nur noch um den preis. aber da wurde die ganze angelegenheit ein wenig zäh, so dass ich mich auf meinen trolly setzte und erst einmal zuhörte. „600 dirham“ - schlug ein taxifahrer vor und zeigte auf sein fahrzeug, das ein wenig in die jahre gekommen war. „nein, nein“, mischte sich sein kollege in unser gespräch, „550 dirham bis marrakesch!“ „ach, was!“ - ein dritter taxifahrer meldete sich zu wort, riss mir den trolly unter meinem hintern weg und rief: "du kommst jetzt mit, zu mein taxi." „wie viel?“, fragte ich. „so viel, wie du möchtest!“, lächelte er. und dann saß ich auch schon in seiner taxe. allerdings war das leder des sessels schon so dünn, dass ich schmerzhaft die sprungfedern spürte. als er aber eine kassette in sein autoradio schob und die taxe von arabischer musik erfüllt wurde, entspannte ich mich zum ersten mal. "du magst dies musik? wohin willst in marrakesch?“, aber da schlief ich schon zum singsang der musik ein und wollte erst einmal von einem ziel nichts mehr wissen. kaum war ich in der taxe eingeschlummert, weckten mich unkontrollierte zick-zack-bewegungen der taxe. "glück gehabt", rief mein taxifahrer, als er sein fahrzeug wieder unter kontrolle hatte. ich sah mich um. hinter uns lag ein umgekippter eselskarren auf der straße. leute riefen, gestikulierten und drohten uns mit erhobenen fäusten. "ich heiße achmed und jetzt fahren wir, zu nehmen frühstück!", sagte mein taxifahrer. mir stieg kaffeeduft in die nase. aber vorher wollte ich doch noch wissen, wie viel die fahrt nach marrakesch kosten sollte. "so viel du willst!" "nein, so geht das nicht! ich steige jetzt sofort aus, wenn du nicht sagst, was du für die fahrt haben willst!" achmed sah mich mitleidig an. "du vertraust mir nicht? du glaubst, ich will dich betrügen? ich tu das nicht! ich mach dir vorschlag: 400 dirham bis marrakesch! aber jetzt zu mein familie, nehmen da tee und keks! du willst?" ohne auf eine antwort zu warten, bog er an der kreuzung, wo das schild "marrakesch" nach rechts zeigte, nach links ab - zum frühstücken. kekspyramiden und bunte bilder überall in agadir wird gebaut. die stadt frisst sich immer weiter ins hinterland. wenn ich schläfrig mein linkes auge öffnete und fragte: "wo sind wir denn?", antwortete achmed: "immer noch in agadir". als er sein auto von der hauptstraße fuhr, wurde ich ganz wach, denn der schotterweg schüttelte die taxe durch und ich spürte die sprungfedern schmerzhaft im gesäß. wir erreichten einen großen platz, der gesäumt war von beton-farbenen, ungestrichenen häusern. „hier wohnt mein familie. steig mal aus!“ in der tür stand ein kleines mädchen. "das ist hamira, meine grösst tochter." hamira begleitete uns in haus und nahm neben mir platz, während ihr vater weitere sitzkissen auf dem betonfußboden ausbreitete. achmed rief: "wart mal!“, und lief hinaus. jetzt aber schauten zwei dunkle augen um die ecke. wer war denn das? der bruder von hamira beobachtete aus sicherer entfernung, wer da mit seiner schwester auf der matratze saß. raschid hatte schnell seine angst vergessen. er trat ins zimmer und setzte sich zu seiner schwester und mir auf die matratze. wir besahen uns zu dritt die weiß getünchte wand und warteten. ihr vater kehrte zurück und balancierte ein tablett vor sich her, auf dem kunstvoll eine pyramide von keksen aufgerichtet war. er stellte es sehr vorsichtig zu unseren füßen, verneigte sich kurz und verschwand wieder. raschid und hamira vermieden es tapfer, diesen berg aus keksen anzusehen. jetzt erschienen drei weitere kinder in der tür. die kleinen mädchen kicherten und der junge sah mich mit ernsten augen an. im nu saßen wir zu sechst auf der matratze. achmed brachte auf einem zweiten tablett eine silberne teekanne und zwei teegläser. er stellte sie neben die kekspyramide, ließ sich auf eine der matratzen fallen und schenkte den tee ein. "und iss auch von den keksen!", ermahnte er mich. die fünf kinder sahen immer angestrengt zu boden, wenn ich nach den keksen griff. nun lief raschid aus dem zimmer und kehrte mit einem zerlesenen französisch-buch zurück. er gab es mir mit einem lächeln in die hand und sagte: "lies mal!" der zufall half mir, denn ich fand sofort einen reim, den ich den kindern vorlas. ich bat sie, ihn mit mir zu singen. natürlich kicherten alle und zierten sich, sie schauten weg und zupften an ihren röcken und hemden. aber dann waren wir doch so weit: "sur le pont, d`avignon ... " auf der weißen wand erschienen bunte bilder einer freundlichen zukunft, als wir auf der matratze saßen und vor der großen pyramide aus keksen zusammen sangen. auch achmed hatte mitgesungen - eben so, wie er es konnte. dann aber stand er auf, verließ uns und schob seine frau ins zimmer: „das ist fatima!“ sie begrüßte mich artig und ich lobte sie für die kekse. sie lächelte und bedankte sich. dann setzte sie sich zu ihren kindern. im nächsten moment wusste ich nicht mehr, wo sie geblieben war! ich war mir ganz sicher: fünf kinder hatten auf der matratze gesessen, jetzt aber schauten mich sechs kinder mit blitzenden augen an! achmed rief: "jetzt nach marrakesch!“ sechs kinder winkten mir zu, als achmed die taxe wendete und über den schotterplatz zurück zur hauptstraße fuhr. kleine steine und eine brille wir fuhren nicht nach marrakesch, sondern ins zentrum von agadir. dort hielt achmed. "nur fünf minut", dann sprang er aus dem auto und verschwand hinter einer hausecke. manchmal schaute ich auf die uhr. die fünf minuten verstrichen, 10 minuten auch. nach einer halben stunde fragte ich mich, warum ich eigentlich noch nach marrakesch fahren wollte? aber da kehrte achmed endlich zurück und winkte mit einem papier. "hier hab ich stempel von polizei für marrakesch! steig ein, mein freund! wir fahren!" erleichtert ließ ich mich auf die sprungfedern fallen. in rascher fahrt verließen wir agadir. bald schon kamen wir in die berge des mittleren atlas. vor uns mühte sich ein lkw die straße hinauf. plötzlich flog ein gegenstand gegen unsere autoscheibe. in augenhöhe zersprang das glas. ein aufgewirbelter stein hatte das auto getroffen. die scheibe war aber gott sei dank nicht durchschlagen, sonst wäre es mit meinem marrakesch-besuch wohl nichts mehr geworden. "oh, oh", rief achmed, während er mühsam durch die zerbrochene scheibe seinen weg suchte, "du bezahlst 400 dirham für fahrt nach marrakesch, aber neue scheibe kostet 800 dirham. aber macht nichts! ich kenne freund, der gibt mir eine alt scheibe. musst nämlich wissen: meine taxe hier ist von acht autos." ich wollte nicht länger auf dem vordersitz bleiben. wer wusste schon, was uns noch auf unserem weg nach marrakesch passierte. als ich auf dem rücksitz der taxe saß, nahm achmed das gespräch wieder auf. "mein auto ist nur noch original in sitze und lenkrad! motor und getriebe und alles, was siehst, ist von acht anderen autos! und wenn ich jetzt eine neu scheibe einbaue, dann hab ich schon teile von neun autos in mein taxi! eigentlich fahren wir mit ganz viel taxis nach marrakesch. ist komisch, oder?“ weil sich auch auf den hintersitzen die sprungfedern sehr lästig bemerkbar machten, fragte ich mich, warum er nicht schon viel früher die sitze aus einem zehnten mercedes ausgebaut hatte. als achmed sich aber ein kleines kissen unter seinem hintern zurechtrückte, wusste ich es: er war eben noch nie mit seiner eigenen taxe gefahren! so gut ich konnte, beobachtete ich vom rücksitz aus die fahrt durchs gebirge. achmed musste immer wieder die langsam vor uns fahrenden autos überholen. dann sah ich wegen der zersprungenen fensterscheibe die lastwagen viel zu spät, die uns wild hupend entgegenrasten. während sie an uns vorbei über den schotter schleuderten, versuchte achmed, sein auto in höchster eile wieder rechts einzuordnen. dann wieder vergingen viele minuten, in denen uns überhaupt kein auto entgegenkam. aber immer, wenn achmed zum überholen ansetzte, erschien mit sicherheit ein fahrzeug auf der gegenspur, als habe es darauf gewartet, mit uns zusammenzustoßen. ich hatte mich ängstlich in die vorderlehne verkrallt und sah aus den augenwinkeln, wie schwer achmed arbeitete. ihm stand der schweiß auf der stirn und sein hemd war nass. es war nicht einfach, das auto zu lenken, weil die zersplitterte scheibe ihm nur noch an einer kleinen, unbeschädigt gebliebenen stelle freie sicht bot. als er wieder einmal einem lastwagen nur in letzter sekunde ausweichen konnte, platzte achmed der kragen. "ich trag nie brille! auch wenn mein doktor will!“ er griff in seine brusttasche und zog eine silberne brille heraus. "aber nun ist mir zu bunt! jetzt will ich doch sehen, was ist!" er setzte sich die brille auf und ich ließ mich beruhigt in den rücksitz fallen. die riskanten überholmanöver wiederholten sich nicht mehr und wir fuhren sehr manierlich durch den mittleren atlas. ich schlief bald ein und träumte von zusammenstößen mit hupenden kekspyramiden. rolex und tajine "du hast hunger? ist mittag! jetzt wir essen!" achmed weckte mich aus dem schlaf. nein! nur weiter! marrakesch war noch weit! nur jetzt keine pause! aber bevor ich noch antworten konnte, bremste achmed und lenkte seine taxe auf einen parkplatz. "ja, du hast hunger!", rief er so bestimmt, dass jedes widerwort zwecklos gewesen wäre. unter der markise des restaurants fanden wir auch gleich einen freien tisch. "du willst sitzen und ich will duschen". bevor ich noch etwas einwenden konnte, verschwand achmed im inneren des restaurants. jetzt kam ein junger marokkaner an meinen tisch. er trug in jeder hand ein bündel sonnenbrillen. "du deutsch? du brauchst brille?" "ich habe bereits eine brille!" "wenn deine kaputt, du brauchst eine andere, oder nicht?" "meine brille ist nicht kaputt." "noch nicht, monsieur! nimm eine von mir." "die nützen mir nichts! ich trage eine sonnenbrille mit geschliffenen gläsern!" "kein problem! du gehst mit der brille zum optiker und er macht dir schön neue gläser!" ich war müde und wollte das gespräch nicht. deshalb kaufte ich ihm eine sonnenbrille ab. als wir später weiterfuhren, vergaß ich sie im restaurant. jetzt erschien ein uhrenverkäufer und machte an meinem tisch halt. "du deutsch? hast eine schöne uhr! aber nicht so schön wie meine! ist rolex! sehr gut swisse qualität!“ da achmed immer noch unter der dusche stand, ließ ich mir seine ganze uhren-kollektion zeigen. eine breitling-uhr aus china mit vielen knöpfen und billigem quarzwerk sah ich mir ein wenig länger an. "ist sehr schön stück. in swisse kostet 10.000 dirham, bei mir aber nur 500!" ich gab ihm 150 dirham und steckte die uhr die tasche. endlich war achmed zurück. er schüttelte sich das wasser aus seinen nassen haaren und setzte sich. "was magst essen?" "nur eine kleinigkeit! wir wollen ja heute noch nach marrakesch!" "mein freund, erst wir essen und dann wir fahren! eins nach anderem!“ er bestellte eine tajine mit hammelfleisch. es dauerte eine ganze weile, bis der kellner den großen tontopf auf unseren tisch stellte und den spitz zulaufenden deckel hob. auf einem bett aus kartoffeln und karotten lag das hammelfleisch. ach, was sage ich! da lag ein halber hammel! war ich jetzt auf dem weg nach marrakesch oder beim festessen einer marokkanischen hochzeit? "gut appetit!“ achmed griff sich ein besonders saftiges stück fleisch aus dem topf. ich war bald satt! achmed ermunterte mich zwar immer wieder, noch einmal zuzugreifen. aber in welcher ecke meines magens sollte ich das hammelfleisch, die karotten und kartoffeln noch unterbringen? es war einfach kein platz mehr da! achmed saß in seinem stuhl und streckte die beine weit von sich. manchmal fielen ihm die augen zu. ich fürchtete, dass er gleich sagen würde: "und nun ein kleines schläfchen! ist in marokko immer so!" stattdessen fuhr er mit einem ruck aus seinem stuhl und zeigte auf die tajine und die abgenagten hammelknochen, die rings um den topf auf dem tisch lagen. "bezahl die tajine! wir fahren jetzt nach marrakesch!" achmed und ich waren schon bei der taxe, als er zum restaurant hinüber winkte. drei marokkaner, zwei männer und eine junge frau, winkten zurück und liefen los. sie kletterten in die taxe. die junge frau setzte sich vorn hinter die zersplitterte frontscheibe, die beiden marokkaner nahmen hinten platz. mir blieb auf der rückbank nur die äußerste rechte ecke, wo allerdings die sprungfedern besonders schmerzhaft zu spüren waren. "das sind freunde von mir! ich hab gesagt, du bist netter mann. wir können sie fahren in ihr klein dorf! dann sind sie gleich bei mama!" er startete, um mich nach marrakesch, zuvor aber seine marokkanischen freunde nach hause zu bringen. tote musik und viele zigaretten achmed hatte eine kassette ins radiofach geschoben. schon begann ein arabischer "sing-sang", der mich in einen schläfrigen nebel entführte. aber da stieß mich der marokkaner neben mir in die seite und bat um eine zigarette. als ich ihm die schachtel reichte, griffen alle zu! blaue wölkchen, arabischer sing-sang, sanftes schaukeln ... innerhalb der nächsten halben stunde war meine zigarettenpackung leer. achmed musste anhalten, damit ich aus meinem trolly im kofferraum eine neue packung nehmen konnte. plötzlich verhakte sich die kassette. die arabische musik erreichte schrillste höhen und brach dann jammernd ab. achmed wollte die kassette aus dem fach nehmen. dabei zog er aber nur das magnetband meter um meter von der spule. er verwickelte sich hoffnungslos darin und seufzte: „dies musik ist tot!" jetzt fuhr er in eine scharfe kurve, von der straße weg auf einen schotterweg. es ging sofort steil bergan. in immer neuen serpentinen kroch der mercedes den berg hinauf. der diesel-motor stotterte und heulte. achmed griff ins lenkrad und zog es mit aller kraft einmal nach rechts, dann wieder nach links. unsere marokkanischen begleiter waren ganz still geworden. je mehr sich unsere taxe in die berge schraubte, desto mehr dachten sie wohl an mama! manchmal drehten die reifen durch und der motor schrie und keuchte. oft wirbelten ganze steinlawinen hinter uns den berg hinunter. wir erreichten eine schmale holz-brücke, die über eine tiefe schlucht führte. ich wollte nicht hinuntersehen! vorsichtig lenkte achmed das auto auf die erste holzbohle. dann erfassten die vorderräder die nächste. so krochen wir über den schwindelnden abgrund. noch eine letzte kurve und das dorf war erreicht! ich sah einige kleine häuser, die sich in den berg duckten. achmed bremste. die drei marokkaner sprangen hinaus und küssten nacheinander achmed die wange und flüsterten ihm etwas ins ohr. "meine lieb freunde möchten dich einladen zu tee und keks." "das ist sehr nett! aber ich bin noch so satt von der tajine!“ sie liefen davon, achmed wendete das auto und sagte: "und jetzt fahren wir nach marrakesch." gebrannte mandeln und viele tüten es ging den berg wieder hinunter. das war fast gefährlicher als der weg hinauf. wenn achmed bremsen musste, rutschte das fahrzeug auf dem schotter einfach weiter. achmed schaltete einen gang tiefer, drückte mit aller kraft das bremspedal bis zum anschlag durch und zog die handbremse. manchmal half es. manchmal aber schrammte das fahrzeug an der niedrigen begrenzung entlang, die unsere straße von der schlucht trennte. kam das auto zum stehen, fluchte achmed und stieg aus. wenn er sich dann den schaden angesehen hatte, rief er: „ich kleb reklame von orangina über schramme, dann ist nichts mehr zu sehen." es war später nachmittag geworden, als wir das gebirge hinter uns ließen und in flaches land kamen. ich entdeckte im vorbeifahren einige verkaufsstände, ein paar esel und viele menschen. achmed fragte: "du willst sehen souk? ist sehr schön!" "nein, lass uns weiterfahren. ich möchte doch noch nach marrakesch!" "ach, wir haben zeit, viel zeit!" er lenkte das auto von der straße und parkte es neben den eseln. ich kaufte auf dem souk apfelsinen, ließ grüne und schwarze oliven und allerlei gewürze für achmeds küche abwiegen. ich erstand auch fünf hemden für seine kinder. dann zeigte mir achmed die großen löcher in seinen schuhen. also kaufte ich ihm ein paar neue. er wollte unbedingt braune halbschuhe. „sind mode jetzt!“ dann begegneten wir einem händler, der kassetten mit arabischer musik verkaufte. "kannst kaufen mir? du weißt doch! mein musik ist tot!“ ich ließ uns einige kassetten einpacken und dann schlenderten wir, eine tüte geröstete mandeln in der hand, weiter über den souk. achmed rief immer wieder: "schau mal! kann gut brauchen!“, oder er sagte ganz traurig: "ich bin armer mann! sehr arm!“ auf dem souk mit den gebrauchten kleidern kaufte ich ihm noch eine hose und drei paar socken. dann kehrten wir mit vielen tüten zur taxe zurück. "schöner souk! und alles so billig", bemerkte achmed, als er die taxe startete. "und wohin fahren wir jetzt?" "wohin du willst, mein freund, wohin du willst!" diesel und stilos irgendwann las ich auf einem schild, "marrakesch - 60 km". müde lehnte ich mich zurück und war auch gleich eingeschlafen. jetzt träumte ich von einer eisenbahnfahrt im schwarzwald. warum ich in marokko vom schwarzwald träumte, weiß ich nicht. aber als mir gerade ein mädchen in typischer landestracht und mit einem hut, auf dem rote bällchen befestigt waren, zuwinkte, bremste die lokomotive. ich schrak hoch. unsere taxe stand mitten auf der straße. "was ist jetzt?" "irgendwas mit auto! aber was?“ wir stiegen aus und schoben die taxe an den straßenrand. achmed öffnete die kühlerhaube und besah sich das gewirr von kabeln und motorteilen. er prüfte die steckverbindungen und den ölstand, schlug dann die motorhaube wieder zu und stellte fest: "ist alles in ordnung." "und jetzt?", fragte ich ungeduldig. achmed hatte den verschluss des dieseltanks geöffnet und schnupperte hinein. "kein diesel!“ "hast du denn in agadir nicht getankt?" "doch, doch! ich dacht aber gleich: komisch! ich nehme diesel für 50 dirham und tankanzeige sagt ‚voll‘. aber jetzt weiß ich, die tankanzeige sagt immer ‚voll‘, auch wenn leer. wart mal! ich hol neu diesel." und schon lief er auf der straße richtung marrakesch davon. ich wartete und hörte mir die neuen kassetten an. die musik der ersten war sehr hübsch, aber auf den anderen war nichts anderes als ein unablässiges knistern und rauschen zu hören. endlich sah ich achmed in der ferne. hinter ihm lief eine ganze schar kinder und ganz am ende hinkte ein alter marokkaner hinterdrein. ganz atemlos erreichten sie mich. "jetzt haben wir genug diesel“, keuchte achmed. jedes der kinder, 15 an der zahl, trug eine mit diesel gefüllte plastik-flasche. achmed öffnete den tankverschluss, dann traten die kinder einzeln vor und schütteten den inhalt der plastik-flaschen in den tank. der alte marokkaner beobachtete alles sehr aufmerksam. "wer ist das?“, fragte ich. "das ist tankwart! wenn wir nicht kommen zu ihm, er muss eben kommen zu uns!" als auch das letzte kind den kraftstoff in den tank gegossen hatte, schraubte achmed ihn sorgfältig zu und sagte: "tankwart bekommt 150 dirham für diesel und 20 dirham für service mit kinder!" ich gab dem alten 200 dirham und wartete auf das wechselgeld. er steckte den schein in seine hosentasche, jedoch ohne jedes anzeichen, mir herauszugeben. „ich bekomme aber noch 30 dirham zurück!" "ich weiß! mustafa muss aber erst gehen zu tankstelle und geld im wechel holen. doch tankstelle ist jetzt zu!“ die kinder hatten mich umringt und sahen mich mit ihren schwarzen augen neugierig an. einige zupften an meiner hose und riefen "mister, mister!" "was wollen die kinder denn noch?" "sie wollen dirham fürs tragen!" "aber ich habe doch für sie 20 dirham extra bezahlt?" „die 20 dirham sind provision für tankwart, nicht für kinder!“ ich ging zum kofferraum, öffnete meinen trolly und zählte 15 kugelschreiber ab, die ich in marokko immer dabei habe! dann verteilte ich die "stilos" an die kinder. der tankwart und achmed schauten mir mürrisch zu. die kinder hatten die plastikflaschen längst achtlos neben die straße geworfen und sich wieder auf den heimweg gemacht. nur der tankwart blieb bei uns stehen. "nun lass uns weiterfahren!" "ja, ja!" achmed tat keinen schritt zum auto. "worauf wartet ihr denn noch?“ "auf stilo für tankwart und stilo für mich." das grosse und das kleine hotel der alte nahm vorn im auto platz und wir setzten ihn im nächsten dorf ab. er verabschiedete sich, nahm den neuen kugelschreiber aus der tasche und küsste ihn. als wir marrakesch erreichten, war es schon dunkel. je näher wir dem zentrum kamen, umso dichter wurde der verkehr. achmed fuhr zielstrebig in die stadt hinein, obwohl er doch mein ziel gar nicht kannte. er schlängelte sich durch den verkehr, hupte, wenn die autos vor ihm nicht losfuhren und wartete selbst an den ampeln, bis ein empörtes hupkonzert ihn aufforderte, loszufahren. er bremste, um einer kutsche nicht in die räder zu fahren und wich geschickt den mopedfahrern aus, die ohne erkennbaren grund die fahrspuren im zick-zack wechselten. "wo fährst du mich hin?“ „zum djemma el fna! ist ein schöner platz! und dann fahr ich zu reservoir für wasser im park! wirst auch sehen das haus vom sultan. dann müssen wir zurück nach agadir. ist ja schon dunkel! wirst sehen, mit mir kennst du marrakesch bald wie dein eigen frau!“ "aber ich bin hier in einem hotel angemeldet! ich habe doch nicht den weiten weg von agadir gemacht, nur um mir für zwei stunden marrakesch anzusehen!" "wenn du nicht sehen willst marrakesch, auch gut! wie heißt dein hotel?" "hotel jasmine". "gibt nicht in marrakesch! wir müssen anderes hotel für dich suchen!“ "ich will aber ins hotel jasmine! sie erwarten mich dort." "gut, dann fahr ich zum hotel jasmine! heißt doch jasmine, oder?“ er hielt am bordstein, kurbelte das fenster herunter und rief einem passanten etwas zu. der zeigte erst nach rechts und dann nach links. achmed schloss das fenster und wir fuhren weiter durch den abendverkehr. ich hatte das gefühl, dass achmed immer im kreis herumfuhr. aber dann öffnete sich ein weiter platz vor uns. ich sah ein großes, hell erleuchtetes hotel und achmed lenkte seine taxe in die hotelauffahrt. ein portier sprang zum auto und riss die tür auf. "bon soir, monsieur." "was soll ich hier?" “das ist dein hotel!" "das kann nicht sein. das „jasmine“ ist ein kleines hotel an der stadtmauer von marrakesch!" "kannst lesen oder nicht?" in leuchtschrift stand über dem hoteleingang. "hotel-grand-jasmina". "das ist aber nicht mein hotel! fahre bitte weiter!" der portier öffnete die tür der taxe und bat mich, auszusteigen. als ich es nicht tat, öffnete er den kofferraum, nahm meinen trolly heraus und rollte damit in die hotelhalle. "achmed! hol den koffer zurück!" "warum? ist bestes hotel von marrakesch, mit schön zimmer und gut essen!“ "aber ich habe das kleine, nette „hotel jasmine“ gebucht!" "und nicht großes „hotel jasmina“! ja, ich weiß! aber ist doch kein problem! du wohnst in groß hotel und morgen gehst du in das klein hotel und sagst, dass du da nicht sein willst!“ "aber warum denn?“ achmed sah mich ratlos an. "weil keiner „hotel jasmine“ kennt!“ mit zwei taxen ans ziel jetzt fiel mir ein, dass in meinem trolly ein kleiner prospekt des hotels lag. ich suchte ihn heraus. das hotel war dort sehr schön abgebildet. sogar die berühmte lehm-mauer war im hintergrund zu erkennen! "sieh es dir an! das ist das „hotel jasmine“!" achmed blätterte in dem prospekt. "ja, ist kleines hotel! aber vielleicht gibt nicht mehr in marrakesch! zugemacht oder so!“ "das glaube ich nicht! wir fahren jetzt einmal um die stadtmauer herum! irgendwo wird das hotel schon sein." "wie du willst!" achmed startete seine taxe und dann umrundeten wir marrakesch. nach einer stunde waren wir wieder am ausgangspunkt angekommen. "jetzt hast du gesehen alles von draußen!“ ich nahm noch einmal den kleinen prospekt zur hand. "aber sieh doch! hier ist das hotel - und da die stadtmauer." "stadtmauer wird immer bleiben! aber ob hotel immer bleibt - ich weiß nicht!" verzweifelt drehte und wendete ich den prospekt und dann sah ich es: auf der rückseite war ein plan der stadt abgedruckt und ein kleiner pfeil zeigte auf die stelle, wo das hotel lag. "jetzt werden wir das hotel ganz schnell finden!“ achmed nahm die karte, sah sich dann um und zeigte über die straße. "da drüben steht hotel - steht aber nicht!" mir riss der geduldsfaden. ich stieg aus und lief über die straße. ein großes gebäude versperrte mir den weg. als ich es aber umrundet hatte, sah ich es: leicht zurückgesetzt, von einem palmenhain fast verborgen, stand das hotel "jasmine". die eingangstür war verschlossen. ich klopfte. nichts rührte sich. ich klopfte noch einmal. jetzt hörte ich im inneren schleppende schritte, dann drehte sich ein schlüssel im schloss. die tür ging einen spalt auf und ich sah in ein faltiges gesicht. "guten abend! ich bin ihr gast aus deutschland!" der alte sah mich misstrauisch an. "lass mich mal!", rief achmed, der inzwischen seine taxe in der auffahrt geparkt hatte. er drängte sich zwischen uns und sprach auf den alten ein. dann sah er mich traurig an. "sie haben jetzt kein zimmer! erst morgen wieder!" "aber ich bin doch angemeldet!" "das kann sein! aber patron ist nicht mehr im hotel. und nur patron hat schlüssel für zimmer.“ "was mache ich denn nun?" "ist einfach! du gehst in groß hotel jasmina!" „dann fahr mich in gottes namen dorthin.“ "will ja gern! aber marrakesch ist groß! wo ist das hotel?“ "das haben wir gleich!", rief ich mit blanken nerven und lief auf die straße, bis ein petit-taxi auftauchte. ich winkte es heran. "bitte ins hotel grand-jasmina!" "gern, monsieur! steigen sie ein!" "nein! ich nehme die taxe dort drüben! fahren sie nur vorneweg, wir folgen ihnen!" der fahrer sah mich verdutzt an. ich stieg zu achmed und dann fuhren mich zwei taxen zum „grand-hotel jasmina“ in marrakesch. ein computer und viele zimmer das kleine taxi bremste vor uns in der auffahrt. der portier, den wir nun schon kannten, lief zum petit-taxi, riss die hintere tür auf und sah hinein. dann lief er zu uns und sah misstrauisch durchs fenster. als er mich entdeckte, verzog er verächtlich sein gesicht und kehrte in das hotel zurück. zwei hotelangestellte warteten hinter der rezeption. der eine fragte: "ein zimmer? für wie viele tage?" der andere lief zum computer und ließ sich die freien zimmer des hotels aufrufen. "moment, bitte!", rief er und starrte auf den bildschirm. dann entschuldigte er sich: "der computer sagt: ist nichts mehr frei. das ist schade! dann muss ich eben selber schauen, welches zimmer wir ihnen geben können!“ achmed war inzwischen mit meinem trolly in die hotelhalle gekommen. "ist sehr schönes hotel!“ er sah sich um. "ja", erwiderte ich und hatte plötzlich die chinesische breitling-uhr in der hand, die ich beim mittagessen an der straße nach marrakesch gekauft hatte. "möchtest du sie?" er nahm die uhr und drehte sie in seiner hand. "swisse-uhren gehen nicht genau! aber wenn du willst, ich gebe sie zu mein schwager! er ist bei busunternehmen in casablanca! sie haben immer groß verspätung! aber mit uhr gibt vielleicht nur klein verspätung." dann steckte er die uhr ein. jetzt kam auch der hotelangestellte zurück. er lachte. "kein problem! unser computer sagt gerade: sie sind für neunundsiebzig tage willkommen." wir fuhren in den 7. stock des hotels und ich rollte meinen trolly durch endlose flure. der hotelangestellte schloss eine tür auf. dumpfe hitze und der geruch von schweiß und mottenpulver schlugen mir entgegen. „das ist ein besonderes zimmer! es liegt direkt an der stadtmauer aus lehm." der hotelangestellte öffnete die balkontür. und wirklich! genau gegenüber war die stadtmauer. und gleich daneben, umstellt von palmen und in schweigende dunkelheit gehüllt, erkannte ich das kleine hotel "jasmine". vivaldi im aufzug wir nahmen den lift zurück in die hotelhalle. aus den lautsprechern kam vivaldis „vier jahreszeiten“. wir schwebten im takt der musik von stockwerk zu stockwerk, bis der fahrstuhl stehen blieb. die musik verstummte, das licht erlosch. „was ist das?“, fragte ich erschrocken. „nur einen moment, bitte!“, kam es aus der dunkelheit. „wir haben hier im hotel zwei fahrstühle! der eine bleibt meistens vor dem dritten stockwerk stehen, aber dieser hier funktioniert immer ohne probleme!“ „das sehe ich!“ „ich habe schon den roten knopf hier gedrückt! jetzt klingelt es unten in der rezeption und mein kollege ruft den monteur an!“ „wieso? ist er nicht im hotel?“ „warum sollte der monteur im hotel sein? es funktioniert doch alles!“ „nichts funktioniert!“ „wir sind ein großes hotel! wenn ein lift ausfällt, nehmen wir eben den anderen! dass beide ausfallen, ist sehr unwahrscheinlich! sie brauchen wirklich keine angst zu haben“. ich hörte von weit unten ein klopfen. „ist das der monteur?“ „warten sie! ich muss erst lauschen!“ er kniete sich in den fahrstuhl. „nein! das ist mein kollege von der rezeption. er klopft drei mal, aber der monteur viermal.“ plötzlich knackte und rauschte es im lautsprecher. dann setzte die musik wieder ein. „mein kollege hat repariert, damit uns nicht langweilig wird! haben sie eine zigarette?“ jetzt hörte ich vier klopfzeichen. „der monteur! sie werden sehen: jetzt geht es ganz schnell.“ nach einigen minuten kam von oben her ein kratzendes geräusch. dann öffnete sich über meinem kopf eine luke und licht fiel in den lift. ich sah in ein dunkelhäutiges gesicht, das sich zu uns hinunter beugte. „hallo, samir“, rief der hotelangestellte. „ist alles in ordnung?“ „immer!“, rief samir über unseren köpfen. „jetzt kommt mal hier durch loch raus! ihr müsst dann nur zum viert stock klettern! oder ihr mögt auch bleiben im aufgezug. dann ich mach ordnung im keller.“ „ich bleibe hier“, rief ich. „ich will mir doch nicht gleich am ersten tag in marokko ein bein brechen!“ „gut“, rief samir von oben. „dann reparier ich jetzt schnell aufgezug.“ wir rauchten eine zigarette. dann flammte das elektrische licht wieder auf. „es kann nicht mehr lange dauern“, sagte der hotelangestellte. ich hustete. „sie müssen ganz langsam atmen, oder nehmen sie noch eine zigarette!“ plötzlich gab es einen ruck, der fahrstuhl setzte sich in bewegung und glitt hinunter in die hotelhalle. die tür öffnete sich lautlos und wir sahen in die freudigen gesichter aller, die dort auf uns gewartet hatten: der monteur, die beiden hotelangestellten und achmed, der ein wenig abseits stand, und meinen trolly fest in der hand hielt. der abschied und das katzenfell der augenblick des abschieds war gekommen. achmed hatte nun wirklich alles getan, um mich schnell, sicher und ohne umstände nach marrakesch zu bringen. ich gab ihm die hand und sagte: „vielen dank, achmed! das hast du gut gemacht!“ er sah mich traurig an. „und ich werd dich nicht vergessen! auch mein frau und kinder nicht.“ ich nahm meine brieftasche und reichte ihm 500 dirham. „nein, ich nehme nicht geld von einem gut freund! ich hab alles gern gemacht! war für mich auch schön!“ ich legte ihm den geldschein in die hand. „taxi-fahren ist schließlich dein beruf!“ „gut, ich nehme! aber mit schwer herz.“ „das weiß ich doch! und nun gibst du mir die 100 dirham wechselgeld zurück und dann musst du auch losfahren. es ist ja schon fast mitternacht.“ achmed suchte erst in seiner linken und dann in seiner rechten hosentasche. „du bekommst 100 dirham! das ist korrekt! aber ich hab nicht geld zum wechsel.“ „dann müssen wir an die rezeption gehen.“ „nein, wart mal! - wann bist du wieder in agadir?“ „ich denke, in 14 tagen!“ „das ist gut! ich nehme jetzt 500 dirham! wenn du kommst nach agadir, ich geb dir die 100 im wechsel zurück.“ „warum denn so kompliziert?“ es tat mir aber schon leid, dass ich so mit ihm sprach. er kämpfte um die 100 dirham, als würde davon sein leben abhängen. „na, gut! sollten wir uns in 14 tagen in agadir wieder treffen, gibst du mir die 100 dirham zurück und dann lädst du mich zu einem tee ein.“ „den können wir gleich trinken!“ „ach, ich bin viel zu müde! ich gehe schlafen.“ „dann gebe ich dir ein talisman!“ achmed zog umständlich ein weißes bündel aus seiner hosentasche: ein stück katzenfell, an das zwei knopfaugen aus plastik genäht waren. „bringt glück und wirst immer an mich denken.“ er umarmte mich und wir gaben uns vier küsse, zwei auf jede wange. dann verließ er mit raschen schritten, und ohne sich noch einmal umzuschauen, die hotelhalle. ich ging zum fahrstuhl, besann mich aber und nahm die treppe. als ich in mein zimmer kam, war ich plötzlich so allein! ich öffnete die balkontür, trat in die nacht hinaus und nahm das komische stück katzenfell in die hand. ich ließ es lange durch meine finger gleiten ... |