*** RUND UM AGADIR ***
 
NACH ESSAOUIRA


330 kilometer, ca. 9 stunden

Auch für diese fahrt sollten wir früh aufbrechen, denn essaouria liegt 165 kilometer von agadir entfernt, ist aber über eine gute strasse zu erreichen, die uns nur kurz durch einige serpentinen der ausläufer des hohen atlas führt.

wir verlassen agadir in nördlicher richtung und fahren immer parallel zum meer. hier erst erfahren wir die kraft und gewalt des atlantiks, wenn er mit seinen mächtigen wellen die küste erreicht und hohe, schäumende fontänen aus gischt über die felsen schleudert. bei cap rhir, wo ein leuchtturm strahlend weiss auf den vorgelagerten klippen steht, lohnt es sich, auszusteigen, um dem tosenden atlantik nah zu sein, während ein heftiger sturm an uns zieht und zerrt.

urlauber, die zum ersten mal nach agadir kommen, sind bisweilen enttäuscht. sie dachten sich eine urlaubsidylle wie am mittelmeer und sind überrascht von dem oft rauhen und wechselnden klima. immer wieder geschieht es, dass an einem heissen tag - besonders in den sommermonaten -plötzlich eine dichte nebelbank über den atlantik heran weht und die stadt mit eisiger kälte überzieht.

auch die nächte sind - bis auf wenige ausnahmen, wenn ein heisser wind aus der sahara heran weht - kühl, bisweilen sogar kalt. zwar hat agadir viele sonnenstunden, die uns gerade im winter das oft schmuddelige wetter in europa vergessen lassen. aber wir sollten uns nicht täuschen! sobald die sonne untergeht, - und das geschieht im winter sehr früh -, werden wir wahrscheinlich fluchtartig den strand verlassen müssen, denn es wird sofort empfindlich kalt. darum sollten wir, wenn wir in den wintermonaten in agadir urlaub machen, auch immer darauf achten, ein hotelzimmer in südlicher lage zu bekommen, in das tagsüber die sonne scheinen und es wärmen kann. ich habe einmal in einem nordzimmer des grossen hotels anezi, das über keine heizungen in den zimmern verfügt, gewohnt. ich verstand nicht, warum immer mehr touristen die zimmer neben mir verliessen. anstatt einmal darüber nachzudenken, zog ich nachts zwei wollpullover übereinander, fror trotzdem ganz erbärmlich und reiste am ende mit einer fürchterlichen bronchitis nach deutschland zurück. die anderen gäste hatten es besser gemacht, ihre ausgekühlten zimmer verlassen und eines auf der südseite des hotels verlangt.

das klima in agadir ist so ganz anders wie am mittelmeer, trägt aber mit seiner schroffheit und erbarmungslosigkeit zu der ganz speziellen atmosphäre agadirs und seiner umgebung bei. dazu kommt das fast durchsichtige licht. reingewaschen vom atlantik, mischt es die farben der landschaft nicht, sondern trennt und kontrastiert sie. wie mit der allergrössten tiefenschärfe fotografiert, bilden sich harte konturen, und nichts verhüllt sich in den schleiern fliessender und weicher übergänge.

in marokko werden wir liebliches und mildes vergeblich suchen ...

hinter cap rhir schlägt die strasse einen bogen ins land und wir verlassen für eine weile die felsen und klippen des atlantiks. in leichten serpentinen fahren wir durch das vorgebirge des hohen atlas. hier liegt das grösste, zusammenhängende arganiengebiet marokkos.

der baum, der mit seinem wurzelwerk dafür sorgt, dass der boden nicht errodiert, ist inzwischen in seinem bestand gefährdet und das empfindliche ökologische gleichgewicht, in dem die arganie eine wesentliche rolle spielt, wurde nachhaltig gestört. über jahrhunderte gab es raubbau an diesem baum und sein holz wurde als billiger brenn- und baustoff verwendet. die blätter und früchte dienten (und dienen) tieren als futter. es sieht vielleicht possierlich aus, wenn ziegen in die bäume steigen, um die zweige, die jungen triebe und knospen zu fressen. es schadet aber den bäumen und verhindert ihr wachstum. erst in den letzten jahren hat die marokkanische regierung die bedeutung der arganie für marokko begriffen und versucht mit grossem finanziellen aufwand, den baum zu retten und besser zu schützen. interessant ist, dass alle versuche fehlschlugen, die arganie zum beispiel im spanischen andalusien anzupflanzen. sie gedeiht nur in marokko und auch dort nur in einem eng umgrenzten gebiet, das von essaouira bis zum antiatlas reicht.

überall warten händler an der strasse, die uns in plastikflaschen das arganienöl entgegen strecken. da wir aber wissen, wie zeitaufwändig es ist, das öl zu gewinnen, und wie viele kerne gebraucht werden, um nur wenige tropfen davon zu gewinnen, können wir getrost annehmen, dass uns hier ein mix aus arganien- und olivenöl verkauft werden soll.

nach etwa zwei stunden haben wir tamanar erreicht. donnerstags findet dort ein souk statt, den wir uns, weil er noch so ursprünglich ist, unbedingt ansehen sollten. die esel,
mit denen die bauern aus dem umland heran geritten sind, um ihre produkte anzubieten, „parken“ am eingang des marktes. sein geruch von gemüse, obst und gewürzen, der die luft sättigt, ist auf allen souks marokkos ähnlich. ich vergesse immer schnell die zeit, wenn ich den menschen zusehe, wie sie miteinander reden, handeln und feilschen - alles mit einer unermesslichen geduld und dem bewusstsein, viel zeit zu haben. diese zeit können wir auf keinem souk in marokko kaufen - sie wird uns aber geschenkt, wenn wir nur gedankenverloren genug in die farben, geräusche, gerüche und die uns fremde sprache eintauchen.



bald hinter tamanar weisen schilder zu den buchten und stränden am atlantik. sie liegen - unserem blick verborgen - hinter grossen dünen. hier finden die surfer ihre reviere, denn die wellen des atlantiks sind hoch und es weht ein ständiger, starker wind.

nach dem abzweig zum neu gebauten flughafen, der bald ans internationale flugnetz angeschlossen werden soll, erreichen wir essaouira. wir fahren über den breiten boulevard, der parallel zum weiten strand verläuft, zur medina und dem hafen. dabei können wir uns an den festungsmauern orientieren, die von weither sichtbar ins meer ragen. unterhalb der mauern liegt der bewachte parkplatz, auf dem wir unser auto abstellen können.



unser weg führt uns als erstes zum kleinen hafen, den wir durch ein grosses, wehrhaftes tor betreten. unzählige fischerboote, flach und bauchig-breit gebaut, liegen im hafenbecken und werden entladen - im juni sind es vor allem sardinen, die im atlantik gefangen werden. ich habe aber auch alle anderen fischarten entdeckt - sogar haie, die auf kleinen karren eilig fortgeschoben wurden. ich nehme an, dass dies ein besonders wertvoller fang war.

in grossen körben werden die fische aus dem inneren der boote hoch gezogen, die dann von hand zu hand in die bereit stehenden wannen aus plastik geschüttet werden. auf anderen schiffen döst die mannschaft in der mittagssonne und wartet, dass ihr schiff zum nächsten fang ausläuft. ein matrose entledigt sich gerade seiner kleidung und springt ins wasser, das ölig-schmutzig ist und auf dem allerhand unrat schwimmt.

die sardinen werden entweder gleich weiter in die wartenden transporter verladen oder an ort und stelle an die bevölkerung verkauft. überall drängen sich die menschen, um die qualität der fische zu begutachten und um den preis zu feilschen. ganz schlaue kaufen den kapitänen einige fische ab, breiten sie vor sich auf der erde aus und warten auf kunden.

gleich neben dem hafenbecken sind die werften, auf denen - traditionell aus holz - die typischen fischerboote gebaut werden. am pier liegen die netze zum trocknen aus und marokkaner sind damit beschäftigt, die bei der letzten fahrt entstandenen löcher zu flicken. in einer ecke stapeln sich bojen mit bunten wimpeln, die auf see zur markierung der netze dienen.

gerade kommt ein kutter von see herein und sucht sich im dichten gewimmel der anderen schiffe einen ankerplatz. sofort bildet sich eine menschentraube am pier, die neugierig schaut, was der dicke schiffsbauch zum vorschein bringt

auf dem weg aus dem hafen und zur medina, die auf einem felsen ins meer gebaut ist, kommen wir an einer reihe von ständen vorbei, an denen wir fisch nicht nur aussuchen, sondern auch gleich verzehren können. die fische und krustentiere sind auf grossen tabletts dekoriert. ein marokkaner steht dabei und legt alles, was wir ausgewählt haben, in eine schüssel und eilt damit zu einem der holzkohlengrille, die an der kaimauer aufgestellt sind - umkreist und umlagert von möven, die auf einen herunter gefallenen happen lauern.

ich erzähle gewiss nichts neues, wenn ich sage, dass der fisch in diesen „restaurants“ viel zu teuer angeboten wird. das ist vor allem dann unangenehm, wenn wir erst nach der mahlzeit bezahlen, uns von einer völlig überhöhten forderung überraschen lassen müssen und womöglich eine zähe und zumeist ergebnislose diskussion um den preis beginnen.

aber erfahrung macht klug!

wenn ich in essaouira zu mittag esse, reiche ich einem der marokkaner an den ständen 100 dirham - das sind immerhin 10 euro. dann zeige ich auf die fische, die ich gern essen möchte. bei meinem letzten besuch waren es immerhin drei mittelgrosse seezungen, die der marokkaner in seine schale legte, bevor er energisch den kopf schüttelte und mir damit zu verstehen gab, dass es zu mehr nicht reichte.

drei seezungen genügen für ein mittagessen allemal. also setzte ich mich an einen der langen tische unter den blau-weissen markisen und wartete. mit geübten griffen zog ein junger marokkaner den seezungen die haut ab und bereitete sie für den grill vor. inzwischen stand auch schon ein salat mit klein geschnittenen tomaten und zwiebeln vor mir auf dem tisch. zusammen mit dem frischen weissbrot war allein schon das eine kleine delikatesse. wenig später kamen die gebratenen seezungen, die mit zitronensaft beträufelt waren und mir ein kulinarisches himmelreich eröffneten. so schmackhaft und frisch hatte ich sie noch nie gehabt.



nach dem essen verabschiedete ich mich und ging zufrieden meiner wege. kein gezeter wie sonst so oft, kein „hallo, mister, ist nicht genug - musst noch bezahlen ein paar dirham!“ stattdessen hörte ich:

„auf wiedersehen, monsieur! und morgen willst vielleicht kommen zu essen langusten!“

essaouira wirkt andalusisch, mediterran und ist ein hübscher, luftiger urlaubsort, wobei das wort „luftig“ durchaus wörtlich zu verstehen ist, denn der wind weht hier unablässig und wird bisweilen so heftig, dass wir ihn irgendwann nur noch als quälend empfinden.

das sehen die vielen surfer, die essaouira zu ihrem treffpunkt gemacht haben, allerdings ganz anders. wir begegnen ihnen überall - mit ihren rastalocken und dem besonderen surfer„outfit“ sind sie gar nicht zu übersehen.

die atmosphäre der stadt ist freundlich-entspannt, gut gelaunt und die verwinkelten gassen der medina laden zum bummeln ein. sie sind gesäumt von kleinen geschäften, in denen hochwertiges kunsthandwerk - keramiken, schmuck, teppiche und holzarbeiten - angeboten wird, das ich bisher in dieser qualität nur in marrakesch sah.

auf dem platz vor dem eingang zur medina liegen die grossen strassen-cafés. bei einem glas tee können wir über die weltläufigkeit staunen, die selbst von den marokkanern - leger und lässig - an den tag gelegt wird. dieser eindruck steht allerdings in einem seltsamen kontrast zu den wenigen frauen, die sich - dicht verschleiert in ihrem traditionellen weissen harik - unseren blicken entziehen und schnell vorüber huschen.


... in marokko werden wir liebliches und mildes vergeblich suchen.

ich bleibe, trotz meiner erfahrungen in essaouira, bei meiner meinung. allerdings ahnte ich bei meinem aufenthalt in diesem freundlichen ort am atlantik, wie marokko „auch“ sein könnte, wenn nicht täglicher kampf, not und armut die allermeisten menschen in ein hartes und oft trostloses leben zwingen würde.




EINIGE FOTOS -ESSAOUIRA!

im fischereihafen von agadir!