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FRAUEN EROBERN DIE WELT
-- forschen - entdecken - berichten -- die hier versammelten porträts von frauen sollen den "weiblichen"
aspekt des kolonialismus zur sprache bringen.
frauen waren nicht immer nur begleiter ihrer männer, wenn sie aus ihrer heimat ins ungewisse aufbrachen. oft genug waren sie selbst forscherinnen und entdeckerinnen, die es aber verständlicherweise ungleich schwerer als männer hatten, ihrer arbeit nachzugehen. manchmal verkleideten sie sich sogar, um unbehelligt durch nie gesehene länder zu reisen und sie zu erkunden. DIE PORTRÄTS: 1. elisabeth van der woude - oder: eine holländische kolonie in guyana
Guyana wurde im 16. jahrhundert
entdeckt und schon bald stritten holland, portugal und frankreich um die
vormachtstellung. 1676 entschloss sich holland, fakten zu schaffen und dort
eine kolonie zu gründen. dazu wurden siedler angeworben, die bereit
waren, ihr glück in südamerika zu suchen. 2. catalina de erauso - oder: eine nonne als haudegen 3. jeanne baret - oder: als mann verkleidet einmal um die welt
schon die schiffsreise war ein gefährliches unternehmen, da es in der damaligen zeit wenige karten und geeignete navigationsgeräte gab. die schiffe und ihre besatzungen waren untiefen und stürmen hilflos ausgeliefert, der skorbut raffte die menschen dahin und irgendwo lauerten bestimmt piraten, um ihre schiffe zu kapern. noch während der reise nach südamerika stirbt zu anfang des jahres 1677 elisabeths vater und kurze zeit danach auch ihre schwester. wenige tage später erreicht das schiff endlich die küste guyanas und elisabeth sucht mit den anderen eine stelle, an der sie die erste holländische siedlung gründen können. sie berichtet in ihrem tagebuch, dass sich ihnen einige indianer mit ihren kanus zeigten und gutwillig bei der suche nach einem siedlungsplatz halfen. da das land dicht mit bäumen bewachsen war, musste erst der wald gerodet werden, um acker- und weideflächen zu gewinnen. das holz diente den siedlern zum bau ihrer häuser. elisabeth beschreibt das alles in ihrem tagebuch. sie findet aber auch zeit, von der vielfalt der fauna in guyana zu berichten: dort gibt es hirsche, schweine, tiger, leoparden, affen und krokodile. sie beschreibt ebenso sorgfältig die vielen verschiedenen früchte, die in guyana wild wachsen: bananen, ananas, äpfel, kokusnüsse, zuckerrohr, kartoffeln und fenchel. es hätte also ein paradies sein können.
ihre heimreise gestaltet sich noch gefährlicher als die hinreise, denn französische piraten lauern ihnen auf und kapern das schiff. elisabeth notiert, dass sie von drei schiffen verfolgt wurden und die besatzung sich zum kampf bereit machte. der kapitän bekam es mit der angst und versuchte, mit sechs männern in einem kleinen boot zu flüchten. die piraten nahmen jedoch die verfolgung auf und zwangen die männer zur umkehr. anschliessend rammten sie das schiff und enterten es. den 20 männern der besatzung standen 100 bis an die zähne bewaffnete piraten gegenüber. die holländer mussten bald einsehen, dass jeder widerstand zwecklos war. daher holten sie die fahne ein und ergaben sich. die piraten nahmen elisabeth gefangen und verschleppten sie. für einige wochen musste sie an den kaperfahrten der freibeuter teilnehmen. erst vor norwegen übergab man sie schliesslich einem holländischen schiff, das sie zurück in die heimat brachte. dort erreichte sie die nachricht, dass die franzosen die kleine holländische kolonie in guyana überrannnt hatten. ihrem bruder gelang die flucht. was aus den anderen wurde, ist unbekannt. der ganze besitz der familie in südamerika war verloren. bedeutend ist das tagebuch von elisabeth van der woude nicht nur wegen der detaillierten aufzeichnungen, sondern auch, weil zeitgenössische berichte überwiegend von männern geschrieben wurden - wir es also bei diesem tagebuch mit einem ganz seltenen dokument der kolonialgeschichte aus der sicht einer frau zu tun haben. Welches schicksal wartete auf eine junge frau aus adliger baskischer familie, wenn sie nicht verheiratet werden konnte? sie wurde in ein kloster geschickt. so erging es auch catalina de erauso, die ende des 16. jahrhunderts in spanien lebte und darauf sann, wie sie der klösterlichen gefangenschaft entrinnen konnte. in der nacht vor ihrem gelübde eröffnete sich schliesslich die chance zur flucht. sie entdeckte den schlüssel zum tor, stahl nähzeug und ein wenig geld und verliess heimlich das kloster. erst einmal versteckte sie sich, denn man suchte fieberhaft nach ihr. aus ihrem nonnengewand nähte sie ein männerkleid, ihre langen haare schnitt sie ab. dann machte sie sich - als junger mann verkleidet - auf die wanderschaft, um möglichst bald aus der nähe des klosters zu entkommen.
doch auch diese arbeit befriedigte sie nicht, zumal dem bergbau in nordchile kein grosser erfolg beschieden war. sie fand einige gefährten, mit denen sie nach argentinien gehen wollte. aber es gab keine strassen über die zerklüfteten berge und die schmalen pfade in den anden waren gefährlich. ihre gefährten erfroren auf dem marsch - sie allein erreichte schliesslich argentinien und hatte damit fast den ganzen südamerikanischen kontinent vom norden bis zum süden durchwandert. in argentinien angekommen, weiss sie nicht, womit sie ihr leben fristen soll. schliesslich entscheidet sie sich, noch einmal in die spanische armee einzutreten. bei einer kriegerischen auseinandersetzung muss sie sich in eine kirche flüchten und legt dort - warum wissen wir nicht, vielleicht ist sie nur noch müde und zermürbt - eine beichte ab: sie lüftet das bis dahin strenggehütete geheimnis, eine frau zu sein. eine strafe - wie von ihr befürchtet - bleibt jedoch aus. sie muss zwar die armee verlassen, erhält aber eine ehrenvolle pension zuerkannt. wenn catalina de erauso von ihren zeitgenossen gefragt wurde, warum sie die vielen entbehrungen auf sich nahm, antwortete sie: „ich wollte reisen und ein bisschen von der welt sehen!“ wir dürfen allerdings vermuten, dass hinter ihrer verkleidung noch mehr steckte: nämlich die sehnsucht, ihre liebe zu frauen auszuleben, was zu ihrer zeit als unmöglich galt. ein zeitgenosse schilderte sie so: „sie ist gross von statur und jeder würde sie für einen mann halten, sie hat keine brüste. man habe sie ihr als mädchen durch eine behandlung entfernt ... ihr gesicht ist weder hässlich noch schön, aber verbissen. ihr haar ist schwarz und kurz wie das eines mannes und nach der mode pomadisiert. sie trägt spanische männerkleidung, trägt ihr schwert eng gegürtet und hat das gehabe eines soldaten.“
aber das reisen war um 1600 nicht nur in südamerika gefährlich. in frankreich wurde sie erst als spionin verhaftet und später überfallen und beraubt. in rom empfing sie der papst in einer audienz. was er ihr sagte, wissen wir nicht. aber kurz darauf kehrte sie enttäuscht nach spanien zurück und entschloss sich, wieder nach südamerika aufzubrechen. dort angekommen, lebte sie als hirte und begleiter einer mulikarawane im grenzgebiet von mexiko. hier verlor sich schliesslich ihre spur. keiner hörte noch einmal von ihr. in spanien indes blieb sie unvergessen. bekannte maler der zeit porträtierten sie und chroniken berichteten von dem seltsamen und aufregenden leben der catalina de erauso. die beste quelle für ihr leben ist aber ihre selbst verfasste biografie.
Wenn es im 18. und 19. jahrhundert einen ort gab, an den sich alle matrosen, die dort einmal station gemacht hatten, zurück sehnten, dann war es tahiti. in den seemanns-kneipen rund um die welt schwärmten sie von dem wunderbaren klima - und natürlich von den mandeläugigen mädchen.
kaum waren sie auf tahiti gelandet, stürmten einheimische männer mit dem ruf „aiene, aiene“ heran, ergriffen jean baré und verschleppten ihn. gefasst gab der kapitän zu protokoll: „sie wollten dem mann die ehrungen der insel erweisen!“ aber die matrosen stürmten mit gezückten schwertern hinter her, um den armen jean aus der gewalt der tahitianer zu befreien. sie wussten, dass es für einen mann gewiss amüsanter war, von liebreizenden mädchen verführt, anstatt von einer horde wilder, lüsterner geschlechtsgenossen vergewaltigt zu werden. was die matrosen nicht wussten: „aiene“ hiess so viel wie „mädchen“. die eingeborenen hatten sofort erfasst, was der schiffsbesatzung die ganze zeit verborgen geblieben war: dass ihnen nämlich eine maskerade und travestie vorgeführt wurde. als die matrosen jean baré befreit hatten, musste er vor general bougainville sein gut gehütetes geheimnis lüften: er (oder besser gesagt „sie“ - denn in wirklichkeit handelte es sich um eine junge frau und ihr name war jeanne baret) hatte als mann auf dem schiff angeheuert, weil einer frau die mitreise niemals gestattet worden wäre. der general gab sich nachsichtig und notierte in sein tagebuch: „sie wird die erste ihres geschlechts sein, die den globus umsegelt.“
aber commerson, der zusammen mit seinem assistenten pflanzen gesammelt, präpariert und katalogisiert hatte, - es waren zuletzt 5000 arten, darunter 3000 bis dahin gänzlich unbekannte - war nicht blind. er hatte jeanne bereits lange vor der reise kennen gelernt und schätzte sie als kundige botanikerin. ob auch andere interessen ihn leiteten, ihrer travestie zuzustimmen, wissen wir nicht. wenigstens begleitete ihn auf der reise ins unbekannte eine botanikerin von grossem fleiss - und eine hübsche junge frau noch dazu. davon durfte allerdings niemand etwas wissen. als das schiff mauritius erreichte, verabschiedeten sich philibert commerson und jeanne baret von general bougainville. fünf jahre blieben sie, erforschten die insel - und auch noch madagaskar.
general bougainville
wird fortgesetzt!
quelle: milbry polk und mary tiegreen: „frauen erkunden die welt, entdecken - forschen - berichten“, 2001 |