FRAUEN EROBERN DIE WELT
 --  forschen - entdecken - berichten  --

 
die hier versammelten porträts von frauen sollen den "weiblichen" aspekt des kolonialismus zur sprache bringen.
frauen waren nicht immer nur begleiter ihrer männer, wenn sie aus ihrer heimat ins ungewisse aufbrachen.
oft genug waren sie selbst forscherinnen und entdeckerinnen, die es aber verständlicherweise ungleich schwerer
als männer hatten, ihrer arbeit nachzugehen. manchmal verkleideten sie sich sogar, um unbehelligt
durch nie gesehene länder zu reisen und sie zu erkunden.


DIE PORTRÄTS:

elisabeth van der woude

Guyana wurde im 16. jahrhundert entdeckt und schon bald stritten holland, portugal und frankreich um die vormachtstellung. 1676 entschloss sich holland, fakten zu schaffen und dort eine kolonie zu gründen. dazu wurden siedler angeworben, die bereit waren, ihr glück in südamerika zu suchen.


 
einer der kolonialisten war harman van der woude, ein amtmann aus niendorp, der sich mit seiner familie, fünf mägden, 45 knechten sowie einigen pferden, kühen, schafen, hühnern und tauben in die neue welt einschiffte. sie hatten proviant für ein jahr dabei. seine tochter elisabeth, die damals 21 jahre alt war, schrieb ein ausführliches tagebuch, das erst 200 jahre später aufgefunden und veröffentlicht wurde. es ist ein bedeutendes zeugnis der frühen kolonialgeschichte, liegt allerdings bis heute nur in holländischer sprache vor.

schon die schiffsreise war ein gefährliches unternehmen, da es in der damaligen zeit wenige karten und geeignete navigationsgeräte gab. die schiffe und ihre besatzungen waren untiefen und stürmen hilflos ausgeliefert, der skorbut raffte die menschen dahin und irgendwo lauerten bestimmt piraten, um ihre schiffe zu kapern.

noch während der reise nach südamerika stirbt zu anfang des jahres 1677 elisabeths vater und kurze zeit danach auch ihre schwester. wenige tage später erreicht das schiff endlich die küste guyanas und elisabeth sucht mit den anderen eine stelle, an der sie die erste holländische siedlung gründen können.

sie berichtet in ihrem tagebuch, dass sich ihnen einige indianer mit ihren kanus zeigten und gutwillig bei der suche nach einem siedlungsplatz halfen. da das land dicht mit bäumen bewachsen war, musste erst der wald gerodet werden, um acker- und weideflächen zu gewinnen. das holz diente den siedlern zum bau ihrer häuser. elisabeth beschreibt das alles in ihrem tagebuch. sie findet aber auch zeit, von der vielfalt der fauna in guyana zu berichten: dort gibt es hirsche, schweine, tiger, leoparden, affen und krokodile. sie beschreibt ebenso sorgfältig die vielen verschiedenen früchte, die in guyana wild wachsen: bananen, ananas, äpfel, kokusnüsse, zuckerrohr, kartoffeln und fenchel.

es hätte also ein paradies sein können.



dennoch stellt sich bei elisabeth bald ernüchterung und enttäuschung ein. sie kann den tod ihres vaters und ihrer schwester nicht verwinden - und es schlägt ihr aufs gemüt, dass es in guyana fortwährend zu regnen scheint und viele ihrer begleiter an tückischen tropenkrankheiten sterben. schliesslich bittet sie den kapitän des holländischen schiffes, das sie nach guyana gebracht hat und abreisebereit vor der küste liegt, sie nach holland mitzunehmen. als er diesen wunsch ablehnt, geht sie heimlich an bord, versteckt sich und verlässt auf diese weise südamerika.

ihre heimreise gestaltet sich noch gefährlicher als die hinreise, denn französische piraten lauern ihnen auf und kapern das schiff. elisabeth notiert, dass sie von drei schiffen verfolgt wurden und die besatzung sich zum kampf bereit machte. der kapitän bekam es mit der angst und versuchte, mit sechs männern in einem kleinen boot zu flüchten. die piraten nahmen jedoch die verfolgung auf und zwangen die männer zur umkehr. anschliessend rammten sie das schiff und enterten es. den 20 männern der besatzung standen 100 bis an die zähne bewaffnete piraten gegenüber. die holländer mussten bald einsehen, dass jeder widerstand zwecklos war. daher holten sie die fahne ein und ergaben sich. die piraten nahmen elisabeth gefangen und verschleppten sie. für einige wochen musste sie an den kaperfahrten der freibeuter teilnehmen. erst vor norwegen übergab man sie schliesslich einem holländischen schiff, das sie zurück in die heimat brachte.

dort erreichte sie die nachricht, dass die franzosen die kleine holländische kolonie in guyana überrannnt hatten. ihrem bruder gelang die flucht. was aus den anderen wurde, ist unbekannt. der ganze besitz der familie in südamerika war verloren.

bedeutend ist das tagebuch von elisabeth van der woude nicht nur wegen der detaillierten aufzeichnungen, sondern auch, weil zeitgenössische berichte überwiegend von männern geschrieben wurden - wir es also bei diesem tagebuch mit einem ganz seltenen dokument der kolonialgeschichte aus der sicht einer frau zu tun haben.




catalina de erauso

Welches schicksal wartete auf eine junge frau aus adliger baskischer familie, wenn  sie nicht verheiratet werden konnte? sie wurde in ein kloster geschickt. so erging es auch catalina de erauso, die ende des 16. jahrhunderts in spanien lebte und darauf sann, wie sie der klösterlichen gefangenschaft entrinnen konnte. in der nacht vor ihrem gelübde eröffnete sich schliesslich die chance zur flucht. sie entdeckte den schlüssel zum tor, stahl nähzeug und ein wenig geld und verliess heimlich das kloster. erst einmal versteckte sie sich, denn man suchte fieberhaft nach ihr. aus ihrem nonnengewand nähte sie ein männerkleid, ihre langen haare schnitt sie ab. dann machte sie sich - als junger mann verkleidet - auf die wanderschaft, um möglichst bald aus der nähe des klosters zu entkommen.



es gibt zahlreiche spanische edikte aus der zeit, die eine flucht von nonnen in männerkleidung unter todesstrafe stellten. catalina war also kein einzelfall. allerdings  überstieg die konsequenz, mit der sie ihre flucht voran trieb, alles bisher bekannte. sie verdingte sich erst als gelegenheitsarbeiter und stallbursche und heuerte dann auf einem schiff in die neue welt an. doch auch in panama blieb die furcht, dass ihre wahre identität erkannt werden könnte. deswegen schloss sie sich bald einer reisegruppe an, die auf dem landweg peru erreichen wollte.



catalina hatte allerdings ein problem: die rolle des herum vagabundierenden halbwüchsigen konnte sie mit zunehmendem alter immer schwerer aufrecht erhalten. deswegen nahm sie fechtunterricht, trat - immer noch als mann verkleidet - in die spanische armee ein und wurde als soldat sogleich weiter geschickt: in eine garnison an der chilenischen grenze. dreizehn jahre hielt sie es dort aus, aber das leben am ende der welt ödete sie an - es ähnelte zu sehr den tagen, als sie noch im spanischen kloster lebte. die entbehrungen erleichterten ihren entschluss, die armee zu verlassen und sich als bergarbeiter zu verdingen.

doch auch diese arbeit befriedigte sie nicht, zumal dem bergbau in nordchile kein grosser erfolg beschieden war. sie fand einige gefährten, mit denen sie nach argentinien gehen wollte. aber es gab keine strassen über die zerklüfteten berge und die schmalen pfade in den anden waren gefährlich. ihre gefährten erfroren auf dem marsch - sie allein erreichte schliesslich argentinien und hatte damit fast den ganzen südamerikanischen kontinent vom norden bis zum süden durchwandert.

in argentinien angekommen, weiss sie nicht, womit sie ihr leben fristen soll. schliesslich entscheidet sie sich, noch einmal in die spanische armee einzutreten. bei einer kriegerischen auseinandersetzung muss sie sich in eine kirche flüchten und legt dort - warum wissen wir nicht, vielleicht ist sie nur noch müde und zermürbt  - eine beichte ab: sie lüftet das bis dahin strenggehütete geheimnis, eine frau zu sein. eine strafe - wie von ihr befürchtet - bleibt jedoch aus. sie muss zwar die armee verlassen, erhält aber eine ehrenvolle pension zuerkannt.

wenn catalina de erauso von ihren zeitgenossen gefragt wurde, warum sie die vielen entbehrungen auf sich nahm, antwortete sie: „ich wollte reisen und ein bisschen von der welt sehen!“ wir dürfen allerdings vermuten, dass hinter ihrer verkleidung noch mehr steckte: nämlich die sehnsucht, ihre liebe zu frauen auszuleben, was zu ihrer zeit als unmöglich galt.

ein zeitgenosse schilderte sie so:

„sie ist gross von statur und jeder würde sie für einen mann halten, sie hat keine brüste. man habe sie ihr als mädchen durch eine behandlung entfernt ... ihr gesicht ist weder hässlich noch schön, aber verbissen. ihr haar ist schwarz und kurz wie das eines mannes und nach der mode pomadisiert. sie trägt spanische männerkleidung, trägt ihr schwert eng gegürtet und hat das gehabe eines soldaten.“



catalina de erauso wurde von ihren zeitgenossen bestaunt und bewundert. ihr leben war abenteuerlich und wie ein märchen. keiner konnte sich erinnern, dass einmal eine frau so radikal mit allen konventionen gebrochen hatte. die spanischen soldaten in den kolonien verehrten sie als heldin. dennoch entschloss sie sich, südamerika zu verlassen und in ihre heimat zurück zu kehren. dort angekommen, meldete sich aber bald ihre unruhe zurück, - auch weil sie nicht in die rolle einer frau zurückfinden konnte. schliesslich unternahm sie eine wallfahrt nach rom, um vielleicht vom papst einen rat für ihr aussergewöhnliches leben zu erhalten.

aber das reisen war um 1600 nicht nur in südamerika gefährlich. in frankreich wurde sie erst als spionin verhaftet und später überfallen und beraubt. in rom empfing sie der papst in einer audienz. was er ihr sagte, wissen wir nicht. aber kurz darauf kehrte sie enttäuscht nach spanien zurück und entschloss sich, wieder nach südamerika aufzubrechen. dort angekommen, lebte sie als hirte und begleiter einer mulikarawane im grenzgebiet von mexiko. hier verlor sich schliesslich ihre spur. keiner hörte noch einmal von ihr.

in spanien indes blieb sie unvergessen. bekannte maler der zeit porträtierten sie und chroniken berichteten von dem seltsamen und aufregenden leben der catalina de erauso. die beste quelle für ihr leben ist aber ihre selbst verfasste biografie.






jeanne baret

Wenn es im 18. und 19. jahrhundert einen ort gab, an den sich alle matrosen, die dort einmal station gemacht hatten, zurück sehnten, dann war es tahiti. in den seemanns-kneipen rund um die welt schwärmten sie von dem wunderbaren klima - und natürlich von den mandeläugigen mädchen.



1768 hatte der französische general louis-antoine de bougainville tahiti entdeckt. auf dieser expedition in den südpazifik begleiteten ihn einige wissenschaftler, unter anderem der botaniker philibert commerson, der gleichzeitig als schiffsarzt fungierte, mit seinem assistenten jean baré.

kaum waren sie auf tahiti gelandet, stürmten einheimische männer mit dem ruf „aiene, aiene“ heran, ergriffen jean baré und verschleppten ihn. gefasst gab der kapitän zu protokoll:

„sie wollten dem mann die ehrungen der insel erweisen!“

aber die matrosen stürmten mit gezückten schwertern hinter her, um den armen jean aus der gewalt der tahitianer zu befreien. sie wussten, dass es für einen mann gewiss amüsanter war, von liebreizenden mädchen verführt, anstatt von einer horde wilder, lüsterner geschlechtsgenossen vergewaltigt zu werden.

was die matrosen nicht wussten: „aiene“ hiess so viel wie „mädchen“. die eingeborenen hatten sofort erfasst, was der schiffsbesatzung die ganze zeit verborgen geblieben war: dass ihnen nämlich eine maskerade und travestie vorgeführt wurde.

als die matrosen jean baré befreit hatten, musste er vor general bougainville sein gut gehütetes geheimnis lüften: er (oder besser gesagt „sie“ - denn in wirklichkeit handelte es sich um eine junge frau und ihr name war jeanne baret) hatte als mann auf dem schiff angeheuert, weil einer frau die mitreise niemals gestattet worden wäre. der general gab sich nachsichtig und notierte in sein tagebuch:

„sie wird die erste ihres geschlechts sein, die den globus umsegelt.“



ein zeitgenosse beschrieb jeanne baret so: „wir hatten baré auf allen expeditionen gesehen, wie er seinen herrn begleitete: mitten im schnee und auf den eisigen hügeln der magellanstrasse, wie er auf diesen anstrengenden ausflügen proviant und mappen voller pflanzen mit einem mut und einer kraft trug, die ihm den spitznamen „commersons lasttier“ einbrachte. wie war es möglich, in diesem unermüdlichen baré, der bereits ein kundiger botaniker war, die frau zu entdecken?“

aber commerson, der zusammen mit seinem assistenten pflanzen gesammelt, präpariert und katalogisiert hatte, - es waren zuletzt 5000 arten, darunter 3000 bis dahin gänzlich unbekannte -  war nicht blind. er hatte jeanne bereits lange vor der reise kennen gelernt und schätzte sie als kundige botanikerin. ob auch andere interessen ihn leiteten,  ihrer travestie zuzustimmen, wissen wir nicht. wenigstens begleitete ihn auf der reise ins unbekannte eine botanikerin von grossem fleiss - und eine hübsche junge frau noch dazu. davon durfte allerdings niemand etwas wissen.

als das schiff mauritius erreichte, verabschiedeten sich philibert commerson und jeanne baret von general bougainville. fünf jahre blieben sie, erforschten die insel - und auch noch madagaskar.



general bougainville

im alter von 44 jahren starb commerson. jeanne ordnete die umfangreiche sammlung, liess sie einpacken und nach frankreich verschiffen. dort wurden die botanischen resultate der reise nach tahiti, mauritius und madagaskar bald als ein bedeutender beitrag zur naturwissenschaft gefeiert. jeanne baré bearbeitete fortan das naturwissenschaftliche erbe von philibert commerson. ihm  - und nicht ihr  - kam schliesslich die ehre zu, zum ruhm frankreichs beigetragen zu haben. damit teilte sie das los vieler forscherinnen, von denen wir oft gar nichts wissen, weil ihre arbeit ganz verborgen und im schatten ihrer männlichen kollegen blieb.




wird fortgesetzt!



quelle: milbry polk und mary tiegreen: „frauen erkunden die welt, entdecken - forschen - berichten“, 2001