Im hotel "marhaba" in agadir
hängt im eingangsbereich ein grosses ölgemälde. es zeigt könig
hassan II., umringt von menschen, die ihm in schier endlosen reihen folgen
und die marokkanische fahne schwingen. dieses bild versinnbildlicht den „grünen
marsch“, der 1975 stattfand. „grün“ wurde er genannt, weil das die farbe
des islam ist.
350.000 marokkaner aus allen teilen des landes brachen damals unter der
führung ihres königs in die westsahara auf, um den anspruch marokkos
auf dieses gebiet zu dokumentieren, das damals noch spanisches protektorat
war.
die einwohner der westsahara standen der spanischen kolonialpoitik immer
schon ablehnend gegenüber. diese haltung verstärkte sich noch,
als marokko 1956 von den franzosen in die unabhängigkeit entlassen wurde,
westsahara aber unter aufsicht der spanier blieb. marokko unterstützte
stets den widerstand der bevölkerung der westsahara gegenüber ihren
kolonialen herren, denn es gab vielfältige, traditionelle und rechtliche
bindungen zwischen beiden ländern. marokko beanspruchte überdies
schon lange gebiete der westsahara für sich.
anfang der 60er jahre des 20. jahrhunderts kam die territoriale frage der
westsahara auf die tagesordnung der UN in new york. 1965 verabschiedete man
dort eine resolution, die spanien aufforderte, westsahara zu verlasssen und
der bevölkerung das recht auf selbstbestimmung zu geben.
das letztere aber war gar nicht im sinne marokkos, wo man schon früh
eine „abteilung für angelegenheiten der sahara" eingerichtet hatte,
aus der später das „ministerium für angelegenheiten mauretaninens
und westsaharas“ hervor ging. dort sollte die vereinigung marokkos mit der
westsahara administriell vorbereitet werden.
spanien dachte aber gar nicht daran, westsahara zu verlassen. viel zu verlockend
waren die dortigen, riesigen phosphatvorkommen, um sie so ohne weiteres anderen
zu überlassen.
erst 1967 erklärte sich spanien bereit, in westsahara wenigstens ein
referendum durchzuführen. insgeheim hoffte man in madrid, die bevölkerung
würde sich dabei gegen marokko entscheiden. somit wären die wirtschaftlichen
interessen spaniens im wesentlichen unangestastet geblieben - wenigstens dann,
wenn spanien auch weiterhin gehörigen einfluss auf die politik in westsahara
nahm, wozu die kolonialmacht ohne zweifel entschlossen war.
eine wirklich verbindliche regelung für die westsahara wurde jedoch
von spanien immer wieder hinausgeschoben, weswegen sich 1973 die befreiungsbewegung
"polisario" gründete, die nicht mehr auf politische verhandlungen, sondern
militärische aktionen setzte.
spanien reagierte auf die veränderte und zunehmend militante situation mit dem eiligen angebot, der westsahara einen autonomen status zu verleihen. ein geschickter schachzug, denn dadurch wären die wirtschaftlichen interessen spaniens gewahrt geblieben - und (was das wichtigste war) marokkos anspruch abgeschmettert.
in marokko war man wegen der sich abzeichnenden politischen veränderung
aufs höchste alarmiert. in rabat wurde deswegen 1974 die möglichkeit
eines referendums in westsahara verworfen. stattdessen forderte hassan II.
jetzt den bedingungslosen anschluss an marokko.
die lage spitzte sich politisch auf eine solche weise zu, dass spanien
schliesslich ein referendum für 1975 in aussicht stellte, während
marokko sein militär an die grenze von westsahara verlegte. dies wiederum
beantwortete madrid mit der entsendung weiterer soldaten in seine kolonie.
zur selben zeit vereinbarten marokko und mauretanien in einem geheimabkommen,
die westsahara notfalls militärisch zu besetzen und untereinander aufzuteilen.
in dieser politisch brisanten situation verabschiedete die UN eine wegweisende
resolution. darin wurde spanien aufgefordert, das referendum zu verschieben.
gleichzeitig bat man den internationalen gerichtshof um stellungnahme. er
entschied, dass 1. die bewohner der westsahara selbst über ihre politische
zukunft bestimmen sollten und 2. das gebiet nicht, wie aus rabat immer wieder
zu hören war, seit altersher zum staatsgebiet marokkos gehörte.
allerdings betonte das gutachten auch die traditionellen, kulturellen,
geschichtlichen und rechtlichen bindungen der westsahara an marokko.
dies nun veranlasste den marokkanischen könig, den anspruch auf westsahara
auf besondere weise zu unterstreichen. er ordnete einen friedensmarsch von
350.000 unbewaffneten marokkaners aus allen landesteilen in die westsahara
an.
der marsch sollte am 24. oktober 1975 beginnen.
spanien wollte diesem ansinnen nicht tatenlos zusehen und rief den sicherheitsrat
der UN an. entschieden wurde dort jedoch nichts, die gegnerischen parteien
wurden nur aufgefordert, miteinander zu verhandeln. spanien evakuierte daraufhin
vorsorglich grosse teile seiner zivilbevölkerung aus westsahara.
es folgte eine hektische geheimdiplomatie zwischen marokko, spanien, mauretanien
und den vereinten nationen, der marsch auf westsahara wurde vorerst verschoben.
algerien, das an den gesprächen nicht beteiligt war - aber ein interesse
am zugang zum atlantik hatte - reagierte mit der entsendung von soldaten an
die grenze von westsahara.
als general franco schwer erkrankte und prinz juan carlos in spanien die
regierungsgeschäfte übernahm, verschärfte sich der konflikt
noch. der prinz erklärte, die westsahara notfalls militärisch zu
verteidigen. bestärkt wurde er darin - und das ist einigermassen kurios
- von der "polisario", die von der kolonialmacht einen strikten schutz vor
den marokkanischen gebietsansprüchen verlangte.
als könig hassan II. erkannte, dass die politischen gespräche
nichts bewirkten, rief er endgültig zum „grünen marsch“ auf. die
teilnehmer kamen aus allen landesteilen in marrakesch zusammen. von dort wurden
sie mit bussen und lastkraftwagen weiter in den süden, nach tarfaya
gebracht, wo 22.000 zelte aufgestellt worden waren.
eine vorhut der marokkanischen armee drang schon am 31. oktober 1975 in
westsahara ein. sie sollte ein eingreifen algerischer truppen verhindern.
im grenzgebiet traf sie auf keine spanische gegenwehr. allerdings leistete
die "polisario" heftigen widerstand, was den marokkanern aber nur recht war
- konnte man doch auf diese weise die gegnerischen kräfte binden und
einen angriff der rebellen auf die vorrückende zivile bevölkerung
verhindern.
rund 30.000 marokkanische soldaten begleiteten den eigentlichen marsch,
unterstützt von panzereinheiten, die in tan-tan stationiert waren.
am 5. november 1975 erklärte könig hassan II. den 6. november
zum beginn des „grünen marsches“ auf westsahara. daraufhin versammelten
sich rund 40.000 marokkaner an der grenze zu westsahara und marschierten
richtung süden, begleitet von politikern marokkos und mit der parole
ihres königs, dass dieser marsch rein symbolisch sei und einen nur friedlichen
charakter habe.
diese erste gruppe, aber auch die später nachfolgenden, traf
auf keinen widerstand der spanier.
in madrid liess man angesichts der entschlossenheit vieler tausend marokkaner
verlauten, jederzeit weiter verhandeln zu wollen, wenn marokko erklären
würde, sich vorerst aus westsahara zurückzuziehen. auf initiative
des marokkanischen königs trafen sich noch am 6. november delegationen
beider länder in agadir, um das weitere vorgehen zu beraten. parallel
dazu verstärkte marokko aber dennoch seine präsenz in westsahara.
am 7. november hatten zwei weitere gruppen mit mehr als 100.000 marokkanern
die grenze überschritten.
spanien reagierte auf diesen einmarsch mit besonders drastischen militärischen
vorbereitungen. auch wurde der befehl ausgegeben, notfalls auf die marokkaner
zu schiessen.
am 8. november griff der marokkanische könig selbst in die verhandlungen
mit spanien ein. in agadir erklärte er sich bereit, auf seine maximalforderung
einer sofortigen abtretung westsaharas zu verzichten. dieses einlenken beruhte
zum einen auf dem wachsenden politischen druck des auslands, resultierte zum
anderen (viel wichtiger) aus der massiven drohung spaniens mit militärischer
vergeltung.
am 9. november erklärte der könig den marsch für beendet
und rief seine untertanen zurück. sie blieben jedoch grenznah in tarfaya
- und dienten so als druckmittel, falls die verhandlungen mit spanien abermals
ins stocken geraten würden.
diese offiziellen verhandlungen fanden in madrid statt und zeigten schnell
ergebnisse. schon am 14. november 1975 wurde erklärt, dass westsahara
bis zum 28. februar 1976 an marokko und mauretanien abgetreten sein sollte.
das spanische parlament stimmte dieser regelung mit grosser mehrheit zu.
am 18. november befahl könig hassan die endgültige rückkehr
aller marokkaner, die am „grünen marsch“ teilgenommen hatten.
damit war der steit um westsahara jedoch nicht zu ende. im gegenteil -
er sorgt bis heute zwischen marokko und der "polisario" für immer neue,
schwere konflikte.
der grund dafür ist so verzwickt wie einfach:
der einigung zwischen spanien und marokko im jahre 1975 haftet ein schwerwiegender
völkerrechtlicher fehler an. man verhandelte damals nämlich über
die köpfe der menschen hinweg, um deren territorium es doch eigentlich
geht ... und das sind die einwohner westsaharas mit ihrem recht auf selbstbestimmung.
das jedoch ist eine andere geschichte, die ein anderes mal erzählt
werden muss ...
QUELLE: WIKIPEDIA
R.D. VENZLAFF, september 2007