welcome
to maroc!


diese geschichte gehört für mich zu den wichtigsten, die ich zu und über marokko geschrieben habe! ich habe sie als "nachwort" in mein buch *achmed und der fisch aus tinte - 60 und eine geschichte aus marokko* aufgenommen!


Ein abend in agadir. die luft schmeckt nach meer. wir sind in einem der restaurants am atlantik. draußen, auf der terrasse, dürfen wir nicht sitzen. wenigstens dann nicht, wenn ich mit meinem marokkanischen freund samir ein bier trinke. muslime dürfen keinen alkohol trinken! aber es reicht, wenn keiner sieht, dass muslime alkohol trinken.

ein marokkaner lächelt uns an.

sie lächeln hier alle, wenn sie einen europäer sehen. sie lächeln, weil wir ihnen das paradies aufschließen sollen: europa, amerika - nur fort aus diesem elend und der täglichen blindheit, wenn sie an ihre zukunft denken.

viele marokkaner trinken viel zu viel. sie betäuben ihre gedanken und gefühle im alkohol. je betrunkener sie werden, desto stolzer sind sie auf ihr land - so schroff und voller farben, so staubig in den wüsten und schattig unter kühlen palmen.

dem marokkaner da hinten am tisch fehlen viele zähne. ich sehe es, weil er mich anlächelt. er sollte nicht lächeln, denke ich. und weil in mir etwas aufsteigt, das man mitleid nennen könnte - ein gefühl, das ich nicht besonders schätze, weil es hilflos macht -, lade ich ihn zu einem bier an unseren tisch ein.

er sieht schrecklich aus, mit seinem zahnlosen mund und den eingefallenen wangen. er sucht in seiner hosentasche und zeigt uns einen ausweis, längst abgelaufen, ausgestellt in einer anderen zeit.

ich sehe einen hübschen jungen mann auf dem passfoto. als ich frage, ob er viele touristen kannte, nickt er. jetzt lacht er auch schon wieder. ich zähle seine fehlenden zähne.

manchmal müssen wir eben etwas zusammenzählen, das es gar nicht mehr gibt!

sie haben ihn eingeladen. sie haben ihm geld gegeben. ich weiß das! sie haben ihn mit in ihr bett genommen und sie haben ihm ins ohr geflüstert, dass sie ihn lieben. hat er es auch nur einmal geglaubt?

er hat das geld genommen, ist über den weiten strand agadirs gelaufen und hat es ganz fest in seiner faust gehalten - bis es ausgegeben war.

es gibt immer neue touristen in agadir!

ich stehe auf und sage ihm, dass ich nun ins hotel gehe.

aber in seinem kopf muss plötzlich eine erinnerung ganz wach geworden sein.

vor dem restaurant verabschiede ich mich von samir. dann gehe ich durch den park und die treppen hinauf zum hotel.

ich höre ihn hinter mir, denn seine plastik-latschen schleifen über den boden. er hat es eilig, mir zu folgen. dann ist er neben mir. er spricht auf mich ein. was will er? ich verstehe ihn nicht! noch ein bier? ein gespräch? geld?

oder seine erinnerungen?

in der dunkelheit kann ich zum glück nicht erkennen, wie viele zähne ihm fehlen. also fasse ich ihn an den schultern und ziehe ihn zu mir heran. ich überwinde meine abneigung, weil ich ihm seinen stolz lassen oder wiedergeben will, und küsse ihn, wie es hier alle tun, links und rechts auf seine wangen.

seine zukunft liegt verloren hinter ihm. aber warum soll gerade ich ihm diese wahrheit sagen?

ich gehe die letzten stufen zur straße hinauf. er folgt mir immer noch.

oben stehen zwei polizisten. sie greifen zu und schlagen ihn erbärmlich zusammen.

jetzt löst sich ein marokkaner aus der dunkelheit des parks. er spricht aufgeregt mit den polizisten.

ich weiß: er ist ein spitzel und versucht gerade, der polizei seine geschichte zu erzählen: - wie ein marokkaner sich in einem dunklen park einem touristen unsittlich genähert hat.

das ist prostitution. darauf steht eine hohe haftstrafe.

die polizisten fordern mich auf zu gehen. sie werden die angelegenheit untereinander regeln. sie wollen den marokkaner ins gefängnis bringen und der tourist aus europa soll in sein hotel gehen.

ich bleibe! ich will dem marokkaner helfen, seine zukunft zu bewahren, wenn er schon keine vergangenheit mehr hat.

ein transporter der polizei fährt vor. sie werfen den marokkaner hinein und ich steige ebenfalls ein. keiner hat mich dazu aufgefordert, aber sie hindern mich auch nicht.

ich weiß, dass ich die nacht auf einer polizeistation in agadir verbringen werde.

ein polizist in zivil steigt vorn in den transporter. er ist ganz in schwarz gekleidet und trägt eine sonnenbrille, mitten in der nacht! in der hand hält er ein walkie-talkie. er dreht sich zu uns um und schreit, dass wir abstand voneinander halten sollen. der marokkaner neben mir schreit und beteuert laut seine unschuld. nun schreien beide und schreien und schreien.

der polizeitransporter fährt mit hohem tempo durch agadir. ich muss mich festhalten, um nicht von den glatten kunststoff-sitzen zu rutschen. der schwarze polizist dreht sich noch einmal zu mir um und schreit mir ins gesicht, dass er mir ärger machen wird, richtigen, großen ärger.

„you understand, mister?“

ich habe ihn längst verstanden. und weil hier alle schreien, schreie ich zurück: „and you make a great mistake!“ er grinst und beschäftigt sich nur noch mit seinem walkie-talkie.

der transporter bremst, die türen werden aufgerissen. sie zerren den marokkaner neben mir heraus. sie fordern auch mich auf auszusteigen. sie führen uns in einen gefliesten raum. auf drei seiten stehen bänke, die dicht besetzt sind. einige marokkaner haben ihren kopf gesenkt, andere starren bewegungslos an die weiß getünchte decke. in der mitte, auf dem kalten boden, liegt ein mann. ich weiß nicht, ob er betrunken oder verletzt ist. niemand kümmert sich um ihn. der marokkaner, den sie eben neben mir auf der straße verhaftet haben, wird in einen anderen raum mit den gefängniszellen geführt. er bleibt verschwunden. ich werde ihn erst tage später wieder sehen, immer noch in dem schmutzigen, gelben shirt.

ich setze mich auf eine der bänke und warte. ein marokkaner zeigt auf sein bein. dann streift er seine hose hoch und entblößt eine tiefe wunde. haben sie ihn geschlagen? warum auf seine unterschenkel? um ihn am weglaufen zu hindern?

ich habe keine zeit, darüber nachzudenken. ich darf jetzt keinen der vielen polizisten an mich heranlassen. es wäre ein leichtes, mir bei einer leibesvisitation ein päckchen haschisch unterzuschieben. haschisch gibt es hier überall. der besitz wird mit einer gefängnisstrafe von mindestens drei jahren bestraft.

was erzählte mir samir vor einigen tagen? sie hatten seinen nachbarn verhaftet und für zwei monate ins gefängnis von inezgane geworfen, eines der berüchtigsten gefängnisse in marokko. touristen sperren sie in das gefängnis von rabat. samir erzählte, dass der mann nach seiner freilassung krank und zerbrochen nach agadir zurückkehrte.

sie lassen mich in ruhe. niemand fragt nach meinem pass oder nach meinem namen. als ich aufstehe und die polizeistation verlasse, hindern sie mich nicht. ich gehe einfach los. nach einigen minuten folgt mir aber doch ein polizist. „hallo, mister! don´t go this way, it's very dangerous.“

jetzt ist auch der kommissar eingetroffen - ein großer, hagerer mann, dem sein grauer anzug am körper schlottert. viel seltsamer noch als sein aussehen sind seine bewegungen, denn er tänzelt wie eine marionette durch die polizeistation. als ich ihn anspreche, weil ich nun endlich zu protokoll geben will, dass es sich um ein missverständnis handelt, schaut er an mir vorbei. er will mich einfach nicht sehen.

jetzt blicke ich in dunkle augen. sie gehören einer jungen frau. sie haben sie gerade gebracht. sie hinkt und schleift ihr rechtes bein nach. warum ist sie hier? ich werde es nicht erfahren! viel später, als die polizeistation geschlossen wird, muss sie bleiben. ich brauche mich nicht besonders anzustrengen, um mir auszumalen, warum sie festgehalten wird und allein mit den vier oder fünf polizisten bleibt, deren dienst zu ende ist.

im morgengrauen stellt sich der kommissar an die tür der polizeistation und hebt einen ausweis nach dem anderen in die höhe. die marokkaner springen auf, greifen nach ihren papieren und laufen hinaus. der marokkaner aber, den sie unter meinen augen verhaftet haben, ist nicht dabei.

wenn alle gehen, sollte ich es auch tun. ich stehe auf und laufe am kommissar vorbei auf die straße. sie halten mich nicht auf.

ich sehe mich nicht um.

warum kommt mir der verrückte gedanke, die hände zu heben? in meinem übermüdeten kopf malt sich das bild von polizisten, die ihre gewehre auf mich anlegen. mit erhobenen händen laufe ich die straße hinunter, bis ich eine taxe finde, die mich ins hotel bringt.

ich öffne mein zimmer und werfe mich aufs bett. der albtraum ist zu ende. für den marokkaner kann ich nichts mehr tun.

nachmittags klingelt das telefon.

„monsieur, bitte kommen sie in die rezeption. die polizei möchte sie sprechen.“

ich treffe auf zwei herren. sie erheben sich aus den sesseln und wir geben uns die hand. der eine sagt: „welcome to maroc.“ dann zeigt er auf die massige gestalt seines kollegen. „das ist der chef der touristen-polizei.“ auch er begrüßt mich: „welcome to maroc!“

dann fragen sie mich, ob ich meinen pass dabei habe. ich ziehe ihn aus der gesäßtasche und lege ihn auf den tisch. „das ist gut“, sagt der chef der touristen-polizei. „haben sie 15 minuten zeit für uns?“

ich habe zeit. ich bin im urlaub.

also gehen wir zu dritt aus dem hotel und steigen in einen alten, verrosteten peugeot. der chef der touristen-polizei setzt sich hinter das steuer, sein kollege zu mir auf die rückbank. als wir losfahren, greift er zu den knöpfen der türen und verriegelt sie.

die zweite sturmfahrt durch agadir beginnt. der chef der touristen-polizei rast durch die stadt und ignoriert alle ampeln. aber er ist ein höflicher mann. er will mich unterhalten und der situation die schärfe nehmen ... oder die kälte vertreiben, die mir den rücken heraufkriecht.

er berichtet mir, dass vor wenigen stunden das „world trade center“ in new york durch zwei flugzeuge zum einsturz gebracht wurde. das pentagon sei ebenfalls getroffen, wahrscheinlich auch das weiße haus.

jetzt habe ich plötzlich einen trockenen mund und mein kopf tut mir so weh, als hätte der schlagstock am vergangenen abend nicht den marokkaner im genick getroffen, sondern mich.

der peugeot bremst vor der polizeizentrale. sie öffnen die tür und führen mich ins gebäude. gleich rechts ist eine treppe.

da hinunter muss ich. ich bin noch niemals eine kellertreppe hinuntergestiegen, die so endlos in die tiefe führt.

unten angekommen, geleiten sie mich durch einen schwach beleuchteten gang, dann stehe ich in einem fensterlosen büro. ein polizist zeigt auf einen stuhl vor einem schreibtisch. "welcome to maroc."

hinter dem schreibtisch sitzt ein marokkaner. das ist der kommissar. er legt weiße schreibmaschinenseiten übereinander und versieht jede lage sorgfältig mit einer blaupause. ich zähle zehn blätter. dann geht er hinaus.

in den ecken des büros stehen zwei weitere schreibtische. dahinter sitzen zwei marokkaner und starren mich, aber mehr noch meine adidas-turnschuhe an.

dann entnimmt der eine marokkaner seinem schreibtisch eine bürste und beginnt, seine schwarzen schuhe zu polieren. sein kollege fasst ebenfalls in die schublade und greift sich ein taschenmesser. damit säubert er seine fingernägel. das geht so eine ganze weile: der eine poliert seine schuhe und der andere versucht, das schwarze unter seinen nägeln zu entfernen.

jemand trägt eine elektrische schreibmaschine herein und stellt sie auf den tisch des kommissars. dann verbindet er sie mit dem steckkontakt und versucht einige anschläge. die buchstaben rühren sich nicht. mit einem kugelschreiber stochert er im inneren der maschine herum und versucht es noch einmal. einige buchstaben funktionieren, andere nicht. er löst den steckkontakt und verlässt das büro.

ein junger marokkaner in jeans und weißem t-shirt betritt das büro. "ich bin dein dolmetscher." er setzt sich und besieht sich seine hände.

jetzt haben sich die beiden hinter ihren schreibtischen eine zigarette angezündet. mir bieten sie keine an.

ich weiß, es klingt lächerlich! aber so lange ich zigaretten habe, bilde ich mir ein, mit jeder situation zurechtzukommen. schwierig wird es, wenn die zigaretten zu ende gehen. dann werde ich nervös, auch wenn ich weiß, dass noch ein rest in der packung ist. aber wie den rest einteilen? vor allem aber: wann die letzte zigarette rauchen?

wenn alles vorbei ist? aber, - wann ist alles vorbei?

plötzlich geht alles sehr schnell. sie fragen mich, der dolmetscher übersetzt und ich antworte. dann muss ich meine aussage unterschreiben, das original und vier durchschriften - in arabischer sprache!

was habe ich eigentlich unterschrieben?

wenn dort jetzt steht, dass ich den plan hatte, dem marokkanischen könig ein bein zu stellen, dann habe ich es unterschrieben. grund genug, mich sofort zu verhaften. so sind nun einmal die gesetze in marokko.

ach, was! es gibt gar kein gesetz, das einem touristen verbietet, dem könig ein bein zu stellen. es braucht dafür auch kein gesetz, weil es so etwas noch nie gegeben hat und auch nie geben wird. es sei denn ...

... ich habe so etwas unterschrieben.

ich kann gehen. den pass behalten sie. in 48 stunden muss ich mich wieder bei der polizei melden.

"warum?", frage ich den dolmetscher.

"solange werden die ermittlungen dauern!“ als ich ihn vor der polizeistation zu einem kaffee einladen will, winkt er erschrocken ab. „ich trinke mit dir einen kaffee und die polizei verhaftet mich. nein, nein! ich gehe jetzt zurück in meinen shop!"

er eilt über die straße und verschwindet zwischen hupenden autos und ihren blendenden scheinwerfern.

„keine gute sache! sie können ‚tschüss‘ sagen, und dann bist du raus aus marokko!“, sagt samir, als ich ihm alles erzähle.

„oder sie verhängen eine geldstrafe“, antworte ich.

„du kennst sie nicht! wenn sie wollen, bist du morgen in prison!“

„im gefängnis? aber samir, was habe ich getan ?“

„das weiß ich auch nicht! aber eigentlich ist das auch egal! wenn sie wollen, werden sie schon etwas finden!“

nach 48 stunden bin ich wieder auf der polizeipräfektur. keiner braucht mir mehr den weg in dieses labyrinth zu zeigen. den weg über die treppen in den keller kenne ich bereits.

der kommissar begrüßt mich.

„do you speak english?“, fragt er.

ich antworte: „yes“, und beeile mich zu sagen, „only little and very bad.“

er lacht: „my english also very bad.“

er führt mich aus dem büro, die treppe hinauf, über den hof und in ein anderes gebäude. dort erwarten sie mich bereits. ich händige einem dunkelhäutigen polizisten meine passfotos aus. sie hatten mir dringend geraten, nicht ohne diese fotos zu kommen.

der polizist greift mein handgelenk und führt meine finger zu einem großen stempelkissen. er drückt sie in die stempelfarbe und dann auf ein blatt papier. erst alle finger der linken, dann alle finger der rechten hand.

sollte ich in marokko verunglücken, wäre die polizei in agadir sofort im bilde.

wenn sie will!

nach der erkennungsdienstlichen behandlung führen sie mich über den hof in ein anderes gebäude.

wir betreten ein freundliches büro. endlich! jetzt kann ich berichten, was wirklich stattfand. ich habe meine aussage längst auswendig gelernt. immer wieder habe ich in meiner fantasie vor dem staatsanwalt gestanden und ihn auf den irrtum der marokkanischen polizei hingewiesen. der staatsanwalt hatte sich alles angehört und mir dann die hand gedrückt. „das tut mir leid! ein bedauerlicher fehler. hier ist ihr pass. schöne tage noch in agadir!“

die eisentür sehe ich erst, als der wachtmeister sie öffnet. dann stehe ich in einem kleinen fensterlosen raum. auf der bank sitzen zwei marokkaner und ein tourist. die eisentür kracht hinter mir ins schloss.

als ich mich umsehe, fällt mein blick auf eine vergitterte tür. dahinter stehen menschen und zwängen ihre gesichter durch die stäbe. sie rufen mir etwas zu.

mein handy klingelt. es ist samir.

„wo bist du ?“

„in prison.“

„in rabat?“

„in prison! verstehst du nicht?“

dann ist das gespräch unterbrochen.

gespräche in marokko enden immer so! entweder, weil keiner den anderen versteht, oder weil die 10-dirham-münze im automaten nicht ausreicht, um auch nur eine frage zu beantworten.

jetzt spricht mich der tourist an.

„wenn sie mich ins gefängnis bringen, dann schreie ich so lange, bis ich aus diesem irrenhaus raus bin.“

„es wird sie niemand hören“, antworte ich.

„was habe ich denn getan?“

ich will seine geschichte nicht hören! jeder erzählt sie doch immer so, wie er sie selbst gern hören möchte.

„bewahren sie die nerven, auch wenn es schwerfällt!“ mit einem erschrockenen blick stelle ich fest, dass meine zigaretten fast zu ende sind.

die stunden vergehen. irgendwann öffnet sich die eisentür und der staatsanwalt ruft den touristen zu sich. er erhält seinen pass zurück.

„sie hatten recht“, ruft er, „immer die nerven bewahren!“

es ist bereits mittag geworden, als ein gut gekleideter marokkaner den raum betritt. er stellt sich als der deutsche konsul in agadir vor. ich frage ihn, wann ich nun endlich gehen kann.

er sieht mich streng an.

„um alles soll ich mich kümmern! was machen sie eigentlich nachts auf der straße? bleiben sie gefälligst im hotel!“

dann reckt er sich. „in dieser weltpolitischen krise habe ich nun wirklich anderes zu tun, als mich mit deutschen touristen herumzuärgern!“

wieder sieht er mich streng an.

als ich kleinlaut bemerke, dass ich hier zu unrecht festgehalten werde, brüllt er:

„was wollen sie eigentlich? die marokkanische staatsanwaltschaft wirft ihnen vor, mit einem mann in der öffentlichkeit sex gehabt zu haben! gegen sie ist anklage erhoben worden, mein herr! deshalb bin ich hier!“

der staatsanwalt fertigt die vorladung zur gerichtsverhandlung aus. aber warum blättert er so nervös in seinen unterlagen? warum starrt er immer wieder aus dem fenster und ist dann wie gelähmt?

erst tage später werde ich erfahren, dass sein bruder ein restaurant in new york besitzt, - im „world trade center“.

gerade bringt er seine tochter zur schule, als sich das gebäude in staub auflöst und als dunkle wolke über manhattan steht. sechs mitarbeiter stürzen in den tod, sechs marokkanern hat amerika kein glück gebracht. sie haben gearbeitet, nike-turnschuhe gekauft und dollars nach marokko geschickt.

das „world trade center“ ist so hoch, dass von ihm aus bei klarer sicht die küste marokkos zu sehen ist, wenigstens dann, wenn der wunsch groß genug ist, sein herz hinüberzuwerfen.

ein marokkaner stemmt sich gegen den wind und hat sich einen walkman aufgesetzt. er träumt bei amerikanischer musik von der freiheit jenseits des atlantiks. aber es ist nur eine wolke aus sand und staub, die der sturm heranweht und ihm den atem nimmt. eine welle kommt heran und unterspült seine füße, bis er jeden halt verliert.

im angesicht brechender wände und splitternder fenster bleibt redouan, dem marokkanischen kellner, hoch oben, im himmel new yorks, kein ausweg mehr. er sieht das dunkle gesicht seines vaters und das lächeln seiner mutter und seine schwester winkt ihm zu. dann öffnet sich der boden unter ihm und er fällt in die arme allahs, der ihn vorsichtig fortträgt ...

das gericht in agadir hat zwei strafkammern. in der ersten sitzt ein richter. in der zweiten sprechen drei richter unter den augen des staatsanwalts das recht.

in ihrem rücken hängt das übergroße bild des marokkanischen königs. in seinem namen wird recht gesprochen. daher gibt es, genau genommen, in marokko auch keinen staatsanwalt, sondern den „procureur du roi“, den beschützer des königs.

in der großen strafkammer wird gegen mich verhandelt. etwa hundert marokkaner sitzen im saal und schauen zu.

durch eine seitentür des gerichtssaals führen sie den marokkaner herein. er ist jetzt bereits seit drei tagen in haft.

neben mir steht ein dolmetscher. ich halte mich an dem kleinen gitter fest, das vor dem erhöhten richtertisch steht.

der richter kommt schnell zur sache. das marokkanische königreich hat anklage erhoben, weil - er blättert in seinen unterlagen - wir uns in der öffentlichkeit geküsst haben. er fragt uns, ob der vorwurf zutrifft. wir schütteln den kopf. der richter sieht uns von oben mit ernstem gesicht an.

„man hat es aber gesehen!“

der richter klappt die akte zu. in vier tagen wird das urteil gesprochen.

in drei tagen geht mein flugzeug zurück nach deutschland.

ich möchte lachen und kann es nicht.

als ich den gerichtssaal verlasse, verfalle ich stattdessen in ein nervöses kichern.

hinter mir läuft der marokkaner aus dem gericht. er trägt immer noch sein schmutziges gelbes shirt. aber er ist frei, denn das urteil wird er sich nie abholen. warum auch? marokko ist groß und vergesslich.

manchmal!

warum bist du an diesem abend nicht ins hotel gegangen, so wie es die polizei von dir erwartete? du könntest jetzt in einem café sitzen und der sonne zusehen, wie sie sich tiefrot verfärbt und ihr licht über häuser, straßen und menschen gießt. dann verwandelt sich die welt und ein seltsamer zauber liegt über afrika.

dämlicher querkopf!

aber er ist frei! sie haben die tür des gefängnisses aufgeschlossen und ihn gehen lassen! hätten sie es auch getan, wenn ich in dieser nacht nicht in die hölle hinabgestiegen wäre?

es ist eben immer besser, wütend zu werden, als sich vorwürfe zu machen. ich werde mein urteil nicht abholen. sollen sie doch ins hotel kommen, mir den pass zurückgeben und kleinlaut zugeben: ein irrtum! nichts weiter! gute reise!

dämlicher querkopf! sie werden nicht kommen!

ich gehe in das deutsche konsulat. die fahne über dem eingang weht auf halbmast. die staubwolke, wegen der eine ganze welt in entsetzen gefallen ist, hat sich jetzt auch in meinem kopf ausgebreitet und verhüllt jeden klaren gedanken.

ich warte auf den konsul. die stunden vergehen. meine packung zigaretten ist schon wieder leer. ich muss mich bevorraten, denke ich, denn in marokko werden aus 15 minuten immer stunden ...

der konsul bittet mich in sein büro.

„ich verstehe sie überhaupt nicht. um was geht es denn?“ er sieht mich ärgerlich an und ich spüre, dass ich ihm lästig bin.

endlich erinnert sich an mich. ich muss mich wohl damit abfinden, zu der sorte mensch zu gehören, die man sofort wieder vergisst.

„sie brauchen also ihren pass!“

er blättert in seinem telefonbuch, wählt eine nummer und spricht dann eine weile.

„gehen sie heute nachmittag zur staatsanwaltschaft und holen sie ihren pass ab. es ist alles arrangiert. auf wiedersehen!“

inzwischen ist auch samir wieder in agadir eingetroffen. er war mit dem bus nach rabat gefahren, um mich dort im gefängnis zu suchen. er hat seit drei nächten nicht geschlafen, will mich aber zum gericht begleiten.

ein sehr fetter wachtmeister meldet mich im vorzimmer des staatsanwalts an. „den kenne ich, der liebt die männer“, flüstert samir.

„das ist mir doch egal“, antworte ich ein wenig zu laut, „so lange er sie nicht küssen will!“

im vorzimmer des staatsanwalts wartet ein junger mann. er öffnet eine schublade und legt meinen pass auf den tisch.

„viele stempel! sie sind oft in marokko! also gefällt es ihnen bei uns!“ er reicht mir lächelnd meinen pass.

im café gegenüber wartet samir auf mich.

ich lasse mich auf einen stuhl fallen, sehe in das goldene licht marokkos und lege meinen pass auf den tisch.

„das ist hubsch!“

samir sagt immer „hubsch“ und nie hübsch. ich habe mich inzwischen daran gewöhnt.

„was ist hübsch?“

„dass du kein problem mehr hast.“

„das ist wahr.“

„aber, ich muss dir etwas sagen.“

„was denn, samir?“

„ich habe ein kleines problem mit der polizei! ich habe einen polizisten verprügelt, weil er mich anzeigen wollte. jetzt will er bakschisch haben oder er bringt mich in prison. willst du, dass ich in prison gehe?“

„nein, samir, wirklich nicht“, und leise und nur für mich füge ich hinzu:

„welcome to maroc!“, und: „schöne tage noch in agadir!“