JUDEN IN MAROKKO
ZWISCHEN ANGST UND ANPASSUNG


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gern würde ich mehr zur situation der juden in marokko während der französischen vichy-regierung schreiben. leider sind die quellen im internet recht spärlich.

anlässlich der vorstellung eines buches in meinem weblog hatte ich die frage gestellt, warum tausende von jüdischen marokkanern nach kriegsende de gaulle ins befreite frankreich folgten. ich kann mir dies - wenn es tatsächlich so war - nur damit erklären, dass die jüdischen mehr als die muslimischen marokkaner bereit waren, mit den französischen behörden des protektorats zusammenzuarbeiten.

wäre es so, blieb diesem teil der juden nach dem 2. weltkrieg in der tat nur der weg nach frankreich, wenn sie sich dem vorwurf der kollaboration mit den franzosen entziehen wollten. welchen grund hätte es sonst gegeben, marokko zu verlassen?

aber - so einfach ist es nicht.

es hat spätestens in den 40er jahren genügend versuche der französischen besatzer gegeben, sich der jüdischen bevölkerung in marokko zu bemächtigen, sie zu stigmatisieren und (in letzter konsequenz) in die europäischen konzentrationslager zu deportieren. denn das protektorat marokko stand am ende unter der herrschaft von vichy-frankreich, das mit nazideutschland eng verbunden war und willfährig die befehle aus berlin befolgte.

dass die versuche der franzosen, die marokkanischen juden aus marokko zu deportieren, scheiterten, lag daran, dass der marokkanische sultan die juden unter seinen besonderen schutz gestellt hatte. dieses besondere verhältnis zwischen jüdischer bevölkerung und dem sultan war traditionell und lässt sich zurückverfolgen bis in die zeiten der vertreibung aus spanien.

dazu aus dem "informationsblatt der botschaft des königreichs marokko in berlin" von 2005:

Als Erbe der jahrhundertlangen
Schutz-tradition durch die
Monarchie zugunsten der
marokkanischen Juden, hatte
sich der König Mohammed V
geweigert, die durch die Vichy-
Regierung ab Oktober 1940
erlassenen rassistischen
Vorschriften, insbesondere das
Tragen des gelben Sterns, in
Marokko, das unter
französischen Protektorat stand
zu verkünden. „Es gibt keine
Juden in Marokko, sondern nur
Marokkaner“, hatte der König
Mohammed V dem Vertreter
der französischen
Kolonialverwaltung geantwortet,
bevor er ihn dazu
aufforderte, „150 zusätzliche
gelbe Sternen für die Mitglieder
der königlichen Familie“
vorzusehen, falls diese
Vorschrift gewaltsam durchgesetzt
werden sollte.


die jüdischen marokkaner, die einst mit den franzosen kollaboriert hatten, mussten einsehen, dass sie ihren privilegierten status längst verloren hatten und aktuell keineswegs mehr durch die französischen besatzer geschützt waren. geschützt waren sie einzig und allein durch den marokkanischen sultan.

wer von ihnen sich jedoch der bürgerlich-französischen kultur verbunden fühlte (und das scheint eine grosse zahl gewesen zu sein), konnte sich - affin mit der französischen lebensart und mit der französischen sprache aufgewachsen - eine zukunft eher in frankreich als in marokko vorstellen.

in marokko waren die juden trotz aller schutzgarantien immer randständig geblieben und hier und da sogar übergriffen ausgesetzt. sich letztlich in die gesellschaft zu integrieren, blieb ihnen versagt.

sie folgten de gaulle nicht deswegen nach frankreich, weil er ihr idol oder freiheitsheld gewesen wäre. allerdings ebnete er denjenigen juden, die sich den franzosen verwandt fühlten und schon in marokko die zusammenarbeit mit ihnen gesucht hatten, den weg in eine angstfreie zukunft.

wir erkennen jetzt vielleicht besser, dass dieser weg nicht gradlinig war, sondern zwischen anpassung, widerstand, kollaboration und hoffnung auf ein besseres leben verlief ...


R.D. VENZLAFF, dezember 2008