| achmed und der fisch aus tinte |
Ich gehe gern in den hafen von agadir. ich sehe den fischern zu, wie sie ihre schiffe entladen und besuche die markthalle, wo die angelandeten fische versteigert werden. es gibt so bizarre fische darunter, die ich nie zuvor gesehen habe. im hafen von agadir steht ein grosses fischrestaurant, mit langen tischen unter freiem himmel. in wirklichkeit aber sind es viele restaurants, die jeweils nur einen tisch für die gäste haben. die restaurants unterscheiden sich durch die farbe der decken auf den tischen und die restaurantbesitzer haben jeder einen kleinen grill, auf dem sie die fische für ihre gäste garen. einmal, als ich mit achmed in der nähe des hafens war, fragte ich: „hast du appetit auf fisch?“ „nein! ich fahr immer nur taxe!“ „und wenn ich dich einlade, mit mir im hafen zu essen?“ „dann gern! aber musst nachher zu mir kommen und essen cous-cous!“ achmed lenkte seine taxe in den hafen und wir setzten uns an einen der langen tische. „was willst?“ „bestelle uns eine leckere fischplatte!“ achmed lief zu einem kellner, der hinter den rauchschwaden des grills kaum zu erkennen war. er liess sich fische, hummer und langusten zeigen, nahm sie in die hand und schnupperte daran. endlich schien er zufrieden zu sein und kam an den tisch zurück. „wirst sehen, gibt lecker fisch!“ wenig später kam der kellner und stellte uns brot und einen salat aus klein geschnittenen tomaten und zwiebeln hin. der patron selbst stellte eine grosse platte mit dem gegarten fisch, dem hummer und den langusten dazu. achmed zeigte mir, wie man die schalentiere bricht, um an ihr wohlschmeckendes fleisch zu gelangen. ich probierte von der seezunge. so frisch hatte ich sie noch nie gegessen! kaum war die platte leer, stellte uns der kellner eine neue hin. „ist fliegend fisch aus tifnit!“ erklärte achmed, als er ein stück vom teller nahm, es vor mein gesicht hielt und dann in den mund schob. „und das ist fisch aus tinte! und siehst hier! das ist schnitzel von gross fisch, frisst mit seinen spitz zähnen touristen im atlantik.“ als wir auch den fisch und die schalentiere von der zweiten platte aufgegessen hatten, war ich satt und müde. der kellner wischte gräten und andere abfälle, die wir um unsere teller verteilt hatten, fort. ich trank noch einen schluck mineralwasser, dann winkte ich dem kellner, um zu bezahlen. er kam auch sofort und sah erst achmed und dann mich an. ich sagte: „dieses mal bezahle ich!“ der kellner schrieb auf einem kleinen zettel ganze zahlenkolonnen zusammen. dann kratzte er sich mit dem bleistift durchs haar. endlich zog er energisch einen strich unter die rechnung, schrieb sehr schwungvoll eine zahl hin und reichte mir den zettel. ich sollte 500 dirham bezahlen! erst dachte ich, er habe sich bei der abschliessenden null vertan. als ich aber achmed den zettel reichte, nickte er nur. „ja, zahl mal! oder möchtest noch fisch aus tinte?“ in mir stieg ärger auf. hier präsentierten sie mir die rechnung für ein mittagessen, das in etwa dem halben monatslohn eines kellners in marokko entsprach. und achmed sagte nur: ja, zahl mal! war ich unter die räuber gefallen? warum hatte achmed eigentlich so lange mit dem kellner verhandelt, als er den fisch bestellte? was hatten sie so wichtiges zu besprechen? sie waren sich bestimmt schnell einig geworden, dass der kellner erst bei mir kassiert und achmed später seine provision abholt! jetzt kochte ich vor wut. ich rief nach dem patron. der kam auch gleich und besprach sich mit dem kellner. dann sah er sich die rechnung an. „wo ist problem, monsieur?“ jetzt brannten alle sicherungen in mir durch. ich sprang auf und beschimpfte alle drei als betrüger. der patron hob abwehrend die arme. der kellner fasste mich an der schulter, ich sollte mich wieder setzen. achmed rief: „ist alles kein problem! wo ist problem?“ die anderen gäste sahen neugierig zu uns herüber und der patron rechnete fieberhaft die zahlenkolonnen auf dem zettel hinauf und hinunter. mir aber fielen immer neue schimpfworte ein. ich wollte sie dem patron gerade ins gesicht schleudern, da traf mich sein sanfter blick: „jetzt versteh ich! du hast gegessen eine seezunge und nicht zwei! dann zahlst natürlich nur 400 dirham. ist jetzt korrekt?“ so fassungslos ich auch war, fiel mir doch plötzlich ein satz ein, den ich in einem reiseführer über marokko gelesen hatte: „machen sie in marokko immer den preis vor dem essen aus. in touristen-hochburgen wie agadir könnte sonst die rechnung unverhältnismässig hoch ausfallen.“ ich gab dem patron das geld, dann gingen achmed und ich schweigend zur taxe zurück. meine wut war verflogen! warum nur hatte ich achmed verdächtigt, mich betrügen zu wollen? warum hatte mein misstrauen gesiegt? warum hatte ich mir nicht die regel zu herzen genommen, vorher, anstatt hinterher nach dem preis zu fragen? ich sah achmed aus den augenwinkeln an und ratlosigkeit überfiel mich, vermischt mit einem gefühl der hilflosigkeit und scham. achmed aber fragte: „willst jetzt essen cous-cous in mein haus! du magst doch cous-cous?“ |