XXX
achmed trifft redouan!




Ich werde dir zeigen ein schönes tal im gebirge. da gibt es viele blumen und kaskaden. wirst sehen, ist sehr hübsch!“

wenn achmed mir einen ausflug vorschlägt, sage ich nie nein, denn er weiß, wo marokko am schönsten ist. also fuhren wir aus agadir hinaus.

nach etwa einer stunde bemerkte ich, dass achmed unruhig wurde. irgendetwas schien ihm nicht zu gefallen. nach einer weiteren halben stunde erreichten wir ein kleines dorf. hier stoppte achmed. „wir sind da!“

„aber wir sind doch noch gar nicht im gebirge!“

„macht nichts. wir steigen jetzt mal aus.“

„ich will hier aber nichts besichtigen! das ist doch nur ein gottverlassenes dorf! ich möchte mir viel lieber das schöne tal im gebirge ansehen.“

„da geht nicht.“

„und warum nicht?“

„weil ich den weg nicht weiß! ich dachte, diese straße geht zum gebirge. geht auch! aber nicht nach tal mit blumen und kaskaden.“

„du hast dich also verfahren?“

„ich hab nur anderen weg genommen! wir gucken jetzt mal hübsch dorf.“

mir blieb nichts anderes übrig, als auszusteigen. „was also sehen wir uns zuerst an? die müllhalde dort hinten oder das feuerwehrhaus?“

„alles, was magst! aber jetzt wir gehen zum souk!.“

wir schlenderten über den markt und tauchten ein in die welt der tausend farben und gerüche … mit ihren zylindrisch aufgehäuften gewürzbergen, bunten dosen, kräutern und essenzen, abertausend rosenblättern, oliven, datteln, orangen und feigen.

ein kleiner junge gesellte sich zu uns. er trug ein schmutziges t-shirt, eine zerissene hose und das, was er an den füßen hatte, waren früher einmal turnschuhe gewesen. er sagte nichts, bettelte nicht, sondern lief einfach neben uns her. wir blieben an einem marktstand stehen, auf dem sich gebrauchte kleider, hosen und hemden türmten. darin wühlten einige marokkanische frauen und hielten sich immer wieder lachend blusen oder pullover vor die brust.

„wie heißt du?“, fragte ich den jungen. achmed beugte sich zu ihm hinunter und übersetzte. „er heißt redouan.“

„redouan besitzt wohl nur dieses eine hemd und nur diese eine hose! wie wäre es, wenn wir ihm hier auf dem souk etwas zum anziehen kaufen?“

achmed war begeistert. „das ist eine gut idee!“

er musste auch nicht lange suchen und fand sehr schnell eine passende hose und ein hemd für ihn.

„und jetzt kaufen wir schuhe für redouan!“ schlug ich vor. da war redouan aber wählerisch. immer wieder schüttelte er den kopf, wenn achmed ihm ein paar schuhe hinhielt. erst, als wir ein paar fast neue turnschuhe aus dem haufen fischten, nickte er.

mit vielen tüten beladen verließen wir den souk.

„was machen wir jetzt?“, fragte ich.

„wir gehen in die hammam. dann kann redouan sich waschen und anziehen neue kleider!“

wir schwitzten und wuschen uns. dann trocknete sich redouan sorgfältig ab und schlüpfte in seine neuen kleider. zwar war das hemd ein wenig zu groß und die hose musste er einmal umkrempeln. aber das machte nichts! redouan hatte sich in einen hübschen kleinen marokkaner verwandelt.

ich lud beide noch in ein café an der straße ein, und achmed und ich bestellten tee. redouan bekam eine orangina mit einem großen strohhalm. noch immer schwieg er und lächelte mich nur manchmal verlegen an.

es wurde zeit, nach agadir zurückzufahren. redouan nahm seine tüten mit den alten kleidern und lief davon. er drehte sich nicht noch einmal um.

ich sah ihm gedankenverloren nach.

in wenigen tagen werden die neue hose und das neue hemd genauso aussehen wie das alte zerschlissene t-shirt und die schmutzige hose. und wer weiß, ob er die neuen turnschuhe behält und nicht eintauscht für zigaretten, kaugummi und cola. in wenigen tagen wird er wieder aussehen wie der redouan, der uns stumm und wie selbstverständlich für kurze zeit begleitete.

als redouan um eine hausecke verschwunden war - klein, schmächtig, aber mit festem schritt -, sahen mich plötzlich alle kinder marokkos an. sie waren so stumm wie redouan. sie wünschten sich nichts und erhofften alles ...

ich spürte, wie traurigkeit in mir aufstieg.

achmed war hinter mich getreten. auch er sah die straße hinunter, wo redouan verschwunden war. ich spürte seine hand, die sich flüchtig und leicht auf meine schulter legte.
„du hast große freude gemacht!“

und wie von fern hörte ich noch: „wir wollten fahren ins tal mit schönen blumen und haben gefunden einen kleinen freund!“