SIDI IFNI - "ART DECO" AM ATLANTIK
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(dieser aufsatz ist teil meines reiseberichts aus marokko: "mandelblüten und kamele")
1934 liess general franco im süden marokkos am
atlantik die stadt sidi ifni bauen. sie wuchs schon bald zu einem modernen
verwaltungs- und militärzentrum, nachdem eine avantgarde von spanischen
architekten mit der planung und dem bau beauftragt worden war.
schon 1860 hatte spanien 1500 quadratkilometer an der atlantikküste
im südlichen marokko besetzt und zu seiner enklave erklärt.
trotz energischer proteste marokkos blieb das stück land - und damit
das später erbaute sidi ifni - bis 1969 im besitz spaniens. mittelpunkt
der zahlreichen spanischen gebäude in sidi ifni ist ein grosser platz,
der aber heute keinen spanischen namen mehr trägt, sondern nach dem
verstorbenen marokkanischen könig, hassan II., benannt ist.
hier standen das spanische konsulat, die spanische polizei- und militärbehörde,
aber auch ein hotel, ein kino, eine schule und das krankenhaus. im weiteren
umkreis waren die grossen und kleinen, zweckmässig gebauten privathäuser
für die spanischen beamten zu finden.
bald schon musste spanien erkennen, dass ihre enklave im süden
marokkos - anders als ihre besitzungen melilla und ceuta an der strasse
von gibraltar - kaum strategische bedeutung hatte. nachdem militär-
und zivilverwaltung in sidi ifni etabliert waren, wusste in madrid keiner
so recht, was man mit dem kleinen spanischen ort am atlantik anfangen sollte,
tat aber alles, um die enklave in ihrer existenz zu sichern, die zwar ohne
grosse aufgaben war, in der es sich aber dank einigem europäischem
luxus - also hübscher villen, amerikanischer autos und gepflegter parks
- angenehm leben liess.
die zeit stand bald still. in sidi ifni wurde nichts mehr gebaut,
aber auch nichts abgerissen oder neu errichtet. daher blieben die kolonialen
gebäude der jahrhundertwende, vor allem aber auch die häuser
der 30er jahre - allesamt errichtet im damals modernen „art deco“ stil -
unangetastet und konnten sich ohne jede veränderung konservieren -
wenn auch die privathäuser inzwischen in einem jämmerlichen,
aber doch noch zu rettenden zustand sind.
der begriff „art deco“ ist von einer ausstellung abgeleitet, die 1925
in paris stattfand und dem zeitgenössischen kunstgewerbe gewidmet war:
„exposition des Arts Decoratifs et Industriels Modernes“. die „art deco“
wurde schnell zum sammelbegriff für einen stil der frühen 30er
jahre, der kunst, kunsthandwerk, architektur und werbegrafik nachhaltig und
unverwechselbar prägte.
auch wenn frankreich das zentrum dieses neuen stils war, beeinflusste
er doch bald in ganz europa und amerika eine junge generation von künstlern
und kunsthandwerkern, grafikern und architekten, die sich - bei betonter
abkehr vom jugenstil - auf geometrische, lineare und funktionale formen
besannen. zusätzlich bedienten sie sich ungewohnter, neuer materialien
- plastik, bakelit, aluminium, stahl - um gegenstände des täglichen
bedarfs formschön, aber industriell in serie gefertigt und damit preiswert
herstellen zu können.
in der architektur waren es vor allem stahl und beton, die ein effektives
bauen ermöglichten. auch hier ergab sich die ästhetik nicht
aus irgendeinem schmückenden beiwerk, wie man es aus dem jugenstil
kennt, sondern allein durch die betonung des zweckmässigen und funktionalen:
klare vertikale und horizontale linien und fluchten, oft gerundete ecken,
flachdächer, grosszügige, geometrisch geordnete fassaden, die
manchmal durch glasbausteine aufgelockert sind.
die traditionelle marokkanische architektur - zumal an der atlantikküste
- mit ihren weissen, schmucklosen, würfelförmigen häusern
musste von den spanischen architekten nur konsequent weiter entwickelt werden,
um in sidi ifni ein ensemble von häusern zu schaffen, das bis heute
eine geglückte synthese von marokkanischer tradition und europäischer
moderne darstellt.
als sidi ifni 1969 an marokko zurück gegeben worden war, - aus
dieser zeit stammt übrigens der legendäre „twist-club“, den ich
auf meinem streifzug durch die stadt zufällig entdeckte - bemühten
sich die marokkaner, wenigstens die öffentlichen gebäude stilgetreu
zu renovieren. viele privathäuser hingegen sind - wohl auch wegen der
schwierigen eigentumsverhältnisse - von der sanierung ausgenommen
worden, was zu beklagen ist, denn gerade sie vermitteln einen nachhaltigen
eindruck von der meisterlichen verbindung marokkanischer mit klassischer
europäischer architektur.
auch das zentrale gebäude am „place hassan II.“, in dem früher
die staatliche spanische administration untergebracht war, droht zu einer
ganz und gar hässlichen ruine zu werden. schon jetzt ist es in einem
erbärmlichen zustand. ich vermute, dass dieses gebäude bis heute
spanien gehört - madrid aber wenig interesse daran hat, es instand
zu setzen. zu welchem zweck auch? hier droht jedoch das verschwinden eines
zwar nicht im stil der „art deco“ gebauten, aber doch historisch interessanten
gebäudes.
ich habe mich einen vormittag lang in sidi ifni umgesehen und
mich bemüht, alle gebäude, die im stil des spanischen kolonialismus
der jahrhundertwende, vor allem aber im „art deco“ der 30er jahre errichtet
wurden, in bildern festzuhalten. ich fotografierte auch brunnen, ruhebänke,
kioske und denkmäler, die aus der zeit stammen und das historisch so
einzigartige und geglückte marokkanisch-europäische architektur-ensemble
rund um den „place hassan II.“ in sidi ifni vervollständigen.