*** RUND UM AGADIR ***

NACH TAFRAOUTE IM ANTIATLAS






(380 kilometer, ca. 9 stunden)

Die schönste fahrt, die wir von agadir aus unternehmen können, führt in den antiatlas nach tafraoute und weiter nach tiznit. dieser ausflug gehört zum eindrucksvollsten, was marokko zu bieten hat. dafür sollten wir früh aufstehen, denn es liegt ein langer - und manchmal auch anstrengender tag vor uns. wir müssen auch unbedingt vermeiden, auf dieser fahrt von der dunkelheit überrascht zu werden - in den bergen wäre das verhängnisvoll.

ich muss überhaupt vor fahrten bei dunkelheit in marokko warnen. selbst die beste überlandstrasse verwandelt sich nach sonnenuntergang - wenigstens mit den augen eines europäers betrachtet - in eine chaotische geisterbahn. zu dieser zeit brechen nämlich die bus- und lkw-fahrer auf, die mit ihren oft mangelhaft beleuchteten fahrzeugen in der nachtkühle weite strecken zurück legen. aber auch radfahrer, esel, fussgänger, ziegen, katzen und hunde irrlichtern über die dunklen strassen. sie alle machen eine autofahrt im besten fall zu einer nervenaufreibenden angelegenheit, im schlimmsten fall aber zu einer katastrophe.

in agadir nehmen wir die schon bekannte strasse nach ait melloul. dort angekommen, müssen wir am ortsausgang ein wenig aufpassen. geradeaus geht es nach taroudannt, rechts nach tiznit. zwischen diesen beiden strassen führt eine dritte nach biougra. diese nehmen wir, halten uns aber rechts, denn die strasse verzweigt sich gleich noch einmal. 

anschliessend fällt die orientierung leicht, denn es geht immer nur geradeaus. nach kurzer fahrt erreichen wir biougra, einen hübschen ort mit einem gemütlich-kleinen souk. da wir aber heute noch einen weiten weg vor uns haben, halten wir nicht an, sondern sparen uns einen besuch für ein anderes mal auf.

bald tauchen in der ferne die ausläufer des antiatlas auf. wir fahren durch eine rostrote, weite ebene, in die flache lehmhäuser, olivenhaine und arganienbäume eingestreut sind. alles wirkt - vielleicht auch wegen des blendend-klaren lichts - aufgeräumt und wie geputzt.

dann haben wir die berge erreicht und es geht in vielen serpentinen steil bergan. wenn wir pech haben, müssen wir einem lkw oder bus hinterher fahren, denn an ein überholen ist in den bergen nicht zu denken. allerdings sind die marokkaner rücksichtsvolle fahrer. wenn sie bemerken, dass sich hinter ihnen die fahrzeuge stauen, steuern sie, wo immer es möglich ist, haltebuchten an, um die autos vorbei zu lassen.

hier oben in den bergen sind wir ganz allein. nur ab und zu kommt uns ein auto entgegen. wir können manchmal seinen weg noch eine ganze weile verfolgen, wenn es sich - bald tief unter uns - talwärts durch die engen serpentinen schraubt.

sind wir hier oben wirklich ganz allein? was huscht denn da vor uns über die strasse? viele eidechsen und erdhörnchen kreuzen unseren weg. sie müssen aufpassen, um nicht von uns überollt zu werden, denn ausweichen können wir ihnen auf dieser schmalen strasse nicht. sie hat auch überhaupt keine leitplanken und oft geht es an schwindelnden abgründen entlang. ich hoffte inständig, keinem lkw zu begegnen - wie hätte ich ihm ausweichen sollen?

plötzlich musste ich lachen. wäre mein marokkanischer freund samir dabei gewesen, hätte er sich ganz bestimmt mit den worten „du kannst nicht fahren in berge!“ ans steuer des autos gesetzt. er hätte mir gewiss auch seine nervenzehrenden fahrkünste gezeigt - wie schon so oft in marokko. und das heisst: mit äusserstem risiko und höchstgeschwindigkeit durch die berge! eigentlich hat samir viel zeit  - nur wenn er am steuer eines autos sitzt, jagt er durch marokko, als ob ganz wichtige termine auf ihn warten.

als ich mich durch eine weitere enge serpentine quälte, dachte ich - mit einem skeptischen blick hinunter ins tal: „vielleicht fahre ich wirklich schlechter als samir. aber wenigstens habe ich heute keine termine!“



die berge werden höher und erscheinen in ihrer schroffen nacktheit ein wenig bedrohlich. kleine ortschaften kleben wie vogelnester an den felsen. an manchen berghängen haben die bewohner terrassen angelegt, auf denen olivenbäume gepflanzt sind. viele dörfer aber sind verlassen und erzählen auf diese weise von der mühsal des lebens in den bergen.

weiter geht die fahrt - manchmal über weite hochflächen, die uns vergessen lassen, dass wir inzwischen in grosser höhe im gebirge sind. nach zwei stunden taucht der agadir tislan auf. er liegt kreisförmig auf einem felsen inmitten eines von hohen bergen umstandenen tals. „agadire“ sind getreidespeicher, die von den bewohnern der umgebung zur aufbewahrung ihrer ernte dienten. sie boten aber auch schutz vor überfällen, denn bei gefahr flüchteten die menschen in die festungsgleichen agadire. wir sollten bei unseren fahrten in marokko - ganz gleich, ob wir wehrhaften agadiren im antiatlas oder trutzigen kasbahs in südmarokko begegnen -  nicht vergessen, dass die menschen in früherer zeit nicht durch eine zentrale macht geschützt wurde, und die bevölkerung aus clans, sippen und familien bestand (und besteht), die oft im streit lagen und erbitterte kriege gegeneinander führten.

es gibt zahlreiche agadire im antiatlas, die aber, weil  man sie nicht mehr braucht, verfallen und zu ruinen werden. zu dem noch recht gut erhaltenen agadir tisla führt eine kleine strasse. wer mag, besteigt den berg und sieht sich die speicherburg einmal aus der nähe an.

wir fahren bald weiter und erreichen wenig später den pass tizi-n-tarakatine in 1600 meter höhe, der durch einen aufgesprengten felsen führt. gleich dahinter wartet ein gewaltiger ausblick ins ammelntal, in das wir über viele serpentinen hinunter fahren. hier liegen vor rostroten felsen und eingefasst von palmen die rostroten häuser der bergbewohner. von ihnen wird immer wieder berichtet, dass sie besonders fleissig sind.

jetzt haben wir auch bald den hauptort des tals - tafraoute - erreicht, der ein wenig versteckt zwischen hohen, bizarr geformten felsen liegt. mittwochs ist markttag. der souk findet auf der hauptstrasse statt, die zum zentrum führt - eine gute gelegenheit für uns, endlich einmal auszusteigen, und über den souk und durch den ort zu bummeln. tafraoute ist eine dattelpalmenoase, die vom oued massa durchflossen wird. dem oued sind wir bereits begegnet, als wir den stausee yussuf tachfine besuchten, der das wasser des oud massa sammelt. in den rostrot getünchten häusern von tafraoute wohnen 8000 menschen, von denen die meisten in der landwirtschaft arbeiten. palmenoasen sind sehr ertragreich, da nicht nur die datteln geerntet werden, sondern im schatten der palmen eine vielseitige feldwirtschaft mit gemüse, obst und getreide betrieben werden kann.



bevor wir weiter fahren, müssen wir entscheiden, welche strasse wir nehmen wollen. der direkte - und kürzere - weg nach tiznit führt über souk el had de tahala und hat seinen ausgangspunkt am place mohammed in tafraoute. der zweite - ein wenig längere - weg, den ich gefahren bin, beginnt am place al massira und führt in südlicher richtung aus der stadt hinaus, vorbei an bizzaren, hohen felsentürmen, die wir uns unbedingt ansehen sollten.

schon kurz hinter tafraoute geht es in engen serpentinen wieder in die berge bis nach tiffermit. dort erreichen wir eine weite, felsige, weissgelbe hochebene, die mich an die wüsten südmarokkos erinnerte. weitab und kaum zu erkennen liegen geduckte, aus lehm gebaute häuser, die mit der farbe der erde verschmolzen sind. jetzt reist das gefühl grosser einsamkeit mit uns. es verstärkt sich noch, wenn wir das auto verlassen. eine nie gekannte stille umgibt uns und eine weisse sonne wirft durchsichtiges licht vom himmel. auf der strasse, die schnurgerade durch diesen leeren raum aus geröll und steinen läuft und sich in der flimmernden ferne verliert, ist kein mensch zu sehen. nur ein windrad, das zu einem brunnen gehört, dreht sich am wegrand im heissen wüstenwind.

diese ebene täuscht vor, dass wir uns nicht mehr in den bergen befinden. in wahrheit fahren wir aber in grosser höhe über ein felsiges bergplateau. wie hoch wir sind, wird uns erst klar, wenn wir col de kerdous erreichen. für einen moment mag es so aussehen, als würden wir nur einen ort durchfahren. aber plötzlich öffnet sich das panorama und gibt den blick in die weite bergwelt des antiatlas frei. col de kerdous ist eine passhöhe, von der aus wir in weiten schleifen und zahllosen serpentinen tief hinunter in die ebene von tiznit fahren.

am ende der bergstrecke liegt der kleine ort tighmi, wo wir - erschöpft von der anstrengenden passfahrt - ausruhen können. vielleicht bleibt noch zeit, uns die hübschen töpferwaren anzusehen, für die der ort bekannt ist. im juni 2004, als ich nach tighmi kam, fand gerade ein kleiner souk statt. auf einem staubigen platz warteten einige händler auf ihre kunden. das angebot war nicht gross. ich entdeckte ein wenig gemüse, ein wenig obst und einen stand mit quarzweckern, die wild durcheinander piepsten. sie fehlen nie auf den souks in marokko, obwohl die pünktlichen rufe des muezzin von der moschee den menschen doch eigentlich jeden wecker ersetzen müssten.

wir sollten tighmi bald wieder verlassen, denn obwohl die strasse nach tiznit durch flaches land führt, haben wir noch drei stunden fahrt vor uns, bis wir wieder in agadir sind.



EINIGE FOTOS -DER ANTIATLAS UND TAFRAOUTE!

nach essaouira!