THOMAS UND HEINRICH MANN
- KINDER, ONKEL, TANTEN -
skizzen und notizen zu einer literarischen
familie in deutschland
INHALT:
(KLICK! zum lesen auf den titel)
THOMAS MANN - SECRET LIFE!
ERIKA MANN - DIE TOCHTER!
GOLO MANN - EIN HISTORIKER ERZÄHLT GESCHICHTE!
KLAUS MANN - DER EINSAME TOD IN CANNES!
DIE FRAUEN IN DER FAMILIE MANN
MIT KLAUS UND ERIKA AN DER RIVIERA!
EINEM IRONIKER BRICHT DAS HERZ!
FLUCHTORT "EXIL" - SANARY-SUR-MER!
MONIKA MANN - DIE UNGELIEBTE!
DIE NAZIS DROHEN:
"MIT HANDKUSS FÜR IHRE GATTIN UND HANDSCHLAG FÜR SIE"!
in dieser reihe sind alle notizen versammelt, die bei KREUZ
und QUER
zur familie mann erschienen sind und noch erscheinen werden
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THOMAS MANN
- SECRET LIFE!
thomas mann hat neben seinem literarischen und essayistischen werk
ein konvolut von tagebüchern hinterlassen, die nach seinem testamentarischen
willen erst geraume zeit nach seinem tod veröffentlicht werden durften.
inzwischen liegen sie - sorgfältig ediert und kommentiert - vor. ich
gestehe: sie langweilten mich über weite strecken. wer interessiert
sich schon für das magengrimmen und kopfweh eines schriftstellers?
diese persönlichen befindlichkeiten nehmen jedoch in den tagebüchern
einen breiten raum ein.
thomas mann schrieb bereits als junger mann fast täglich an seinen
tagebüchern. die frühen eintragungen hat er aber schon in den
20er jahren vernichtet. er wollte nicht, dass sie an die öffentlichkeit
gelangen - denn eines war immer klar: seine tagebücher sollten nicht
nur zur eigenen reflektion dienen - sondern waren immer auch für das
lesepublikum gedacht. deswegen musste thomas mann allzu brisantes aus der
frühzeit löschen. wir können dankbar sein, dass die späteren
tagebücher von einem so unbestechlichen herausgeber wie peter de mendelssohn
editiert wurden. mag sein, erika mann, wäre sie noch am leben gewesen,
hätte rigoros in den corpus der späteren tagebücher eingegriffen
und heikles einfach gestrichen.
als thomas mann 1933 ins exil ging - das heisst: von einer lesereise
im ausland nicht mehr nach deutschland zurück kehrte und stattdessen
in die schweiz ging - hatte er ein fürchterliches problem. seine manuskripte
lagen in münchen, seinem wohnort - darunter auch die tagebücher,
die er über alle jahre nach seiner hochzeit mit katia pringsheim
geführt hatte. die vorstellung, dass diese aufzeichnungen den nazis
in die hände fallen könnten, versetzten ihn in eine solch´
ausserordentliche besorgnis, dass er zeitweise an selbstmord dachte. die
aufzeichnungen schienen ihm so geartet, dass sie seine reputation und
seinen ruf ruinieren könnten.
porträt thomas mann
was stand in den tagebüchern?
sein sohn golo mann ist es zu verdanken, dass die manuskripte sicher
in die schweiz kamen. er fuhr heimlich nach münchen und konnte unter
lebensgefahr das elternhaus betreten, wo die tagebücher in einem safe
verwahrt wurden. dies - und vieles andere, was golo mann in dieser schwierigen
zeit tat - war ausserordentlich tapfer und erhält zusätzliches
gewicht, wenn man weiss, in welch´gespanntem verhältnis er sich
zeitlebens zu seinem vater befand.
thomas mann - wir wissen es heute - fürchtete sich davor, dass
seine homosexualität publik werden könnte, zu der er sich an
vielen stellen seiner tagebücher äussert. dies mag auch ein fingerzeig
sein, warum er seine frühesten tagebücher, die er als unverheirateter
mann führte, vernichtete. es ist mit fug und recht anzunehmen, dass
das thema homosexualität dort einen noch viel breiteren raum einnahm.
thomas mann war zeit seines lebens kein praktizierender homosexueller
mann. er verbot sich seine neigungen, die er als „ungesund“ bezeichnete,
und verordnete sich stattdessen die ehe mit katia pringsheim. wir wissen
heute, dass in dieser ehe zwar sechs kinder geboren wurden, aber auch,
dass das eheleben der beiden über weite strecken rein kameradschaftlicher
natur blieb. schon auf seiner hochzeitsreise begab sich thomas mann in
ärztliche behandlung. wir ahnen, warum er es tat. nicht unerwähnt
soll bleiben, dass katia - eine weltoffene, intelligente frau - um die
neigungen ihres mannes wusste, sie aber tolerierte und ihm nachsah. das
war gewiss das beste, was thomas mann passieren konnte.
ich habe nie verstanden, warum um die sexuellen neigungen thomas manns
solange ein geheimnis gemacht wurde. schon seine frühe novelle „tonio
kröger“, die er 1903, also noch als relativ junger mann (er war 28
jahre alt) verfasste, gibt hinweise in fülle auf den erotisch-sexuellen
konflikt, der dieser novelle wenigstens im ersten teil (unausgesprochen)
zugrunde liegt.
vollends zum thema wird die homosexualität dann im „tod in venedig“,
eine novelle, die - wie „tonio kröger“ - stark autobiographische züge
trägt. sie erschien 1912, als thomas mann 37 jahre alt war und damit
endgültig seine jugend hinter sich gelassen hatte. ein bemerkenswertes
biografisches datum, das zusätzlich brisanz durch die inzwischen
erfolgte eheschliessung mit katia pringsheim (1905) erhält. nur eine
bildungsbeflissene, konservative literaturkritik konnte darin das zentrale
thema der homosexualität und seiner schmerzhaften leugnung übersehen
und so tun, als handelte es sich „nur“ um den konflikt eines ästheten
und künstlers in einer trivial-bürgerlichen umgebung.
nur folgerichtig tauchte das thema homosexualität im erzählerischen
werk später nicht mehr auf - höchstens noch in andeutungen und
aufs äusserste sublimiert. der „tod in venedig“ markierte das ende
dieses themas für thomas mann. die novelle liefert auch gleich die
begründung: sie findet sich in der tragischen, am ende grotesken gestalt
des gustav aschenbach.
aus dem film "tod in venedig"
so wie er wollte thomas mann niemals enden. diese figur war das
gegenbild zu einer repräsentativen, bürgerlichen existenz, wie
sie sich thomas mann für sich - freilich um den preis der selbstverleugnung
- vorstellte.
noch steht eine würdigung des werkes thomas manns unter genau
diesem aspekt aus: wie verabeitete der schriftsteller sein lebensthema
- die homosexualität - in seinen romanen und erzählungen? wie
hat man sich - allgemeiner gefragt - die situation eines homosexuellen (oder
doch bisexuellen) mannes in der ersten hälfte des 20. jahrhunderts
vorzustellen? denn eines ist gewiss: das schicksal thomas manns ist kein
einzelfall. viele männer fürchteten sich damals vor der entdeckung
ihrer neigungen - in einer gesellschaft, die homosexualität tabuisierte
und bestrafte. der ausweg war die verdrängung, die ästhetisierung
und sublimierung - um den preis der gelebten lebens.
diese notiz möchte anregung sein, dass wissenschaftler sich dem
werk thomas manns endlich einmal konsequent unter dem psycho-sexuellen
aspekt nähern - das schliesst andere sichtweisen überhaupt nicht
aus, verengt also nicht das thema „thomas mann“. die forschung in dieser richtung
blieb bisher leider immer fragmentarisch - vielleicht auch deswegen, weil
sie im grunde nur ein schwuler wissenschaftler bewältigen könnte.
das thema „thomas mann“ würde eine ausserordentliche erweiterung
erfahren, wenn die politisch-gesellschaftliche konstellation und die debatten
um die homosexualität in der ersten hälfte des 20. jahrhunderts
konsequent mitbedacht würden. zu viele menschen sind damals an ihren
neigungen gescheitert, weil die gesellschaft sie nicht duldete, und haben
es vorgezogen, den freitod zu wählen. thomas mann - zu keiner zeit
ungefährdet - ging einen anderen weg.
diese (exemplarische) biografie, scheint mir, muss erst noch geschrieben
werden
thomas und katia mann in lübeck
ERIKA
MANN - DIE TOCHTER!
über dem leben erika manns, älteste tochter von thomas mann,
liegt eine tragik, die erst beim zweiten blick offenbar wird. sie war zeitlebens
die lieblingstochter ihres vaters, ihr wurde alles verziehen, was bei
den geschwistern zu strengen ermahnungen führte. am 9. november 1905
kam sie in münchen zur welt. mit ihrem nur ein jahr jüngeren
bruder klaus verband sie eine besondere und innige beziehung, die über
seinen selbstmord hinaus reichte. erika war es, die das literarische werk
ihres bruders nach seinem tod betreute und - gut möglich - vor dem
vergessen bewahrte.
thomas mann mit erika
noch vor ihrem abitur im jahre 1924 setzte sie sich gegen ihrer
eltern durch und trat ein engagement als schauspielerin am „deutschen theater“
in berlin an, dessen intendant max reinhardt war. nach ihrem schulabschluss
absolvierte sie eine schauspielausbildung und ging unter anderem an das
bremer theater.
ihre schauspielausbildung prädestinierte sie geradezu, im theaterstück
„anja und esther“, das ihr bruder klaus geschrieben hatte, eine rolle zu
übernehmen. zusammen mit ihm, gustav gründgens und pamela wedekind
bestritt sie 1925 die uraufführung des stückes in hamburg, was
zu einem echten skandal geriet.
nicht nur auf der bühne spielten die vier „grosses theater“.
sie waren - als kinder berühmter eltern - in deutschland als „enfants
terribles“ bekannt und berüchtigt, die jede konvention verlachten und
für immer neue gesellschaftliche skandale sorgten. dazu gehörte,
dass (die sich zu frauen hingezogen fühlende) erika aus einer laune
heraus den homosexuellen gustav gründgens heirate. dazu gehörten
aber auch die eskapaden ihres homosexuellen bruders klaus, der überhaupt
keinen hehl aus seiner veranlagung machte. ihn schützte das talent -
viel mehr aber noch die herausragende stellung seines vaters, der nach der
verleihung des nobelpreises zu einer gesellschaftlichen und moralischen instanz
in deutschland geworden war.
die geschwister erika und klaus
ihre ehe mit gustav gründgens ging schon bald in die brüche,
was erika aber keine besondern schmerzen bereitete, da diese verbindung
nur aus leichtsinn und nicht aus liebe zustande gekommen war. stattdessen
ging sie 1927 mit ihrem bruder klaus auf eine reise, die neun monate dauerte
und deren ergebnis ihr gemeinsamer reisebericht „rundherum - das abenteuer
einer weltreise“ war.
in diese zeit fällt auch erikas abkehr vom theater und ihre hinwendung
zur publizistischen arbeit. sie schreibt für den rundfunk und die
„münchener neuesten nachrichten“. die artikel, die sie abliefert, werden
zunehmend politischer und beschäftigen sich vor allem mit dem heraufziehenden
nationalsozialismus, den sie bekämpft, wo sie nur kann.
erika mann lebt als emanzipierte frau in der weimarer republik und
widerspricht dem gängigen frauenbild der zeit ganz und gar. dieses
„image“ pflegt sie sorgfältig, kleidet sich burschikos und extravagant,
raucht in der öffentlichkeit und fährt leidenschaftlich gern auto.
1931 gewinnt sie eine 10.000 kilometer lange rallye durch südeuropa.
niemals aber vergisst sie ihr politisches engagement und beteiligt
sich 1931 auch an einer pazifistischen veranstaltung, die von der „internationalen
liga für frieden und freiheit“ organisiert wird. die nationalsozialisten,
denen die publzistische tätigkeit erka manns schon lange ein dorn
im auge ist, bringen sich gegen sie in stellung, beschimpfen und beleidigen
sie - am ende muss sie gegen die infamen verleumdungen prozessieren. erholung
von der politischen arbeit findet sie in ihrem literarischen schaffen.
1931 erscheint das erste einer ganzen reihe von kinderbüchern aus ihrer
feder: „stoffel fliegt über das meer“.
sie, die wohl gar keinen wunsch nach eigenen kindern hatte - fühlt
sich auf wunderbare weise in die seelen ihrer kleinen leser ein, denen
sie in ihren büchern auf spielerische weise mut, zuversicht und gradlinigkeit
vermittelt. geholfen beim schreiben der bücher hat ihr gewiss der
umgang mit ihren vier jüngeren geschwistern, denen sie - zumal den
jüngsten - fast eine zweite mutter war.
1933 gründet erika - zusammen mit ihrer gefährtin und freundin
therese giehse - das politische kabarett „die pfeffermühle“. mit selbstgeschriebenen,
ironisch-spitzen texten setzt sie - die schauspielerin und politische
publizistin - ihren kampf für soziale gerechtigkeit und gegen den
nationalsozialismus auf der bühne fort.
schon am 13. märz 1933 - die nationalsozialisten waren gerade
an die macht gekommen - verlässt sie deutschland und versucht auch
ihren vater, der sich gerade auf einer lesereise im ausland befindet, davon
zu überzeugen, nicht nach münchen zurückzukehren. sein leben
- aber noch viel mehr das leben seiner jüdischen frau katja - war
in höchter gefahr.
die familie findet sich im südfranzösischen sanary-sur-mer
wieder zusammen, von wo aus sie in das schweizer küssnacht übersiedeln.
in zürich führt erika, zusammen mit therese giehse, die „pfeffermühle“
weiter, wirbt - gemeinsam mit ihrem bruder klaus - für einen engen zusammenhalt
der europäischen intellktuellen gegen die nazis und bemüht sich,
ihren vater davon zu überzeugen, entschieden gegen hitler stellung
zu beziehen.
thomas mann zaudert. er befürchtet, sein deutsches lesepublikum
zu verlieren. noch verlegt der s. fischer-verlag ohne nennenswerte repressionen
seine bücher im deutschen reich. erst 1936 stellt er sich in einem
zeitungsartikel entschieden vor die exilierten deutschen schriftsteller
und bricht ein für allemal mit nazideutschland.
dieser sinneswandel ist vor allem seiner tochter erika zu verdanken.
sie hatte einen unwiderruflichen bruch mit ihrem vater angedroht, wenn
er sich nicht - als der prominenteste deutsche schriftsteller, dessen wort
in der welt etwas galt - zum antifaschistischen kampf bekennen würde.
nach dieser schlimmen zeit der vorwürfe und missverständnisse,
des zorns und der schroffen ablehnung vertiefte sich die geistige und seelische
verbundenheit thomas manns zu seiner tochter, deren rat und hilfe er nun
immer dringender benötigte. zwar heiratete erika mann den englischen
dramatiker wystan h. auden, aber die ehe bestand nur auf dem papier, da
auden homosexuell war. der wahre grund für die verbindung bestand in
der englischen staatsbürgerschaft, die erika mit der eheschliessung
erhielt. schon 1937 geht sie nach amerika und bereitet dort die ankunft ihrer
eltern und ihres bruders klaus vor.
von nun an weicht sie nicht mehr von der seite ihres vaters. sie begleitet
ihn auf seinen vortragsreisen durch amerika, übersetzt fürs amerikanische
publikum und leitet die pressekonferenzen. thomas mann, der nie richtig
englisch gelernt hat, wird zunehmend abhängiger von seiner tochter,
die seine literarische arbeit befördert und organisiert. das hindert
sie aber nicht daran, auch weiterhin eigenständig publizistisch tätig
zu sein. sie nimmt als korrepondentin am spanischen bürgerkrieg teil
und schreibt für zahlreiche amerikanische zeitungen und für den
rundfunk.
thomas mann und erika
das kriegende in europa bedeutete für sie eine tiefe und irritierende
zäsur, mit der sie innerlich nicht fertig wurde. sie wählt in
dieser krise des lebens und der arbeit gottseidank nicht den freitod - wie
ihr bruder klaus. aber genau wie sein publizistischer kampf ist auch der
ihre plötzlich obsolet geworden, weil das ziel - hitler zu beseitigen
und deutschland zurück in eine demokratie zu führen - erreicht
ist.
es folgt die grosse leere - eine intellektuelle sinnkrise, die es
nötig macht, neue, andere ziele ins auge zu fassen. erika und klaus
gelingt dies nicht - eine tragödie, weil mit der beseitigung hitlers
noch längst nicht die demokratie in deutschland gefestigt war. die
publizistische arbeit dieser beiden so begabten menschen hätte -
unter veränderten prämissen - noch lange weitergehen können.
sie wäre in der politisch restaurativen adenauerzeit auch dringend
nötig gewesen.
erika wählte jedoch einen anderen - und wohl auch resignativen
- weg und etablierte sich als die vertraute „frau eckermann“ ihres vaters.
sie widmete sich fortan ganz und gar seiner literarischen arbeit, korrigierte
und kürzte - wie sie es auch später zu tun pflegte - seinen neuen
roman „dr. faustus“, führte seinen terminkalender und begleitete ihn
auf allen reisen. ihr mut zum eigenen leben schien erloschen. sie zog stattdessen
1952 - nach rückkehr thomas manns aus amerika - in das haus ihrer eltern
in kilchberg/schweiz, litt unter schweren migräneanfällen und
tyrannisierte mutter und zu besuch kommende geschwister. michael, der jüngste
bruder, meinte nach dem tod seiner schwester: „ich wusste gar nicht, dass
es in kilchberg auch gemütlich sein kann!“
den tod ihres bruders klaus versuchte sie zu bewältigen, indem
sie seine essays, lebensberichte, theaterstücke und romane neu edierte
und dafür einen verlag suchte. versöhnen konnte sie sich mit
dem schicksal ihres bruders indes nicht - was ihre verbitterung in einem
mass wachsen liess, dass mancher sie als unausstehlich in erinnerung behielt.
1955 - nach dem tod des vaters - wurde sie die bevollmächtigte
für seinen nachlass. sie kümmert sich um die literarischen rechte
und beaufsichtigte die nach den romanen ihres vaters gedrehten filme.
in den 60er jahren gab sie schliesslich eine dreibändige ausgabe
ausgewählter briefe thomas manns heraus und schrieb ein anrührendes
erinnerungsbuch über das letzte jahr ihres vaters.
1969 starb erika mann in zürich.
die forschung indes ist heilfroh, dass thomas mann noch zu lebzeiten
bestimmt hatte, seine tagebücher erst 20 jahre nach seinem tod zu
veröffentlichen. so konnte erika mann wenigstens daran nicht ihre editorische
hand legen. wäre es anders gekommen, würde die welt wohl bis heute
nicht wissen, dass thomas mann zeitlebens homosexuelle wünsche hatte,
die er allerdings streng hütete und nicht auslebte.
die tochter hätte schon gewusst, wie man solche „despektierlichen“
bekenntnisse aus den manuskripten eines geliebten vaters streicht.
GOLO MANN - EIN HISTORIKER
ERZÄHLT GESCHICHTE!
spätestens mit seinem geschichtswerk „wallenstein“ war Golo
Mann, der sohn von Thomas Mann, in deutschland als historiker anerkannt.
dennoch verhinderten massive widerstände seine - verdiente - professur.
in frankfurt vereitelten das Max Horkheimer und Theodor Adorno, wobei sie
nicht davor zurück schreckten, seine homosexualität gegen ihn
ins feld zu führen. ihr argument: er könnte seine studenten verführen.
prüde, schlimme jahre!
Golo Mann, 1909 geboren, hat unter seinem elternhaus, vor allem aber
unter seinem vater gelitten. er spürte, ähnlich wie sein bruder
Klaus, den übermächtigen väterlichen schatten ein leben
lang. Klaus zerbrach daran. Golo aber distanzierte sich schon früh
und verliess das elternhaus. dass er schliesslich ein historiker von überragendem
erzähltalent wurde, war vielleicht sein ausweg, um sich nicht auf dem
feld behaupten zu müssen, das sein vater mit meisterschaft beherrschte
- das der literatur.
ende der dreissiger jahre folgte Golo Mann seinen eltern ins exil
in die usa, nicht ohne zuvor noch einmal unerkannt nach münchen zu
fahren, um einige wichtige unterlagen aus dem elternhaus zu retten - unter
anderem die „tagebücher“ seines vaters, die später für so
viel aufmerksamkeit und wirbel sorgten. er rettete sie - musste aber seinem
vater versprechen, keinen blick hinein zu tun.
es ist auch Golo Manns verdienst, dass Heinrich Mann die flucht aus
deutschland gelang. Golo begleitete seinen onkel auf dem schwierigen weg
nach portugal, wo sie einen dampfer in die usa erreichten. Heinrich Mann
sagte später, dass ihm die flucht ohne seinen neffen nicht gelungen
wäre.
als amerikanischer offizier kehrte Golo Mann ins nachkriegsdeutschland
zurück. es war ein glück, dass er noch relativ jung war und schon
bald seine arbeit als historiker fortsetzen konnte. in fachkreisen wurde
er zuweilen hart kritisiert, - man misstraute einem geschichtsschreiber,
der es verstand, geschichte grossartig zu erzählen.
Golo Mann verlangte von sich selbst grösste disziplin. in seinem
leben hatten zufälle und leidenschaften keinen platz. vielleicht
waren ihm die lebensschicksale seiner älteren geschwister eine warnung.
Klaus und Erika faszinierten in den 20er jahren als „enfants terribles“
ganz deutschland. über alle massen talentiert, schrieben sie bücher,
spielten theater, reisten durch die welt und kämpften, als es darauf
ankam, gegen die nazi-diktatur. und doch starb Klaus von drogen krank und
einsam in südfrankreich, Erika, ebenso ratlos und vereinsamt, flüchtete
sich zu ihren eltern, die nach dem krieg in die schweiz zurück gekehrt
waren. dort stand sie - unglücklich, herrschsüchtig und verbittert
- ihrem vater in seinen letzten jahren bei der schriftstellerischen arbeit
zur seite.
ich kann mir gut vorstellen, dass Golo Mann mit einigem schrecken
das leben eines homosexuellen führte. das schickal seines bruders
Klaus, der in immer neue affären mit jungen männern verstrickt
war, stand ihm bedrohlich vor augen - und auch das schicksal seines vaters,
der nur mit mühe und äusserster disziplin seine homosexuellen
neigungen bezwang - wenn er sie schon nicht verbergen konnte.
ich kann mir Golo Mann nicht als einen glücklichen menschen vorstellen.
aber was heisst das schon? manchmal muss es reichen, eine mit viel lob
und ehren begleitete arbeit zu tun. über seinem leben, das 1994 zu
ende ging, liegt - bei allem wissenschaftlichen glanz - eine schattenhafte
tragik, der er als sohn eines berühmten vaters und mit neigungen, die
in den frühen jahren der bundesrepublik verborgen werden mussten, nicht
wirklich entkommen konnte.
KLAUS
MANN - DER EINSAME TOD IN CANNES!
morphiumsüchtig und vereinsamt starb klaus mann, der älteste
sohn von thomas mann, 1949 in cannes. er nahm sich mit einer überdosis
schlaftabletten das leben. 1906 in münchen geboren, stand er zeitlebens
im schatten seines übermächtigen vaters, der eine seltsame abneigung
gegenüber seinem sohn hegte - vielleicht konnte er nur so - wie in
einem spiegel - seine eigene homosexualität bekämpfen. denn klaus
war homosexuell und machte aus seiner veranlagung auch gar keinen hehl.
trotz der spannungen im elternhaus war klaus - zusammen mit seiner schwester
erika - das „enfant terrible“ nicht nur münchens, sondern der weimarer
republik - sie waren beide höchst talentiert, verwöhnt und überaus
leichtsinnig. man schrieb über ihre tolldreisten einfälle, mehr
noch aber „klatschte“ man über die beiden.
die grosse wende in klaus manns leben kam mit der machtergreifung der
nazis. er schloss sich sogleich dem antifaschistischen widerstand an und
beschwor seine zögerlichen eltern, deutschland den rücken zu kehren.
sein rat - es kann schon sein - verdanken thomas und katja mann ihr leben.
seine publizistische arbeit zwischen 1933 und 1945 war geprägt von
dem unbedingten willen, die nazis von der macht zu vertreiben. dafür
nutzte er sein schriftstellerisches talent genau so wie seine vielfältigen
- und prominenten - kontakte. er gründete antifaschistische zeitschriften,
in denen die wichtigsten schriftsteller des exils mitschrieben. daneben
verfasste er romane, reiseberichte und eine biografie, die aber teilweise
erst viel später, - da war klaus mann schon lange tot - nämlich
in den 60er jahren jene beachtung fanden, die sie verdienten.
das hat gewiss mit der schwierigen verlegerischen arbeit im exil, aber
auch mit der nicht unumstrittenen person des autors zu tun. und dann: nicht
nur klaus mann - sondern alle, die aus dem exil zurückkehrten, mussten
sich im nachkriegsdeutschland bittere vorwürfe anhören, die darin
gipfelten, dass sie als aussenstehende kein recht hätten, über
die situation in deutschland zwischen 1933 und 1945 zu urteilen.
überdies hatte klaus mann mit seinem roman „mephisto“ auch noch
ein ätzendes porträt über gustav gründgens verfasst,
der im nachkriegsdeutschland nahtlos an seine erfolge im dritten reich anschliessen
konnte und gefeierter theaterschauspieler blieb. wer hätte ihn besser
beschreiben können als klaus mann? immerhin war gründgens - wenn
auch nur für kurze zeit - mit erika, der ältesten tochter von
thomas mann, verheiratet gewesen.
nach amerika emigriert, trat klaus mann - wie so viele europäische
intellektuelle - in die armee ein und kehrte als offizier nach europa zurück.
seine aufgabe bestand darin, nazis zu verhören, um der amerikanischen
regierung ein möglichst genaues bild über nazideutschland zu vermitteln.
nach dem zusammenbruch des dritten reichs und den folgenden nürnberger
prozessen war die politische aufgabe, die sich klaus mann gestellt hatte,
erfüllt. es konnte bei so einem sensiblen mann gar nicht ausbleiben,
dass sich depressionen einstellten. überdies waren seine erfolge als
schriftsteller gering und es gab auch nur vage zusicherungen, seine bücher
in westdeutschland zu verlegen. er war mit seinen 42 lebensjahren einsam
wie nie zuvor, blieb weiterhin auf die geldschecks seiner eltern angewiesen
und - wurde langsam alt. dies ist für alle, besonders aber für
einen homosexuellen wie klaus mann, der zeitlebens mehr oder weniger ohne
tiefere freundschaftlich-erotische bindung war, eine nicht einfach zu bewältigende
aufgabe.
woran er schliesslich scheiterte und verzweifelte, wissen wir nicht.
es wird wohl von allem etwas - und viel zu viel - gewesen sein, als er in
jenen verregneten frühlingstagen in südfrankreich einen selbstmordversuch
unternahm. das war nicht sein erster, aber doch der, der sein leben auslöschte.
sein berühmter vater hörte vom tod seines sohns auf einer lesetour
- bedauerte mit knappen worten und setzte die reise fort. nur michael,
der jüngste bruder, fuhr nach cannes, um am begräbnis von klaus
teilzunehmen. er spielte auf seiner violine, als der sarg ins grab gesenkt
wurde.
DIE FRAUEN IN DER
FAMILIE MANN!
ich muss immer wieder lachen, wenn ich diesen satz höre oder
lese: "was wäre ich ohne meine frau!" ja, was wären die herren
doktoren, professoren und politiker ohne ihre frauen? hilflose erdenbewohner,
nicht in der lage, sich ein ei zu kochen oder einen tee zuzubereiten. sie
müssten, mit anderen worten, verhungern und verdursten.
aber dieser satz sagt noch viel mehr. unausgesprochen erwartet er, dass
sich die frauen den lebensplanungen und -zielen ihrer männer unterordnen,
sozusagen das "räumkommando" auf dem steinigen weg zu ruhm, macht
und einfluss sind. die männer schreiten pausenlos voran und ihre gattinnen
betätigen sich als trümmerfrauen, die möglichst geräuschlos
alles aus dem weg schaffen, was ihre gatten ins stolpern bringen könnte.
die grossen männer! und ihre schatten!
auf diesem foto sind rechts thomas mann und links sein bruder heinrich
mann zu sehen. heinrich heiratete eine herzensgute bardame aus dem berliner
milieu. sie war ihm geistig himmelweit unterlegen, diente aber wohl sonst
allen wünschen, die ein mann an eine frau hat. heinrich war ein rechter
schwerenöter, der schon als 16-jähriger gern die bordelle in
lübeck besuchte.
und thomas mann? er heiratete katja pringsheim, die ihm zur liebe eine
wissenschaftliche karriere aufgab. thomas schmückte sich mit dem fräulein
aus reicher münchener professorenfamilie. der rest ist bekannt. schon
die hochzeitsreise nach zürich geriet zu einem fiasko, weil thomas
mann nicht recht in der lage war, die ehe zu vollziehen. er konsultierte
mehrere ärzte, die aber auch keinen rat wussten. eine homosexualität
ist eben nicht mit lauwarmen fussbädern und heissen kompressen zu kurieren.
dann aber muss er sich wirklich zusammen gerissen haben. denn katja gebahr
ein kind nach dem anderen, regelte darüber hinaus den haushalt und
die finanzen, damit der "zauberer" in aller ruhe seinem schriftstellerischen
geschäft nachgehen konnte. das hatte er in seinem lübecker elternhaus
gelernt! als kaufmannssohn macht man sogar aus der literatur ein handelsgeschäft.
und katja? sie verschwand im schatten ihres berühmten gatten und unterschrieb
fortan ihre briefe mit "frau thomas mann". selbstverleugung um eines höheren
zweckes willen.
wer ein wenig über die frauen in der familie mann nachdenkt, sinniert
am ende manchmal über eine groteske.
katja mann
MIT KLAUS UND ERIKA
AN DER RIVIERA!
die riviera hat viel von ihrem glanz verloren. einst treffpunkt der
reichen und schönen und später sehnsüchtiges ziel aller
urlaubsreisenden, ist sie heute vielerorts zu einem überlaufenen rummelplatz
geworden. aber es gab auch andere, schönere zeiten und erika und klaus
mann, die ältesten kinder des schriftstellers thomas mann, schrieben
1931 gemeinsam einen reiseführer über die mittelmeeküste:
sie wollten berichten, was nicht im baedeker stand und beweisen, dass
man auch an der riviera, die schon damals ein teures pflaster war, mit
wenig geld auf nichts verzichten und sogar sehr angenehm leben konnte.
illustrationen zu ihrem buch steuerte henri matisse bei, der an der riviera
lebte. dieser schon damals berühmte name zeigt, über welche verbindungen
die geschwister mann verfügten und wie leicht es ihnen gefallen sein
muss, grosszügige gastgeber zu finden. unter diesen umständen
- wir glauben es ihnen gern - war es nicht besonders schwierig, auch ohne
viel geld eine angenehme zeit an der riviera zu verbringen.
ihre beschreibungen und anmerkungen lesen sich leicht dahin, spiegeln
die atmosphäre der riviera, bleiben aber - was weitergehende informationen
betrifft - wenig ergiebig.
erika und klaus schrieben das buch in einer zeit, als sie noch die verwöhnten
und extravaganten kinder eines berühmten schriftstellers waren, die
sich vieles erlauben durften. ihre eskapaden, bestaunt und manchmal belächelt,
bildeten den unerschöpflichen gesprächsstoff in berlin und münchen
der weimarer republik.
dieses leichtsinnig-fröhliche leben änderte sich schlagartig,
als die familie mann nach der machtergreifung der nazis deutschland verlassen
musste. erika wurde, was sie schon in in der weimarer republik gewesen
war: eine unerbittliche kritikerin des faschismus, ihr bruder klaus gab
zeitschriften und bücher heraus, mit denen er den kampf gegen die
nazis führte.
da waren die fröhlichen tage an der riviera nur noch eine flirrend
ferne und schöne erinnerung.
der rowohlt-verlag hat diesen harmlosen reisebericht neu heraus gegeben.
wer von erika und klaus mann nichts anderes liest, erhält womöglich
einen falschen eindruck, denn das buch verrät noch nichts über
das spätere politische engagement der beiden geschwister, das sie zu
bedeutenden repräsentanten der deutschen emigration machte.
vielleicht ist ihr buch aber doch in sofern bemerkensenwert, weil es
zeigt, wie politische konstellationen die biografien von menschen fundamental
beeinflussen und verändern können. was gestern noch heiter und
unbesorgt erschien, wird plötzlich zur äusserten gefährdung,
bitteren erkenntnis und zum unermüdlichen politischen kampf.
das buch trägt darüber hinaus noch eine - verborgene - botschaft
in sich ...
und diese botschaft ist eine tragödie.
klaus mann, 1906 als ältester sohn von thomas mann in münchen
geboren, hatte sich nach 1933 ganz dem politischen kampf gegen die nazis
gewidmet. als schriftsteller eher unbedeutend, scharte er künstler
und intellektuelle um sich, die alle ein gemeinsames ziel hatten: das faschistische
deutschland mit allen mitteln zu bekämpfen und zu fall zu bringen.
darin war er unermüdlich und immer streitbar. als er 1945 mit den us-truppen
nach europa kam und als amerikanischer korrespondent über seine eindrücke
im kriegszerstörten deutschland in die vereinigten staaten berichtete,
hatte er sein ziel erreicht.
1948 nahm er im rundfunk auch zum ost-west-konflikt und zur lage berlins
stellung. dieses interview ist als tondokument erhalten. bedeutsamer als
das, was er sagt, ist, wie er es sagt: wir hören einen präzis
formulierenden, aber auch überspannt wirkenden klaus mann, der zu
einem politischen menschen werden musste, weil es die zeit von ihm verlangte.
wir spüren die last des grossen namens, an dem er schwer trug und nur
ein jahr später vollends zerbrach.
er hatte alles erreicht, fühlte sich bestätigt im kampf gegen
hitler-deutschland. doch jetzt stellten sich depressionen ein. klaus mann
spürte, dass er nach dem fall der nazi-diktatur neue ziele suchen musste:
entweder als eigenständiger schriftsteller oder - und das war zuerst
und zuletzt sein verhängnis - immer weiter als sohn von thomas mann.
er fand darauf keine antwort und floh - auch als homosexueller immer mehr
vereinsamt - in drogen und alkohol. ratlos und von selbstzweifeln zerrissen,
nahm er sich 1949 das leben.
er starb an der riviera - ausgerechnet an dem ort, der für ihn einmal
der heiterste und sorgloseste seines lebens gewesen war.
nur sein jüngter bruder michael war dabei und spielte ein trauriges
lied auf der violine, als klaus mann im mai 1949 in cannes begraben
wurde:
„ ... dort unten, wo das Licht härter und heißer,
zugleich satter, blühender und trockener ist.» ("das buch
von der riviera")
EINEM IRONIKER
BRICHT DAS HERZ!
wer sich im labyrinth der worte und gegenworte nicht mehr zurecht
findet, sollte zur besinnung kommen und sich an thomas mann halten. seine
diktion ist klar, seine haltung nobel, seine moral unbestechlich und seine
literatur die beste, die wir besitzen.
es muss ja nicht gleich der „doktor faustus“ oder „lotte in weimar“ sein.
beginnen wir doch einfach mit dem wunderbar heiteren roman „königliche
hoheit“ oder dem grotesken schelmenstück „felix krull“.
wir werden schon bald - sozusagen als lesender „nimmersatt“ - zu den
„buddenbrooks“, dem „tod in venedig“ und zum „zauberberg“ greifen.
thomas mann verführt zum lesen. der ungewöhnlich ruhige klang
seiner prosa überrascht, irritiert und hält uns gefangen. genau
so - das versichern alle, die dabei waren - war die wirkung seiner rede.
wer ihn einmal auf seinen lesereisen hörte, blieb dieses erlebnis unvergessen.
thomas mann war der brillianteste - und magischeste - interpret seiner texte.
1949: verleihung des "goethe-preis" an thomas mann
nicht nur der literarischen, übrigens!
1949 - in der paulskirche in frankfurt - sprach er von anderem.
er blickte auf sein exil zurück und machte den deutschen auf noble und
der ihm eigenen, freundlichen art deutlich, dass sie in den 12 jahren der
nazidiktatur nicht nur einem vernunftfernen „rausch“, sondern vielmehr noch
einer - den rausch notwendig begleitenden - intoxikation, einer „vergiftung“,
verfallen waren. wie nebenbei bemerkt thomas mann in dieser rede - die ein
dank für den goethe-preis der stadt frankfurt war - dass er schon lange
vor 1933 seine ganze kraft darauf verwendet hatte, die deutschen geradewegs
auf diese gefahr aufmerksam zu machen. er vermeidet in seiner ansprache
jedoch - und das ist die noblesse thomas manns - jede laute anklage und
alle schuldzuweisung.
die "deutsche trägheit des herzens" war auch das generalthema
der rundfunkreden, die thomas mann im 2. weltkrieg hielt und von der BBC
nach deutschland ausgestrahlt wurden. diese reden waren der grund, dem schriftsteller
nach dem krieg immer wieder schwere vorwürfe zu machen. die kritik
an thomas mann nahm in deutschland zeitweise böse und gemeine züge
an.
wir müssen die reden aber nur richtig lesen, um zu verstehen, was
thomas mann mit ihnen sagen wollte:
vor vielen jahren habe ich seinen roman "doktor faustus" gelesen -
ein düsteres werk und abgesang an deutschland, geschrieben im zweiten
weltkrieg, als die bomben der engländer und amerikaner hamburg, köln,
dresden und auch ... lübeck, thomas manns vaterstadt, in schutt
und asche legten.
seltsam, dass thomas mann in seinem roman die dissonante zwölf-ton
musik von schönberg zum thema machte - warum nicht die musik von mozart
oder beethoven?
heute meine ich, die antwort zu wissen:
thomas mann glaubte an überhaupt keine harmonie mehr, denn was er
erlebte, war eine einzige, schrille dissonanz. seine beschäftigung
mit der musik schönbergs diente dem zweck, das zu illustrieren, was
er sah: die zerstörung deutschlands und das inferno, das jeden glauben
an irgendeine harmonie vollkommen absurd machte.
in einer seiner ansprachen in der BBC begrüsste thomas mann die
bombardierung der marienkirche in lübeck. der aufschrei war über
alle massen laut, die empörung grenzenlos, man nannte ihn einen zyniker
und wollte ihm seine rede auch später nicht verzeihen.
aber nur ein ironiker wie thomas mann konnte die zerstörung der
marienkirche in lübeck gut heissen, die er liebte und in deren schatten
er aufgewachsen war. einem zyniker hingegen wäre das alles egal gewesen.
dem ironiker thomas mann aber brach es angesichts der in flammen versinkenden
kirche - trotz anders lautender rede - das herz.
FLUCHTORT "EXIL"
- SANARY-SUR-MER!
thomas mann kam mit seiner familie schon 1933 ins südfranzösische
sanary-sur-mer. nachdem die rückkehr ins nazi-deutschland zu gefährlich
war, kehrten sie nach einer vorlesereise gar nicht erst nach münchen
zurück, sondern reisten - nach kurzer winterlicher station in der schweiz
- weiter in das französische hafenstädtchen. hier fanden sie ihr
erstes längerfristiges quartier im exil, bevor sie in küssnacht/schweiz
sesshaft wurden - was aber auch nur vorübergehend war - ihr letzter
fluchtort wurde schliesslich amerika.
katja, die ehefrau von thomas mann, hatte den ort entdeckt, von dem sie
vielleicht dachte, dass er nur eine vorübergehende station sein würde,
bis sich die lage in deutschland wieder beruhigt hätte. keiner dachte
zu diesem zeitpunkt an ein längeres exil. wie dem auch sei: sanary-sur-mer
versprach ein mildes klima und eine ruhige umgebung - gerade richtig für
ihren mann, der gerade an seinem „josephs roman“ schrieb. die „villa la tranquille“
(!) wurde ihr zu hause, wo alles so sein musste wie im fernen, geliebten
münchen. thomas mann konnte nur in gewohnter umgebung arbeiten - und
das war zu allererst sein arbeitszimmer, in dem die bücher, möbel
und accessoires so angeordnet sein mussten, wie er es immer schon kannte.
katja sorgte unter grössten anstrengungen dafür, dass es ihm an
nichts fehlte.
unterhalb der villa - am hafen - wohnten im „hotel de la tour“ ihre ältesten
kinder - erika und klaus mann - und bereiteten sich auf die politische arbeit
im exil vor, die für mehr als ein jahrzehnt ihr denken und handeln bestimmen
sollte.
thomas mann bezeichnete sanary-sur-mer rückblickend als die „glücklichste
etappe“ seines exils. der zweite weltkrieg war noch nicht entbrannt und die
nazi-barbarei noch nicht in ihrer ganzen fürchterlichen fratzenhaftigkeit
zu erkennen.
thomas manns präsenz lockte andere, aus deutschland geflüchtete
schriftsteller-kollegen nach südfrankreich. die feuchtwangers kamen
und die werfels, bertolt brecht nahm quartier in sanary-sur-mer und auch zeitweise
joseph roth, der selbst hier auf seinen geliebten (und ruinösen) pastis
nicht verzichten musste.
ludwig marcuse nannte das städtchen am mittelmeer die „hauptstadt
der deutschen literatur im exil“.
man besuchte einander, traf sich im café („herr roth, sie trinken
zu viel!“) unternahm gemeinsame ausflüge, tauschte die immer schrecklicheren
nachrichten aus deutschland aus und fühlte sich im kreis der deutschen
intellektuellen elite ein wenig wie zu hause.
das jähe ende ihres südfranzösischen exils kam für
die deutschen schriftsteller, als hitler in polen einmarschierte und
frankreich im gegenzug die deutschen internierte. thomas mann konnte - nun
schon in küssnacht - mit seiner familie nach amerika fliehen, lion
feuchtwanger aber wurde in mes milles interniert und hermann kesten in das
zum gefangenenlager umgebaute sportstadion von paris verschleppt. beiden
gelang erst viel später die flucht in die vereinigten staaten.
hermann kesten hat das lebensgefühl der deutschen exil-schriftsteller
- nicht nur in südfrankreich - in schöne, aber auch erschütternde
worte gefasst:
"Wenn man im Exil lebt, wird das Kaffeehaus gleichzeitig das
Familienhaus, das Vaterland, die Kirche und das Parlament, eine Wüste
und ein Wallfahrtsort, die Wiege der Illusionen und der Friedhof ... im
Exil ist das Kaffeehaus der einzige Ort, wo das Leben weitergeht."
das "hotel de-la-tour" in sanary-sur-mer
MONIKA MANN -
DIE UNGELIEBTE!
thomas mann hatte mit seiner frau katia sechs kinder. die ältesten
waren erika und klaus, es folgten monika und golo. die „nachzügler“
waren elisabeth und michael.
das waren drei geschwisterpaare, die jeweils ganz verschiedene positionen
in der familie inne hatten. die ältesten - erika und klaus - wurden
schon früh zur selbständigkeit angehalten und verbrachten die meiste
zeit ihrer jugend - wie übrigens ihre jüngeren geschwister auch
- ausserhalb des elternhauses in internaten - wohl auch deshalb, weil thomas
mann für seine arbeit strengste ruhe einforderte. kinder waren ihm (wenigstens
in den ersten jahren seiner ehe) eher lästig. als die jüngeren
kinder später ebenfalls auf internate kamen, geschah dies wohl nicht
mehr wegen der besonderen ruhebedürftigkeit ihres vaters, sondern aus
inzwischen familiärer tradition.
erst als die jüngsten kinder - elisabeth und michael - zur welt kamen,
änderte sich thomas manns haltung. die kleine elisabeth liebte er abgöttisch
und wollte sie stets in seiner nähe haben. zu michael allerdings gewann
er kein rechtes verhältnis, worunter der sohn zeitlebens litt.
es bleiben die „mittleren“ kinder - monika und golo. es scheint, als hätten
diese beiden in der familie überhaupt keine rolle gespielt. bei der
konkurrenz und dem kräftespiel zwischen den einerseits viel älteren
und anderserseits viel jüngeren geschwistern verschwanden sie in einer
art familiären niemandsland - kaum beachtet, fast vergessen.
golo hat dies traurig und bitter erinnert und kommentiert. sein vater -
so sein spätes, ratloses fazit - blieb ihm ein fremder, an dem er fast
gescheitert wäre. seelisch gerettet hat ihn womöglich, dass sich
der ausweg ins internat nach salem bot - und er so eine distanz schaffen
konnte, um an den schwierigen familienverhältnissen nicht zu zerbrechen.
seine schwester monika indes wurde - so scheint es - das „opfer“ der komplizierten
und wohl auch neurotischen familienkonstellation im hause thomas mann.
sie wurde 1910 als viertes kind geboren. ihre mutter, katia mann, die
wegen der heirat ihr studium und eine mögliche karriere als wissenschaftlerin
aufgegeben hatte, war nach der entbindung dieses kindes so erschöpft,
dass sie bald darauf erkrankte. die ärzte diagnostizierten bei ihr,
die einmal gesagt hatte: „ich habe in meinem leben nie tun können,
was ich hätte tun wollen“ eine tuberkulose. deswegen musste sie
sich langen santoriumsaufenthalten in der schweiz unterziehen, von denen
sie thomas mann ausführlich berichtete. ihre briefe waren der anstoss
zu seinem roman „der zauberberg“.
während er die schilderungen seiner frau und die besuche in der schweiz
genoss und alles, was er dort sah, sogleich zu literatur stilisierte, litten
die kinder schwer unter der abwesenheit der mutter - vor allem auch monika,
die in ihren ersten, so entscheidenden jahren ohne die gegenwart ihrer mutter
aufwuchs.
hinzu kam, dass 1914 - monika war gerade vier jahre alt - der 1. weltkrieg
ausbrach. die sorgen dieser jahre gingen auch an der familie thomas manns
nicht spurlos vorüber.
alles personal wurde entlassen, denn es musste gespart werden, weil das
geld schon bald nichts mehr wert war. es gestaltete sich in jenen jahren äusserst
schwierig, eine vielköpfige familie satt zu machen. monika hat kein
behütetetes elternhaus kennengelernt - sondern eines, in das die not
und der mangel einzug gehalten hatte. wünsche, wie sie alle kinder haben,
waren den eltern lästig, weil sie nicht erfüllt werden konnten.
ist es verwunderlich, dass sich unter diesen voraussetzungen ein wortkarges,
introvertiertes kind entwickelte? denn so war monika - das tagebuch ihres
vaters verzeichnet manches erbitterte wort über seine tochter.
aber, war das gerecht?
die älteren geschwister werden gewiss schon begriffen haben, was in
deutschland geschah und fügten sich entweder unter die - kriegsbedingt
sparsamkeit erfordernden - regeln der familie, oder versuchten selbst, das
eine oder andere bei nachbarn und bekannten zu „organisieren“.
den jüngsten hingegen blieben wegen ihres zarten alters die bitteren
wahrheiten erspart. nur die „mittleren“ - golo und monika - mussten die
auswirkungen des krieges in ihrem elternhaus als eine katastrophe empfinden.
sie erduldeten etwas, das sie überhaupt nicht begriffen, für das
sie auch keine schuld trugen, das ihr leben aber trostlos grau machte.
thomas mann notierte indes unerschrocken in sein tagebuch: „mönle“
- so nannte er seine tochter monika - sei faul und habe darüber hinaus
auch kein rechtes talent.
dieses urteil nahm er auch später nicht zurück, womit er seine
tochter auf dauer stigmatisierte. denn nachdem er den patriarchalischen
urteilsspruch über monika verhängt hatte, wurde dieser - man kennt
das aus anderen familien - zum gern benutzten zitat und liess der
tochter keine chance, das gegenteil zu beweisen. an der charakteristik war
nichts mehr zu ändern und monika hatte fortan nicht viel mehr zu tun,
als diesem urteil gerecht zu werden:
sie wurde in der tat launisch, sonderbar, einsilbig und introvertiert.
so quälend ihr verhältnis zu den eltern auch war, folgte sie
ihnen doch - da war monika eine junge frau, die ihren platz noch nicht gefunden
hatte - 1933 in die emigration in die schweiz. erst 1937 befreite sie sich
aus der - jede selbstbewusste initiative erstickenden - familienklammer
und ging nach wien. dort heiratete sie 1939 den ungarischen kunsthistoriker
jenö lány und zog wenig später mit ihm nach london.
alles deutete in diesen jahren darauf hin, dass monika sich aus den fesseln
ihres elternhauses gelöst und die verdikte, urteile und mutmassungen
über ihre person hinter sich gelassen hatte.
1940 fasste das junge paar den entschluss, nach kanada auszuwandern. deswegen
schifften sie sich auf der „city of benares“ ein. inzwischen war jedoch
der 2. weltkrieg ausgebrochen und der atlantik wegen der dort eingesetzten
deutschen u-boote nicht mehr sicher.
es kam zur katastrophe. das schiff wurde von torpedos getroffen und versank.
monika wurde gerettet, ihr mann aber ertrank im atlantik.
kanada - das nicht erreichte ziel der reise - war weit entfernt von amerika,
wohin monikas eltern zuvor ausgewandert waren, lag aber doch in einer distanz,
die es erlaubte, sich gegenseitig zu besuchen. die wahl der neuen heimat
entsprang gewiss monikas willen, ein eigenständiges leben zu führen
- und sich von ihrem elternhaus endgültig zu emanzipieren. sie wählte
als einzige aus ihrer familie kanada als das land des neubeginns - alle
anderen geschwister hatten die nähe der eltern in den vereinigten staaten
gesucht.
vor diesem hintergrund wird klar, was der tod ihres ehemanns für monika
bedeutete. das war nicht nur eine schreckliche katastrophe, sondern der
grausame zusammenbruch ihres ganzen lebens.
ihren plan, nach kanada auszuwandern, musste sie nach diesem unglück
aufgeben. stattdessen ging sie - was für eine bittere und tragische
ironie! - zu ihren eltern in die vereinigten staaten. anders als ihre geschwister,
die in amerika inzwischen ein berufliches auskommen gefunden hatten, konnte
monika dort nicht fuss fassen. sie blieb finanziell von ihren eltern abhängig,
versuchte zwar, in chicago und new york ein eigenes leben zu beginnen, kehrte
am ende aber immer wieder resigniert zu ihren eltern zurück.
auch nach ende des 2. weltkriegs wollte sie in der nähe ihrer eltern
bleiben und folgte ihnen in die schweiz. jetzt war sie keine junge frau
mehr und die hoffnung auf ein selbstbestimmtes leben schwand immer mehr.
sie blieb „die schwierige und ein wenig sonderliche“ monika, die keiner
so recht ernst nahm - mit einer ausnahme: golo hatte viel verständnis
für seine schwester - vielleicht deswegen, weil er ein zwar nicht
äusserlich, aber doch innerlich ähnliches schicksal mit ihr teilte.
auch wenn monika zumeist die unverstandene tochter und schwester blieb,
mit der kaum etwas anzufangen war, schlugen die wellen der empörung doch
besonders hoch, als sie ihren entschluss mitteilte, nach capri zu gehen,
um dort fortan mit dem fischer antonio sparado zu leben.
es wird schon so sein, dass sie ihrem herzen folgte.
für die familie aber - allen voran ihre eltern, die so sehr auf etikette
und anstand achteten - kam dieser entschluss einem skandal gleich. monika
jedoch tat nur das, was sie ein ganzes leben lang gewollt hatte: ein eigenes
leben führen - und das fernab ihrer familie, die alles in sich vereinigte,
worunter sie litt.
erst 1985 - da hatte sie längst ihr (bei der kritik nicht eben enthusiastisch
aufgenommenes) erinnerungsbuch: „vergangenes und gegenwärtiges“ geschrieben
und veröffentlicht, verliess sie capri. ihr lebenspartner war gestorben
und sie wollte nicht allein auf der insel zurück bleiben.
also kehrte sie - ein letztes mal - in ihr elternhaus zurück, das
ihr bruder nach dem tod der mutter allein bewohnte. es kann schon sein,
dass dieses gemeinsame leben der geschwister in kilchberg gespensterhafte
züge trug. golo, ein einsiedler und grüblerisch veranlagt, wurde
von depressionen heimgesucht. seine wortkarge schwester - inzwischen noch
verschrobener und eigensinniger - wird ihm wohl kaum die heiterste gesellschaft
gewesen sein. dazu kam der grosse name und das geistige erbe, das auf dem
haus in kilchberg drückend schwer lastete.
man mag sich - in der stille dieses hauses - das laute ticken der wanduhren
gar nicht ausmalen.
monika mann starb 1992. das letzte jahr ihres lebens verbrachte sie aber
nicht in kilchberg, sondern in leverkusen. dort wurde sie von der witwe
des adoptivsohns von golo mann betreut und gepflegt. auch golo, der 1994
starb, begab sich in seinem letzten lebensjahr in die obhut seiner schwiegertochter
- die nach dem tod der geschwister erst das vermögen von monika, dann
das von golo erbte und wenig später - ohne die familie noch gross zu
fragen - das haus in kilchberg samt inventar verkaufte.
wir können nur hoffen, dass die wanduhr auch dabei war.
begraben wurde monika im familiengrab in kilchberg - an der seite der eltern
und ihrer schwester erika. auf dem friedhof liegt auch golo mann. allerdings
hatte er ausdrücklich darauf bestanden, am anderen ende und an der
entferntesten stelle zum familiengrab zur letzten ruhe gebettet zu werden.
so wurde den beiden geschwistern nach ihrem tod auf symbolische weise das
erfüllt, was sie zu lebzeiten nicht ändern konnten und deswegen
- der eine zu fern, die andere zu nah - ihr grösstes unglück blieb.
MIT HANDKUSS
FÜR IHRE GATTIN UND HANDSCHLAG FÜR SIE!
klaus mann, "die sammlung" und hanns johst
klaus mann, der sohn von thomas mann, war schon 1933 aus nazi-deutschland
emigriert und organisierte von amsterdam aus den widerstand. dazu hatte er
mit hilfe des holländischen querido-verlags eine zeitschrift ins leben
gerufen: „Die Sammlung“. dort publizierten bedeutende exilschriftsteller
wie heinrich mann, alfred döblin, anna seghers, walter mehring und viele
andere.
die erste nummer der zeitschrift erschien im herbst 1933. schon im februar
1933 waren thomas mann und seine familie (der schriftsteller befand sich
zum zeitpunkt der nationalsozialistischen „machtergreifung“ gerade auf einer
lesereise im ausland) nicht mehr nach münchen zurückgekehrt. wie
richtig diese entscheidung war, zeigt der brief, den der schriftsteller und
präsident der (gleichgeschalteten) deutschen akademie der dichtung,
hanns johst, im herbst 1933 an heinrich himmler schrieb (und dabei dem irrtum
aufsass, thomas mann sei noch in deutschland):
In Amsterdam erscheint das derzeitig unflätigste Emigrantenblatt
„Die Sammlung“. Sie werden sich ja jederzeit Belegexemplare verschaffen können,
sonst übersende ich Ihnen auch gern ein Exemplar dieses Schmutzes. Als
Herausgeber zeichnet der hoffnungsvolle Sproß des Herrn Thomas Mann,
Klaus Mann. Da dieser Halbjude schwerlich zu uns herüber wechselt, wir
ihn also leider nicht aufs Stühlchen setzen können, würde ich
in dieser wichtigen Angelegenheit doch das Geiselverfahren vorschlagen. Könnte
man nicht vielleicht Herrn Thomas Mann, München, für seinen Sohn
ein wenig inhaftieren? Seine geistige Produktion würde ja durch eine
Herbstfrische in Dachau nicht leiden, denn wir wissen aus unseren eigenen
Reihen, welches famose Schrifttum gerade von nationalsozialistischen Häftlingen
zur glücklichen Niederschrift kam ... Mit Handkuß für Ihre
Gattin und Handschlag für Sie immer
Ihr getreuer Hanns Johst
(zitiert nach „Fritz H. Landshoff, Erinnerungen eines Verlegers)
ich frage mich, wie menschen dazu kommen, andere auf diese weise zu diffamieren
und zu denunzieren. ist es dummheit? versprechen sie sich dadurch eigenes
fortkommen? ist es neid auf die talentierteren? ist ihre bösartigkeit
ausdruck der hoffnung, auf der politisch „richtigen“ seite zu stehen?
was bringt einen mann wie hanns johst dazu, ungefragt an heinrich himmler
zu schreiben, um ihm vorzuschlagen, thomas mann zu verhaften? ist es rachsucht?
war da noch eine alte rechnung offen? woher kommt dieser ausbruch von häme
und hass?
wir wissen nicht, was ihn dazu trieb, diesen ungeheuerlichen brief zu schreiben,
der nichts anderes vorschlägt, als den schriftsteller und nobelpreisträger
thomas mann ins KZ zu schaffen.
was ist das nur für eine erbärmliche niedertracht, einen so gemeinen
brief zu schreiben und ihn an einen der grössten verbrecher des 20. jahrhunderts
zu schicken?
hanns johst war (und blieb) ein glühender verehrer heinrich himmlers.
es muss hier nicht berichtet werden, wie devot und speichelleckend er stets
seinem idol hinterher lief.
den krieg überlebte johst unbeschadet, musste sich aber danach mehreren
entnazifizierungsverfahren stellen. 1949 stufte man ihn als „mitschuldigen“
ein, aber schon im august 1949 wurde er als „hauptschuldiger“ genannt. in
einem dritten verfahren, 1951, galt er dann allerdings nur noch als „belasteter“.
alle verfahren gegen ihn wurden schliesslich 1955 eingestellt - nicht
ohne den letzten schuldspruch für ungültig zu erklären. hanns
johst lebte unbehelligt bis zu seinem tod, 1978, am starnberger see.
zu thomas mann hat er sich öffentlich nicht mehr geäussert.
© für alle texte: venzlaff (2004 - 2007)