warum erst die chinesen fragen?


das deutsche "schutzgebiet" tsingtau


der deutsche kaiser, wilhelm II., war besessen von der idee einer grossen, schlagkräftigen kriegsmarine. er wollte es den engländern nach tun und die deutsche bedeutung endlich auch auf see unter beweis stellen. es war admiral von tirpitz, der die visionen seines kaisers in die tat umsetzte und den flottenbau kurz vor der wende zum 20. jahrhunderts mit aller kraft voran trieb.

flotten brauchen stützpunkte, um operieren zu können - und das nicht nur an den heimischen küsten, sondern in aller welt. england nutzte dazu seit langem seine zahlreichen kolonien, die aber besass deutschland nur in afrika. sie reichten bei weitem nicht aus, um weltweit flagge zu zeigen.

schon in den jahren 1868 bis 1871 hatte freiherr von richthofen sieben grosse reisen nach china unternommen und dabei auch die bucht von kiautschou entdeckt, die seiner meinung nach für einen künftigen flottenstützpunkt besonders gut geeignet war.



diesen gedanken griff von tirpitz auf, als die deutsche admiralität nach einem geeigneten stützpunkt in asien suchte. er schickte 1896 die „s.m.s iltis“ mit dem auftrag nach china, die bucht von kiautschou näher zu erkunden. bei dieser mission ging das schiff jedoch in einem taifun unter.

als 1897 zwei katholische missionare ich china ermordet werden, gibt kaiser wilhelm den befehl, ohne weiteren verzug die bucht von kiautschou einzunehmen und als deutschen besitz zu reklamieren. das ist selbstverständlich nur ein vorwand, denn die pläne für diesen deutschen flottenstützpunkt in asien lagen längst in den berliner schubladen.

darauf hin läuft ein deutsches geschwader in die bucht von kiatschou ein, besetzt den ort tsingtau und hisst dort die deutsche fahne.



noch bevor irgendwelche verträge mit china unterschrieben sind, eröffnet deutschland eine poststation. erst 1898 schliesst deutschland mit china einen pachtvertrag, der eine laufzeit von 99 jahren vorsieht. wie bedeutend der neue stützpunkte ist, zeigen einige zahlen: schon 1898 erreicht der deutsche handel mit exporten aus china eine grössenordnung von 80 millionen mark, während er mit allen anderen deutschen schutzgebieten zusammen gerade einmal 35 millionen mark ausmacht.



1898 wird die bucht von kiautschou zum offiziellen schutzgebiet des deutschen reichs erklärt und tsingtau wird zu einer stadt ausgebaut, die bald 200.000 einwohner zählt.

1900 kommt es in china zum sogenannten „boxeraufstand“, der aber von einem internationalen expeditionskorps blutig niedergeschlagen wird. danach muss china hohe reparationszahlungen leisten und sich verpflichten, die deutsche kolonie unangetastet zu lassen und die deutschen interessen in china zu respektieren (siehe dazu auch meine notiz zum „boxeraufstand"). die von den europäern diktierten verträge geben (nicht nur deutschland) freie hand in china, das politisch - ganz im sinne der europäer - zur bedeutungslosigkeit verkommt.



1901 wird die eisenbahnstrecke tsingtau-kiautschou eröffnet, 1904 die mole des neuen überseehafens eingeweiht und 1909 erhält tsingtau eine deutsch-chinesische hochschule. sogar eine deutschsprachige zeitung erscheint.

wie überall in den deutschen „schutzgebieten“ bedeutet der ausbruch des 1. weltkriegs auch in tsingtau eine tiefe zäsur. schon am 15. august 1914 stellt japan ein ulimatum und verlangt die bedingungslose übergabe der stadt. als berlin auf diese forderung nicht reagiert, landen die japaner in der bucht von kiautschou und nehmen tsingtau unter beschuss. dann wiederholen sie ihr ultimatum und geben den 4800 dort lebenden deutschen 24 stunden zeit, um die stadt zu räumen. doch auch dieses ultimatum bleibt unbeantwortet. darauf hin blockieren englische und japanische kriegsschiffe die bucht und setzen 2000 englische und 2300 japanische soldaten ab. ihr versuch, tsingtau einzunehmen, scheitert jedoch vorerst am widerstand der einwohner. um die kolonie schliesst sich ein dichter belagerungsring. oberstleutant zur see, plüschow, - der später den beinamen „der flieger von tsingtau“  erhielt - unternimmt mit seinem flugzeug von tsingtau aus immer wieder erfolgreiche angriffe auf die japanischen und englischen schiffe.

im november geht tsingtau, das von jeder versorgung abgeschnitten ist, jedoch die munition aus und muss kapitulieren.

im versailler vertrag wurde nach kriegsende festgelegt, dass das deutsche reich seine ansprüche an kiautschou aufgeben und an japan abtreten musste.

p.s. welche grossmannssucht deutschland vor 1914 beherrschte, zeigt diese karte - mehr als worte!





die bilder für diese notiz habe ich teilweise der homepage:
http://www.deutsche-schutzgebiete.de
entnommen, die im übrigen kompetente und erste anlaufstelle für alle fragen zur kolonialpolitik ist.