worpswede, ein kleiner ort im teufelsmoor und wenige kilometer von bremen entfernt gelegen, wurde um 1900 berühmt. hier hatten sich einige maler zusammen gefunden, die in bewusster abkehr von der akademischen malerei den kontakt zur natur suchten und sich von ihr zu einer bis dahin nicht gekannten, neuen ästhetik inspirieren liessen. ihr vorbild waren die französischen impressionisten.

die wichtigsten vertreter dieser ersten - und bedeutendsten - generation worpsweder künstler sind:

heinrich vogeler - der ästhet

otto modersohn - der melancholiker

paula becker - die unkonventionelle

hans am ende - der erfolgreiche


fritz mackensen - der heimatverbundene

fritz overbeck - der wolkenverliebte


sie werden hier vorgestellt.

(die einzelnen aufsätze sind mit einem KLICK! auf den namen aufzurufen.)



die maler im moor - leben und kunst um 1900
- die künstlerkolonie worpswede -




heinrich vogeler - der ästhet



einige kilometer von bremen entfernt - dort wo die moore beginnen - liegt das kleine dorf worpswede. es wäre wohl immer ein verschlafener ort geblieben, wenn nicht einige künstler, wie fritz mackensen, paula becker, otto modersohn, fritz overbeck, hans am ende und heinrich vogeler das teufelsmoor entdeckt hätten - und damit worpswede.

um die jahrhundertwende liessen auch die deutschen künstler die ateliers hinter sich, machten es den impressionisten gleich und entdeckten die natur. vorbilder waren die französischen maler, wie paul cezanne und vincent van gogh. nach ihrem vorbild entstanden in deutschland die ersten künstlerkolonien, weit ab der städte - in der natur.

worpswede wäre aber wohl nicht zu einer so bedeutenden küntlerkolonie geworden, wenn otto modersohn den ort nicht entdeckt und heinrich vogeler hier nicht ein grundstück erworben hätte, um darauf seinen "barkenhof" zu errichten - ein haus, das bäuerliche kultur und bürgerlichen stil der zeit vereinte.

heinrich vogeler, 1872 in bremen geboren, war ein vielseitiges talent, sowohl als maler, aber auch als kunsthandwerker und lyriker. mit seinen bildern, buchillustrationen und den entwürfen zu möbeln, teppichen, geschirr und bestecken gilt er als "der" jugenstilkünstler deutschlands schlechthin. in bremen stattete er auf diese weise die "güldenkammer" des bremer rathauses aus - zu bewundern bis heute im glanz eines reinen jugendstils.

heinrich vogeler machte worpswede berühmt und zog weitere bedeutende künstler an. auch rainer maria rilke war zu gast auf dem barkenhof. in seiner viel gelesenen monographie über worpswede erwähnt er allerdings die herausragende malerin paula becker, die mit otto modersohn verheiratet war, mit keinem wort. dabei ist sie wohl die bedeutendste künstlerin worpswedes gewesen, die mit ihren bildern malerische grenzen sprengte, weil sie ihre sujets auf das wesentliche reduzierte und beeindruckend schöne, vielmehr aber noch archetypische bilder schuf.

den ersten weltkrieg überstand die künstlerkolonie nicht. auf den einbruch einer brutalen realität fanden die künstler keine antwort. heinrich vogeler kehrte dem jugendstil - dieser allzu vordergründigen, weil allein dekorativen kunst - den rücken und wurde kommunist. er öffnete sein haus in worpswede der "roten hilfe", die dort ein kinderheim einrichtete und ging bald darauf nach russland, wo er 1942  - vergessen und fast verhungert - gestorben ist. seine bilder aus dieser letzten zeit seines lebens bemühen sich um einen expressiven stil, sind düster, manchmal fahrig, und erreichen nicht mehr die künstlerische kraft und die qualität seiner anfangsjahre. mit dem ende des jugendstils war seine kreativität erschöpft.

heinrich vogeler war sich schon früh bewusst, dass die kunst des "jugendstils" - benannt nach der münchner kunstzeitschrift "jugend" - kaum entwicklungsfähig war. sie blieb vordergründig, dekorativ und ornamental. sie schmückte und veredelte, überhöhte und stilisierte die realität, ohne zu ihrem kern vorzudringen. damit gerieten vogelers arbeiten zum blossen - wenn auch höchst anspruchsvollen - kunsthandwerk.

bezeichnend für seine seelische verfassung, die mit seiner künstlerischen tätigkeit hand in hand ging, waren die grossen feste, die um 1900 in worpswede auf dem "barkenhof" stattfanden. er bereitete sie sorgfältig vor. vom geschirr bis zur blumendekoration überliess er nichts dem zufall. alles war subtil arrangiert und aufs feinste aufeinander abgestimmt. wenn aber jedes detail vorbereitet und zu einem stimmigen gesamtkunstwerk arrangiert war, zog er sich erschöpft zurück und verfiel in tiefe depressionen. es war der schöne schein, die dekoration und die fassade, hinter der eine erschreckende leere zu ahnen und nicht zu füllen war.

genau so wie diese seelenverfassung war der ganze jugendstil - und nur so ist es zu erklären, warum heinrich vogeler sich nach 1918 dem kommunismus zuwandte. er wollte seinem leben noch einmal richtung, ziel, tiefe und sinn geben, weil er wusste, dass genau dies ihm im spiel des schönen, aber leeren scheins des jugenstils abhanden gekommen war.



das bild einer windzerzausten mühle im teufelsmoor mit einem stolzen ritter zu pferd davor, das heinrich vogeler malte, erinnert nicht von ungefähr an eine geschichte aus dem fernen spanien. vielleicht fühlte er sich selbst wie dieser ritter, wenn er in worpswede einer kunst nachging, die hinter allem schimmer und glanz so manches mal die fadenscheinigkeit nicht kaschieren konnte. sie war damit - wusste er es? - das genaue abbild des ausgehenden wilhelminischen zeitalters, wenn auch der ursprüngliche pomp und die markart´sche überladenheit von jugendstilig sparsameren formen abgelöst waren. alles in allem blieb die kunst dieser zeit dennoch vordergründig und litt - nicht nur in den arbeiten heinrich vogelers - unter einer verkürzten, die tiefe nicht auslotenden perspektive.


 
otto modersohn - der melancholiker



otto modersohns name ist eng mit der küntlerkolonie worpswede verbunden, deren herausragendster vertreter er war.

1865 in soest/westfalen geboren, absolvierte er ein studium an den kunstakademien düsseldorf und karlsruhe. in dieser zeit (1884 - 1888) erhielt er auch den entscheidenden impuls, die blutleere „ateliermalerei“ aufzugeben, um seine motive - angeregt durch die impressionisten daubigny, millet und corot - im alltag und (das war ihm das wichtigste) in der natur zu suchen.

1889 reist er mit seinem malerfreund fritz mackensen nach norddeutschland und lernt durch ihn worpswede kennen. aus münchen kommend schliesst sich ihnen hans am ende an. die drei maler beschliessen spontan, fortan in dem einsamen moordorf ihrer künstlerischen arbeit nachzugehen. beeindruckt hatte sie die weite der landschaft, der hohe himmel, das einzigartige licht über dem moor, die einfachheit der menschen und die abgeschiedenheit des weltverlorenen dorfes.

als 1893 auch fritz overbeck nach worpswede kommt, ist die erste - und bedeutendste - generation der worpsweder künstler - fast - komplett. 1894 stösst noch heinrich vogeler, der jugenstilkünstler, zu ihnen und 1898 die junge paula becker. damit sind alle beisammen, die den ruf der künstlerkolonie begründen werden und worpswede weit über norddeutschland hinaus bekannt machen.

die ersten erfolge stellen sich schon bald ein. 1895 zeigt otto modersohn seine arbeiten - zusammen mit denen seiner künstlerfreunde - in der bremer kunsthalle. im selben jahr debütiert er erfolgreich in münchen anlässlich der „jahresausstellung von kunstwerken aller nationen“.

er, der begabteste und stilsicherste unter den worpsweder künstlern, richtet sein leben entschieden unter dem noddeutschen himmel ein. das moordorf wird zu seinem lebensmittelpunkt. 1897 heiratet er dort helene schröder, die 1898 ihre tochter elsbeth zur welt bringt. die ehe endet schon 1900, als helene schröder überraschend stirbt.

1901 heiratet otto modersohn noch einmal: es ist die junge paula becker. sie ist die eigenwilligste - und wohl auch originellste - künstlerin in worpswede. schon früh hatte sie sich aus allen maltraditionen gelöst, um einen eigenen, unverwechselbaren stil herauszubilden. ihre ehe mit otto modersohn - die nicht frei von spannungen und trübungen bleibt - endet 1907 in einer tragödie: nachdem sie ihre tochter mathilde zur welt gebracht hat, stirbt sie wenige tage später im kindbett.

dieser neue schicksalsschlag veranlasst otto modersohn, worpswede den rücken zu kehren. er bricht mit den ansichten und einsichten seiner malerkollegen und löst sich in den kommenden jahren immer mehr vom bisher alles dominierenden sujet der moor- und heidelandschaften. er übersiedelt in das wenige kilometer entfernte fischerhude und heiratet dort 1908 louise breling, die nacheinander zwei söhne - ulrich und christian - zur welt bringt.

wie sehr otto modersohn den strömungen der neuen, modernen kunst aufgeschlossen ist, zeigt sein engagement, als es um den ankauf des bildes „mohnfeld“ von van gogh durch die bremer kunsthalle geht. streitbar und unbeirrt setzt er sich - gegen alle widerstände - für den erwerb ein. das bild gehört heute zu den grössten schätzen der bremer kunstsammlung.

in den zwanziger jahren unternimmt otto modersohn ausgedehnte studienreisen ins würzburger land und in den allgäu. dort erwirbt er 1930 auf dem gailenberg bei hindelang ein bauernhaus, wo er bis 1935 die sommermonate verbringt. sein malerblick weitet sich in diesen jahren und löst sich immer mehr von dem manchmal provinziellen und engen blick seiner worpsweder jahre, zu denen er schon kurz vor der jahrhundertwende auf gewisse distanz gegangen war, als er aus der künstlervereinigung austrat.

allerdings werden seine bilder im laufe der jahre immer düsterer und melancholischer. der lichterfüllte farbreichtum seiner frühen werke tritt zurück - das lastende und schwere hält einzug und macht seine bilder manchmal zu sinnbildern einer depressiven seelenverfassung.

eine netzhautablösung im rechten auge schränkt seine künstlerische arbeit in der zweiten hälfte der 30er jahre auf traurige weise ein. er bleibt - mehr denn je - an fischerhude gebunden, wo er wegen seines augenleidens immer reduziertere, düstere sujets auf die leinwand bringt und am 10. märz 1943 nach kurzer krankheit stirbt.



paula modersohn-becker - die unkonventionelle



paula modersohn-becker war gewiss die eigenwiligste künstlerin in worpswede.

sie wurde 1876 in dresden geboren, zog aber mit ihren eltern schon im alter von 12 jahren nach bremen. ein besuch bei ihrer tante in england bot ihr die gelegenheit, zeichenunterricht an der london schools of arts zu nehmen. nach deutschland zurückgekehrt, vertiefte und vervollkommnete sie - neben ihrer ausbildung zur lehrerin - die technik der malerei.

bereits 1896 nahm ihr berufswunsch konkrete gestalt an, als sie einen kurs in der mal- und zeichenschule des „vereins der berliner künstlerinnen“ besuchte. dieser verein bot frauen die möglichkeit eines kunststudiums - was in dieser zeit noch überaus ungewöhnlich war.

paula machte rasche fortschritte und zog 1898 - da war sie 22 jahre alt - in die künstlerkolonie worpswede. bei dem maler fritz mackensen, der schon einige zeit in worpswede lebte, nahm sie unterricht, und lernte die bildhauerin clara westhoff kennen, der sie schon bald in tiefer freundschaft verbunden war.

die öffentliche kritik reagierte auf die bilder paulas allerdings ablehnend, die erste ausstellung ihrer arbeiten in bremen wurde zum fiasko. deswegen zog sie sich um die jahrhundertwende ganz aus der öffentlichkeit zurück, blieb aber in worpswede und arbeitete unbeirrt weiter.

in dieser zeit - es ist die jahrhundertwende - lernte sie rainer maria rilke kennen, der nach worpswede gekommen war, eine weile unter den malern lebte, bei dieser gelegenheit eine monographie über die künstlerkolonie schrieb, klara westhoff kennenlernte und sie heiratete.

der kontakt mit rilke mag paulas sehnsucht nach der welt ausserhalb worpswedes verstärkt haben. die künstlerkolonie empfand sie zunehmend als eng und ihrer künstlerischen arbeit hinderlich. sie suchte neue anregungen und impulse - und fand sie in paris. dorthin reiste sie immer wieder, besuchte die academie colarossi und belegte anatomiekurse an der ecole des beaux-arts.

in diese zeit fällt auch ihre hinwendung zu den einfachen formen, den erdig flächigen farben und einem sujet, das wohl am ehesten mit der formel des „einfachen, bäuerlichen menschen“ umschrieben ist. ihnen widmet sie fortan ihre arbeit und lässt sie zur meisterin der menschendarstellung werden.

paris und worpswede sind die pole, auf die ihr künsterischer kompass gerichtet ist. entscheiden kann sie sich indes nicht. in worpswede fehlt ihr die grosstadt - in paris das einfache, dörfliche leben.

immer wieder kehrt sie deswegen von paris nach worpswede zurück, wo sie 1901 den maler otto modersohn heiratet, der die norddeutsche landschaft - anders als sie - zumeist in düsteren, schweren und melancholischen farben malt.

es wird schon so gewesen sein, dass so auch der charakter von otto modersohn war, den paula nur schwer ertragen konnte und vor dem sie immer wieder nach paris floh.

lange hielt sie es nie in worpswede aus, wo sich das soziale leben auf die treffen der wenigen künstler beschränkte und kaum frohsinn aufkam - auch nicht im haus von heinrich vogeler, der es zwar auf unnachahmliche weise verstand, fabelhafte feste zu arrangieren, aber in depressionen verfiel, wenn die ersten gäste eintrafen.

auch ein zweiter versuch paulas, ihre arbeiten in der öffentlichkeit zu etablieren, scheitert. eine gemeinsame ausstellung mit otto modersohn in der bremer kunsthalle bleibt weitgehend unbeachtet. an diesem misserfolg trägt sie schwer, trennt sich deswegen 1906 von ihrem mann und geht noch einmal nach paris, richtet sich dort ein atelier ein und besucht wieder kurse an der ecole des beaux arts.

es sieht ganz so aus, als hätte sie dem künstlerischen einfluss worpswedes stets misstraut, wo sie doch in wahrheit die schönsten und eindrucksvollsten motive fand, die ihre malerei schliesslich weltberühmt machte. ihre aufenthalte in paris wenigstens brachten ihr künstlerisch keinen erfolg, weswegen sie am ende immer wieder den weg zurück nach worpswede suchte.

sie söhnte sich schliesslich mit ihrem mann aus und brachte am 2. november 1907 ihre tochter mathilde zur welt. diese geburt überlebte sie jedoch nur wenige tage. am 20. november starb paula im kindbett - da war sie gerade einmal 31 jahre alt.

erst langsam setzte der nachruhm ein, den die nationalsozialisten allerdings auf brutale weise unterbrachen, als sie paula modersohn-becker zur „entarteten künstlerin“ erklärten und ihre bilder beschlagnahmten. erst nach dem krieg setzte sich ihre arbeit durch und man erkannte den hohen künstlerischen rang ihrer bilder.



hans am ende - der erfolgreiche



hans am ende gehört, zusammen mit otto modersohn, fritz overbeck, fritz mackensen, paula becker und heinrich vogeler, zur ersten generation und zu den bedeutenden malern der künstlerkolonie worpswede. er wurde 1864 in trier geboren, zog 1872 mit seinen eltern nach naumburg und besuchte dort das berühmte internat schulpforta.

wegen seiner zeichnerischen begabung, die sich schon früh bemerkbar machte, ermöglichten ihm seine eltern ein kunststudium an der münchener akademie. dort wurde er von professor dietz ausgebildet und schloss enge freundschaft mit dem zwei jahre jüngeren fritz mackensen. durch ihn wurde hans am ende - nach abschluss seines weiterführenden studium ins karsruhe - auch mit worpswede bekannt, wo er sich 1895 - beeindruckt von den ästhetischen auffassungen und der naturverbundenen arbeit seiner künstlerkollegen - nieder liess. in der nachbarschaft des „barkenhofs“ von heinrich vogeler, den er in der kunst des radierens unterwies und zur meisterschaft brachte, baute er sein wohn- und atelierhaus und heiratete die tochter eines bremer lehrers, magda willatzen.

1914 - der 1. weltkrieg war ausgebrochen - meldete sich hans am ende freiwillig zum militär. wenige wochen vor dem waffenstillstand starb er 1918 im alter von 54 jahren an einer schweren verwundung. er wurde in bremen beigesetzt und erst nach dem 2. weltkrieg nach worpswede überführt, wo er neben dem grab seiner frau die letzte ruhestätte fand.

hans am ende trat als maler, mehr aber noch als radierer hervor. seine zumeist ungewöhnlich grossformatigen blätter sind - darin verwandt mit der kunst heinrich vogelers - nicht so sehr vom impressionismus als vielmehr vom jugendstil beeinflusst. das macht auch die differenz zu seinen worpsweder kollegen aus, unter denen hans am endes malerei - weil atmosphärisch so verschieden - eine besondere stellung einnimmt und schon zu seinen lebzeiten überaus erfolgreich war. bereits seine ersten radierungen, die er zusammen mit den bildern otto modersohns 1895 in münchen ausstellte, machten ihn weit über norddeutschland hinaus bekannt und ermöglichten ihm - da sie in grosser zahl von der platte abgezogen und verkauft werden konnten - ein einigermassen sorgenfreies leben und arbeiten in worpswede.

über einhundert radierungen gehören zu seinem nachlass - dazu gemälde, aquarelle und zeichnungen, die aber leider nirgends in einer geschlossenen sammlung zu sehen, sondern in aller welt verstreut sind. viele seiner arbeiten sind zudem undatiert, von unbekannter provenienz - bei vielen porträtzeichnungen, die er hinterlassen hat, ist überdies nicht bekannt, wer die dargestellte person ist.

diese unbefriedigende situation seines ouvres hat damit zu tun, dass hans am ende keine erben hatte (seine ehe mit magda willatzen blieb kinderlos), die sein werk hätten betreuen, ordnen und beieinander halten können.

seine radierungen sind detailverliebt, akribisch ausgeführt, und - darin spiegelt sich der worpsweder einfluss - schlicht und naturverbunden. vor allem seine mühlenmotive machten ihn populär. daneben tauchen auf seinen blättern immer wieder auch die windschiefen katen, der hohe himmel mit seinen bauschigen wolken, die dunklen torfkähne, die birken und schmalen flussläufe der worpsweder landschaft auf. seine porträts - ein weiterer schwerpunkt seiner künstlerischen arbeit - sind aufs wesentliche reduziert, psychologisch erhellend und zuweilen satirisch zugespitzt.

bei seinen nicht sehr zahlreichen ölgemälden und aquarellen fallen die strahlenden farben und das helle licht ins auge. sie sind deswegen so ganz anders als die oft schweren, manchmal düsteren bilder seiner malerkollegen otto modersohn und fritz mackensen.

es bleibt die frage, wie es mit der arbeit von hans am ende weiter gegangen wäre, wenn er den 1. weltkrieg überlebt hätte. der maler und radierer heinrich vogeler - ihm künstlerisch durchaus verwandt - geriet in den 20er jahren in eine schwere schaffenskrise, von der er sich nicht mehr erholte. die zeit der heilen, freundlichen und märchhaften bilder war vorbei. das inferno des weltkriegs war über sie hinweg gefegt und hatte ihre allzu sorglose botschaft endgültig entlarvt und ad absurdum geführt.

es kann schon sein, dass hans am endes lebensfreundliche - und manches mal auch lebensferne - kunst ähnlich schweren schaden genommen hätte und er - wie heinrich vogeler - nicht mehr an seine arbeit vor dem weltkrieg hätte anknüpfen können. die weimarer republik stellte neue und andere künsterische fragen. die worpsweder künstlerkolonie - und was am ende von ihr geblieben war - fand darauf keine gültigen antworten mehr.



fritz mackensen - der heimatverbundene



als der eigentliche entdecker worpswedes gilt fritz mackensen. er wurde 1866 in greene bei braunschweig geboren und ging 1884 als stipendiat an die kunstakademie in düsseldorf. dort wurde er schüler von peter janssen, friedrich august von kaulbach und wilhelm dietz.

schon in dieser zeit kommt er in den semesterferien auf einladung der kaufmannstochter mimi stolte oft und gern nach worpswede. fritz mackensen ist beeindruckt von der norddeutschen landschaft und wählt das moor und seine bevölkerung schon früh zu den hauptsächlichen sujets seiner bilder.

1888 wechselt er von düsseldorf an die münchener kunstakademie und lernt dort hans am ende kennen, der ihm später nach worpswede begleiten wird.

immer wieder fährt er auf besuch nach worpswede, wohin er auch seine malerkollegen hans am ende und otto modersohn einlädt. nach einem langen winteraufenthalt steht 1889 für ihn und seine malerfreunde der entschluss fest, ganz nach worpswede zu gehen.

otto modersohn notierte damals in sein tagebuch:

„Wir werden Feuer und Flamme, fort mit den Akademien, die Natur ist unsere Lehrerin und dennoch müssen wir handeln. Ja, das war ein denkwürdiger Tag. Worpswede war uns in der Zeit, ohne dass wir es eigentlich wussten, so nahe gerückt, dass eine Trennung fast unmöglich war".


1894 gründet fritz mackensen den „künstlerverein worpswede“, der im selben jahr mit den bildern von otto modersohn, fritz mackensen und hans am ende in der bremer kunsthalle debütiert und 1895  in münchen einen ersten grossen erfolg verbuchen kann:  fritz mackensen erhält die goldmedaille für sein bild „gottesdienst im freien“ und die münchener pinakothek kauft das bild „worpsweder landschaft“ von otto modersohn.

die worpsweder sind mit dieser ausstellung über nacht weit über die grenzen norddeutschlands bekannt geworden und ihre bilder erregen fortan die grösste aufmerksamkeit einer kunstsinnigen öffentlichkeit in deutschland.

der wohlstand, zu dem fritz mackensen mit dem verkauf seiner bilder kommt, spiegelt sich in der villa, die er in worpswede auf dem weyerberg errichtet - sehr zum unwillen der bäuerlichen bevölkerung, die das bauwerk  protzig findet und es ganz und gar unpassend für die dörfliche umgebung hält.

das sind ernste hinweise darauf, wie sich die maler in worpswede zwar vom bäuerlichen leben - das aus harter arbeit und oft bitterer not bestand - für ihre kunst inspirieren liessen, aber einen tieferen kontakt zur bevölkerung vermieden. die künstler blieben mehr oder weniger exotische fremde und aussenseiter in dem kleinen moordorf und die einheimischen bauern und tagelöhner verstanden nicht recht, wonach die damen und herren aus düsseldorf und münchen bei ihnen suchten. was sich in den bildern fritz mackensens, otto modersohns und ihrer malerkollegen als„sozialromantik“ nieder schlug, war für die bäuerliche bevölkerung alltägliche sorge um nahrung und auskommen.

1898 beschloss die junge paula becker, bei fritz mackensen malunterricht zu nehmen. was nur als ferienkurs in der künstlerkolonie gedacht war, weitete sich zu einem jahrelangen aufenthalt, der das leben der künstlerin von grund auf veränderte. wenn paula die unterweisung durch mackensen auch anfänglich als hilfreich empfand, stellten sich doch schon am ende des ersten jahres erste zweifel ein.

denn anders als die inzwischen etablierten worpsweder maler tendierte sie in ihren arbeiten schon früh zur vereinfachung der formen und farben. ihre bilder stehen deswegen in grösstem kontrast zur naturalistischen malweise ihres lehrers und seiner malerfreunde. paula becker spürte bald, dass sie in der künstlerkolonie keine wirkliche anregung für ihre küntlerische entwicklung finden konnte. die erste ausstellung mit ihren bildern, die 1899 in der bremer kunsthalle stattfand und als fiasko endete, schien das nur zu bestätigen: die kritiken waren vernichtend.  paula wusste, dass sie mit ihren bildern ausserhalb des horizonts der worpsweder künstler-vereinigung stand, ohne freilich auf irgendeine positive resonanz in der deutschen kunstszene zu treffen.

fritz mackensen, der inzwischen zu den bekanntesten malern in worpswede - und weit darüber hinaus - gehörte, nahm 1908 eine professur an der grossherzoglichen akademie weimar an, deren direktor er zwei jahre später wurde. seine bindungen an die künstlerkolonie schienen gekappt zu sein - seine ästhetischen auffassungen sich geweitet zu haben.  

seine karriere endete jedoch abrupt, als er 1914 zum kriegsdienst einberufen wurde. er überstand den 1. weltkrieg und kehrte an den ort seiner künstlerischen anfänge nach worpswede zurück. er teilte damit das schicksal seiner malerkollegen:  ihre kunst war nach dem inferno des weltkriegs obsolet geworden - inzwischen stellten sich andere künstlerische - und gesellschaftliche - fragen, auf die ein maler wie mackensen, der am sujet seiner heide- und bauernbilder festhielt, keine gültige antwort mehr fand.

wie sehr fritz mackensen aber fortan seine akademischen jahre in weimar bei seinen malerkollegen betonte, zeigt eine anekdote auf besonders komische weise:

bei einem spaziergang durch die wiesen bei worpswede geriet fritz mackensen allzu nah an den rand eines baches. er rutschte aus und fiel hinein. um die anderen freunde, die voraus gegangen waren, auf seine situation aufmerksam zu machen, rief er laut: "hilfe, hilfe - hier ertrinkt professor mackensen!"


das blatt schien sich noch einmal zu wenden und seine kunst in deutschland wieder in den mittelpunkt des interesses zu rücken, als er 1933 den ruf als leiter der „nordischen kunsthochschule“ in bremen erhielt. die programmatik dieser lehranstalt, die aus der bremer kunstgewerbeschule hervor gegangen war, strotzte allerdings inzwischen vor nationalsozialistischem gedankengut. dort hinein schien mackensen mit seinen heimattreuen, bäuerlichen bildern jedoch aufs beste zu passen, die manchmal an die „blut und boden“ ideologie der nazis erinnern - wenigstens ohne grosse mühen dafür vereinnahmt werden konnten.

wie überhaupt otto modersohn und fritz mackensen wegen ihres „gesunden naturalismus“ und der gebundenheit an die „niederdeutsche scholle“ von den nazis hoch gelobt wurden. beide erhielten die „goethe-medaille“ und mackensen war sich nicht zu schade, seine kunst in den dienst der propaganda zu stellen, als er das gemälde „reichsarbeitsdienst“ schuf.

bis 1935 leitete er der „nordischen kunsthochschule“, dann zog er sich von der lehrtätigkeit zurück.

nach dem krieg musste sich fritz mackensen den heftigen vorwurf gefallen lassen, seine kunst in den dienst der nationalsozialisten gestellt zu haben. das war  - wie hier beschrieben - nicht aus der luft gegriffen. schon rainer maria rilke hatte um die jahrhundertwende in seiner bekannten worpswede-monographie zur malerei mackensens - damals freilich ohne jeden „völkischen“ unterton - bemerkt:  

sie sei „nordisch, schwermütig, ernst und gesund“.

1953 starb fritz mackensen in bremen. seine letzte ruhestätte fand er auf dem worpsweder friedhof.



fritz overbeck - der wolkenverliebte



auch für fritz overbeck war die düsseldorfer kunstakademie der ausgangspunkt für seine künstlerische tätigkeit in worpswede. denn dort lernte er in der studentenverbindung „tartarus“ otto modersohn, fritz mackensen und heinrich vogeler kennen, mit denen zusammen er die künstlerkolonie gründete, zu der auch noch hans am ende stiess, dem mackensen in münchen begegnet war.

fritz overbeck wurde am 15. september 1869 in bremen geboren und studierte von 1889 bis 1893 an der düsseldorfer akademie. er war der einzige seiner malerkollegen, der die worpsweder landschaft schon aus früher kindheit kannte - ihm war als bremer alles vertraut, was seine künstlerfreunde erst viel später faszinieren sollte: der hohe norddeutsche himmel, die grossen, weissen wolken am blauen himmel, die zurückgenommene, karge landschaft.

otto modersohn überredete fritz overbeck, mit nach worpswede zu gehen. dort wollten die maler abstand zur akademischen malerei gewinnen, die im künstlichen licht üppig dekorierter ateliers ihre sujets arrangierte und - das war der zeitgeschmack - mit viel pomp auf die leinwand brachte.

diese junge generation von künstlern hatte
eine ganz andere auffassung von kunst. beeinflusst und inspiriert von den impressionisten stellten sie ihre staffeleien unter freiem himmel auf, um die natur und das alltagsleben auf die leinwand zu bringen.

karl overbeck zog 1894 nach worpswede und richtete sich 1896 auf dem weyerberg ein eigenes atelier ein. das hauptmotiv seiner frühen malerei waren die einsamen moorlandschaften der umgebung. berühmt aber wurde er später mit der raffinierten darstellung von wolkenformationen, die so charakteristisch für den norddeutschen himmel sind. daneben blieben es landschaftsmotive, die er - so stimmungsvoll wie typisch - auf die leinwand brachte.

1897 heiratete fritz overbeck in worpswede seine schülerin hermine rothe. dennoch: lange hielt er es in der künstlerkolonie nicht aus, denn das kleine, ehemals so versteckt im moor gelegene dorf wurde immer mehr von neugierigen überrannt, die aus ganz deutschland anreisten, um einen blick in die ateliers der maler zu werfen.

fritz overbeck, der sich in seinen bildern schon eine ganze weile von der landschaft rund um worpswede gelöst und entferntere sujets gesucht hatte, in denen auch die figürlichen darstellungen einen immer grösseren raum einnahmen, verliess 1905 worpswede. er unternahm mit otto modersohn noch eine reise nach paris, bevor er sich in bröcken bei vegesack nieder liess. hier vergass er moor und heide, widmete sich stattdessen den strand- und dünenlandschaften der nordseeinseln, die er in immer neuen und anderen perspektiven und schattierungen malte.

1909 starb er überraschend im alter von 39 jahren an einem herzschlag.
     


nachbemerkung:

die quellenlage für die hier vorgestellten künstler ist - was das internet betrifft - sehr verschieden und manchmal unbefriedigend.

paula becker-modersohns arbeit und leben ist am besten dokumentiert. wikipedia bietet reichhaltiges material zur werkgeschichte und person der künstlerin.

ebenfalls gut dokumentiert ist die arbeit von otto modersohn. eine homepage des museums in fischerhude bietet anschauliches material zu seinen bildern und seiner vita.

bei hans am ende sieht es anders aus. da sein nachlass bis heute nicht geordnet und katalogisiert ist, fehlt eine stringente und sachkundige darstellung seiner künstlerischen arbeit. es gibt über ihn und seine bilder nur verstreute aufsätze im internet.

bei heinrich vogeler ist die quellenlage hingegen überaus reichhaltig - wohl auch deswegen, weil er (neben paula modersohn-becker) zu den herausragenden vertretern der künstlerkolonie gehört und sich mit seinem haus, dem barkenhof, ein bleibendes denkmal gesetzt hat. dorthin zieht es in jedem jahr tausende von kunstsinnigen besuchern. dementsprechend gut erforscht ist sein leben und werk - was allerdings für seine letzten jahre in russland nicht zutrifft.

über der arbeit von fritz mackensen lastet schwer das urteil über seine nationalsozialistische verwicklung im dritten reich. wohl aus diesem grund sucht man im internet vergeblich nach einer ausführlichen würdigung seines lebens und seiner kunst.

fritz oberbecks ouvre ist relativ überschaubar, da er früh starb. auch über ihn erfahren wir nicht eben viel, obwohl er in den entscheidenden jahren der künstlerkolonie angehörte. andererseits ist sein malerisches werk - vor allem nach 1905 - nicht mehr repräsentativ für die erste generation der künstler in worpswede. wie dem auch sei: informationen über ihn im internet sind spärlich.

 

bremen, im oktober 2005