ANTIQUAR wübbelzahn beschäftigt sich schon eine ganze weile mit büchern. deswegen denkt er auch manchmal an einen kunden zurück, dessen grösster wunsch es war, die erstausgabe von elias canetti "die blendung" zu besitzen.
nun muss man wissen, dass dieses buch äusserst selten ist. es erschien 1936 in einer kleinen auflage in wien. erst jahrzehnte später wurde elias canetti berühmt und sein buch vielfach neu aufgelegt.
eines tages konnte antiquar wübbelzahn das buch dann doch finden. eilig (und aufgeregt) rief er seinen kunden an (antiquar wübbelzahn war zu dieser zeit noch ein wenig enthusiastischer als heute). als sein kunde das buch endlich in den händen hielt, war das eine freude ohne ende.
einige jahre später schlenderte antiquar wübbelzahn über eine antiquariatsmesse. einigermassen erstaunt war er, als er gleich am ersten stand die erstausgabe von elias canetti bemerkte, noch erstaunter aber, dass er sie auf seinem rundgang über die messe am ende gleich dreimal entdeckt hatte.
"das ist merkwürdig", meinte antiquar wübbelzahn zu einem kollegen gewandt. "die besucher könnten den eindruck gewinnen, dieses buch sei besonders häufig." sein kollege pflichtete ihm bei: "und dieser eindruck (jeder muss doch denken, das buch sei wohlfeil) wird manchen interessenten am kauf hindern."
schon lange fragt niemand mehr antiquar wübbelzahn nach elias canetti. inzwischen ist "die blendung" nämlich zu einem nicht weiter aufregenden handelsgut unter anderem verkommen. wenn auch die auflage seiner zeit besonders klein war - das buch folglich immer noch sehr selten ist - kann es heute jederzeit und in minutenschnelle im internet abgerufen werden.
aus diesem grunde hat antiquar wübbelzahn auch viele seiner treusten kunden verloren, an deren leuchtende augen er sich immer noch gut erinnert. deswegen ist ihm auch allmählich der enthusiasmus abhanden gekommen. seine kunden erfüllen sich ihre wünsche inzwischen im internet und antiquar wübbelzahn weiss, dass jedes noch so seltene buch, das er ins fenster legt, mehrfach im internet vorhanden und zu bestellen ist.
manchmal sitzt antiquar wübbelzahn in seinem laden und erinnert sich an die zeit, wenn im garten seiner eltern die himbeeren reif wurden. es gab keine grössere freude, als sie sich - wenn sie endlich rot und saftig waren - in den mund zu schieben.
wenn dann aber seine frau anruft und ihn bittet, noch eine packung
himbeeren im supermarkt aus der tiefkühlung zu besorgen, ist antiquar
wübbelzahn wieder in der gegenwart angekommen.
AUF
DER SUCHE NACH HEINRICH HEINE
ALS ANTIQUAR WÜBBELZAHN noch ein junger mann war und nicht ahnte,
dass er sich eines tages beruflich mit alten büchern geschäftigen
würde, besuchte er häufig die antiquariate seiner heimatstadt
- vor allem eines, wo ein alter mann, der stets einen grau-blauen arbeitskittel
trug, über die heerscharen von büchern wachte, die sich
- treppauf, treppab - in den regalen reihten.
wenn der junge wübbelzahn das antiquariat besuchte, gab
der alte antiquar ihm eine leiter in die hand und dann begannen die
expeditionen in die literatur.
der junge wübbelzahn suchte auch nach einer gesamtausgabe
von heinrich heine. das war allerdings ein schwieriges unterfangen.
so oft er auch fragte - der alte antiquar schüttelte immer nur
den kopf.
der junge wübbelzahn konnte sich darauf keinen reim machen.
es standen doch goethe-, schiller- und lessing-ausgaben zuhauf in den
regalen. warum also nicht auch eine von heine?
erst einige jahre später fand er eine antwort auf seine
frage. heinrich heine war jude - und deswegen im Dritten Reich geächtet.
wer also damals eine ausgabe des dichters bei sich zu hause stehen hatte,
brachte sie brav zu einer sammelstelle der nazipartei, die nichts anderes
zu tun hatte, als deutsche literatur zu verbrennen.
auf diese weise waren bald die allermeisten deutschen bücherschränke
von heinrich heine „gesäubert“. es blieben kolbenheyer, carossa
und will vesper.
sie waren deutsch - und schrieben deutsch ...
heinrich heine schrieb zwar auch deutsch, aber manchmal auch
einen satz wie: „denk ich an deutschland in der nacht, so bin ich um
den schlaf gebracht.“
wie recht er hatte, dachte der junge wübbelzahn bisweilen
... und gab allein schon deswegen seine suche nach dem dichter nicht
auf. aber so oft der alte antiquar auch bücher in die regale räumte
- heinrich heine war nie dabei.
„den haben sie gründlich verbrannt“, pflegte der antiquar
zu sagen und pustete dabei verächtlich den staub aus den kolbenheyers,
carossas und vespers, die seinen laden hoffnungslos verstopften.
der junge wübbelzahn musste einsehen, dass er im antiquariat
nicht fündig wurde. allerdings sah es im modernen buchhandel nicht
anders aus. kein verlag in westdeutschland verlegte - auch 25 jahre nach
kriegsende - heinrich heine. das schlimme verdikt vom „juden heine“ wirkte
auf boshafte weise weiter und sorgte für ein grosses vergessen.
das war in diesem fall besonders schlimm, denn der junge wübbelzahn
wusste sehr genau, dass heinrich heine zu den grössten dichtern überhaupt
gehört.
eines tages fuhr der junge wübbelzahn nach berlin. die
reise wurde vom gesamtdeutschen ministerium bezahlt. er liess es sich
deswegen - also ganz gesamtdeutsch - nicht nehmen, einen blick über
die mauer zu tun.
gleich sein erster weg in ostberlin führte ihn in eine
buchhandlung. nun muss man wissen, dass die DDR grossen wert auf die
pflege der literatur legte. die bücher, die der junge wübbelzahn
dort in die hand nahm, waren ausgesprochen sorgfältig gebunden und
ausgestattet. mochte sich die auswahl auch an der russischen literatur
orientieren, so fehlten doch keineswegs thomas mann, ernst maria remarque,
ernst toller, klaus und heinrich mann, leonhard frank und bert brecht.
der junge wübbelzahn interessierte sich jedoch vor allem
für die klassiker-ausgaben des aufbau-verlags. das waren schlichte,
in leinen gebunde bände, die den ganzen kosmos der deutschen literatur
umspannten. wer wäre damals in westdeutschland auf die idee gekommen,
autoren wie philip moritz arndt, ludwig börne oder karl gutzkow zu
verlegen? in der reihe des aufbau-verlags fehlte jedoch keiner von ihnen
... und auch heinrich heine nicht.
der junge wübbelzahn trug den schatz - die vierbändige,
in taubenblaues leinen gebundene ausgabe - über die grenze nach
westdeutschland. endlich hatte er gefunden, wonach er so lange gesucht
hatte ...
heute sitzt antiquar wübbelzahn machmal in seinem laden
und lässt den blick über die regale mit den klassikern gleiten.
dort stehen auch drei schöne, alte heine-ausgaben:
von bong, dem bibliographischen institut und von reclam.
sie stehen da nicht etwa, weil er sie inzwischen so oft findet.
sie sind nach wie vor selten - wie zu zeiten, als der junge wübbelzahn
danach suchte. sie sammeln sich vielmehr im regal, weil keiner nach
ihnen fragt.
antiquar wübbelzahn würde sogar so weit gehen, einem
jungen mann oder einer jungen frau eine leiter in die hand zu geben
- nur, damit sie in seinem laden auf entdeckungsreise gehen können
und vielleicht ...
ja, vielleicht auch auf heinrich heine stossen.
aber - zum einen ist das geschäft von antiquar wübbelzahn
recht übersichtlich und aufgeräumt - und zum anderen verirrt
sich kaum ein junger mensch in seinen laden. also nimmt er selbst manchmal
einen band aus dem regal und beginnt zu lesen ...
... etwa die gedichte von heinrich heine, dessen bücher
einst verbrannt wurden und die heute - was genau so schlimm und im
resultat dasselbe ist - wohl langsam in die vergessenheit sinken.
ANTIQUAR wübbelzahn sitzt nicht immer in seinem laden und blättert
in alten folianten. weil er die bücher, die er verkauft, zuvor
erworben haben muss, ist er immer froh, wenn ihn jemand anruft und gleich
ein ganzes dutzend davon - oder noch viel mehr - in aussicht stellt.
manches mal ist antiquar wübbelzahn deswegen weite wege
durchs land gefahren, um sich die bücher anzusehen - immer in der
hoffnung, besonders wertvolles und schönes zu finden. die wege sind
nötig, denn wenn antiquar wübbelzahn auch jedes mal am telefon
fragt, was ihn erwartet, erhält er doch viel zu oft die wenig befriedigende
antwort:
„von allem etwas!“
weil aber antiquar wübbelzahn kein kolonialwarenhändler
ist, der „von allem etwas“ in seinem laden vorrätig halten muss,
fährt er zu den kunden, um sich die bücher erst einmal anzusehen.
so war es auch an jenem sonntagnachmittag im winter.
es hatte geschneit und antiquar wübbelzahn fuhr aus der
stadt hinaus. die landstrasse schlängelte sich durch weiss überstäubte
felder und ging vorbei an wäldern, in denen sich die zweige der
tannen unter dem frisch gefallenen schnee bogen. fast hätte er den
wegweiser übersehen, der ihn von der strasse auf einen schmalen
weg wies - so verschneit, dass antiquar wübbelzahn fürchtete,
mit dem auto stecken zu bleiben. auch bezweifelte er bald, dass ihn der
weg zu irgendwelchen büchern führen würde.
war er also einem scherz aufgesessen? hatte ihn jemand, der ihm
übel wollte, aus einer gehässigen laune heraus in diese verschneite
einsamkeit gelockt?
antiquar wübbelzahn achtete angestrengt darauf, sein auto
in der spur zu halten, die von einem fahrzeug stammte, das irgendwann
zuvor durch den tiefen schnee gefahren war. er dachte auch unentwegt
darüber nach, wer ihm diesen seltsamen schabernack gespielt haben
könnte. weil er aber fest davon überzeugt war, keinen feind
auf erden zu haben, setzte er die fahrt mit einiger skepsis fort. immerhin
hatte man ihm diesen weg am telefon beschrieben. er würde also höchstens
im schnee stecken bleiben - aber doch nicht in feindes hand fallen. er
musste sich dennoch eingestehen - und dabei fröstelte es ihm - dass
er allerhand bücher kannte, in denen menschen davon berichteten, wie
sie im eis eingeschlossen wurden und in schlimmster kälte auf keine
hilfe hoffen konnten.
„amundsen“, dachte antiquar wübbelzahn, als der weg plötzlich
eine biegung machte und im wald verschwand. dort kam er allerdings
mit dem auto ein wenig besser voran, denn die tannen hatten den schnee
schon hochoben in ihren kronen aufgefangen.
„amundsen vertraute seinem kompass - und ich einer vagen beschreibung
am telefon. jetzt verstehe ich, warum amundsen im eis stecken blieb
- und ich im wald.“
er seufzte, wollte keinen meter mehr weiter fahren, sondern
sein auto auf der stelle wenden, als er hinter den bäumen ein niedriges
haus bemerkte. als er vorsichtig weiter fuhr, öffnete sich der wald
zu einer lichtung und er erkannte, dass das haus, aus dessen schornstein
dunkler rauch stieg, ganz aus holz gebaut war.
„was soll ich hier?“ fragte er sich, als er angehalten hatte,
aber unentschlossen im auto sitzen blieb. „hier wohnt vielleicht ein
förster - doch auch der ...“, antiquar wübbelzahn gab sich
einen ruck und stieg aus, „... liest vielleicht zuweilen ein buch.“
neben der eingangstür las er tatsächlich den namen,
den man ihm am telefon genannt hatte. er war also an der richtigen
adresse, wenn auch wohl am falschen ort. er klopfte und kurz darauf
öffnete ihm ein alter mann die tür.
„sie sind bestimmt der antiquar aus der stadt. kommen sie nur
herein!“
antiquar wübbelzahn bückte sich, denn die tür
war niedrig. als er sich wieder aufrichtete, stand er in einem raum,
der die gesamte grundfläche des hauses einzunehmen schien. obwohl
sein augenmerk von berufs wegen den büchern gelten sollte, fiel sein
blick zunächst auf einen schwarzen klavierflügel, der inmitten
des zimmers stand. er sah auch, dass die hölzernen dielen des fussbodens
mit dicken teppichen belegt waren und dass sich an den vier wänden,
nur unterbrochen von niedrigen fenstern, regale bis unter die decke hinzogen,
in denen so viele bücher aufbewahrt waren, dass er sich sogleich an
seinen laden erinnert fühlte.
in einer ecke des zimmers stand ein grüner kachelofen.
er hörte ein knarren über seinem kopf. „das ist meine
frau, sie wird gleich kommen“. der alte mann deutete mit dem zeigefinger
zu einer schmalen wendeltreppe, die das wohnzimmer mit dem dachgeschoss
verband. „da oben ist unser schlafzimmer - sehr kalt zu dieser jahreszeit,
wäre da nicht ...“ er führte den satz nicht zu ende, sondern
lächelte.
gleich darauf stieg eine weisshaarige frau die treppe herunter.
sie lief mit einem freundlichen lächeln auf antiquar wübbelzahn
zu, nahm seine hand und rief:
„wie schön, ein gast aus der stadt, der sich für bücher
interessiert. ich werde uns einen tee zubereiten.“
mit diesen worten verschwand sie ... in den büchern. wenigstens
kam es antiquar wübbelzahn so vor. erst später entdeckte er
zwischen den regalen eine tür, die zur küche führte.
sein blick glitt über die regale. er wusste aber längst,
dass ihn das ehepaar, das mitten im wald in einem holzhaus lebte, viel
mehr interessierte als die bücher.
„vielleicht finden sie unter den büchern etwas. nehmen
sie, was sie wollen. es gibt so viele schöne bücher, obwohl
...“
der alte mann zog ein buch aus dem regal, besah es sich, blätterte
darin und fuhr fort:
„ ... vom „zauberberg“ trenne ich mich ungern. aber das leben
besteht nun einmal aus abschieden. sie können den thomas mann
also gern mitnehmen.“
er reichte das buch antiquar wübbelzahn, der nur einen
kurzen blick darauf werfen musste, um zu wissen, dass es sich um die
erstausgabe von 1924 handelte ...
und nicht nur das.
antiquar wübbelzahn strich über die weissen seiten,
befühlte den weichen, roten ledereinband, las die handschriftliche
widmung des dichters auf dem vorsatz, und wusste, dass er auf einem
ganz anderen zauberberg angekommen war.
„es fällt mir leicht, mich von meinen büchern zu trennen.
ich habe sie alle gelesen und kenne sie inzwischen auswendig ...“ der
alte mann lächelte. „ ... nun, gut - fast auswendig.
wussten sie eigentlich, dass rilke ein dichter der frauen ist?“ er
zwinkerte antiquar wübbelzahn zu. „ich weiss das, weil meine frau
mir jeden abend vorm schlafengehen ein gedicht von ihm ins ohr flüstert.
ich würde ihr gern mit einigen zeilen von gottfried benn antworten,
aber dann schläft sie schon - oder tut wenigstens so.“
als seine frau den tee brachte, setzten sie sich an einen kleinen
tisch, der unter eines der fenster gerückt war, durch das sie
in den verschneiten wald sehen konnten.
„mein mann wird es ihnen erzählt haben ...“, sie nahm einen
schluck vom tee, „dass wir hier seit hundert jahren mit unseren büchern
und der musik leben ... hat er sich schon ans klavier gesetzt? ich habe
gar nichts gehört ... emil, spiel unserem gast doch etwas vor!“
ihr mann schien verlegen zu sein. „luise, was erzählst
du da? warum sollte unser gast das glauben? hundert jahre ...“ er schüttelte
den kopf, stand auf, setzte sich an den flügel, hob wie entschuldigend
die schultern und spielte ein prelude von chopin.
als der letzte ton verklungen war und die frühe dunkelheit
durch die fenster ins zimmer fiel, hörte antiquar wübbelzahn
den alten mann sagen: „ich sollte ihnen vielleicht erklären, warum
wir sie gerufen haben. sie müssen wissen: es macht weder meiner
frau noch mir etwas aus, uns von den büchern und den noten zu trennen.
das meiste - ich sagte es ja schon - kennen wir auswendig ... das alles
brauchen wir nicht mehr ...“
„du übertreibst!“ fiel ihm seine frau ins wort und klatschte
dabei in die hände.
„das, was wirklich weh tut ...“ er schlug einen einzigen und
lange nachklingenden ton auf dem klavier an, „... ist die gewissheit,
dass wir - also meine frau und ich - irgendwann voneinander getrennt sein
werden“.
„aber doch erst in hundert jahren“, lachte seine frau und fasste
sich an den knoten, der ihr haar zusammen hielt.
„heute, morgen, in hundert jahren ... was weiss ich!“ er schlug
erneut einen ton auf dem klavier an.
„möchten sie noch tee?“ fragte seine frau.
antiquar wübbelzahn nickte erst, räusperte sich dann
und hustete mehrfach. endlich sagte er: „tee? ja, gern ... aber die bücher
... es geht doch auch um die bücher, nicht wahr?“
er schämte sich im selben moment für seine worte.
„aber gewiss. nehmen sie, was sie möchten!“ rief der alte
mann und legte das notenblatt auf dem klavier beiseite. „wir brauchen
sie wirklich nicht mehr!“
antiquar wübbelzahn zog aus den regalen die erstausgaben
von thomas mann, franz kafka und alfred döblin. er fand auch eine
reihe von kubin, slevogt und liebermann illustrierter bücher und
legte sie beiseite. er tat das alles mit trockenem mund und heisser stirn,
denn er fühlte winterkalt, dass er daran mitwirkte, ein absehbares
ende zu beschleunigen und eine unwiderbringliche zeit zu beschliessen.
als er seine arbeit getan, das geld bezahlt und die bücher
im auto verstaut hatte, verabschiedete er sich.
„es war uns eine grosse freude!“ sagte der alte mann zum abschied.
„nächstes mal backe ich auch einen kuchen!“ meinte seine frau. sie
standen beide vor ihrem haus und winkten, als antiquar wübbelzahn
davon fuhr.
als er das auto durch den fast schneefreien wald lenkte, dachte
er: „hätte amundsen auf seinen winterlichen reisen je ein solches
ziel erreicht, wäre er nie in die - von uns so genannte - zivilisation
zurück gekehrt. warum tue ich es dann?“
als er auf die vom schnee einigermassen freie landstrasse einbog,
fiel antiquar wübbelzahn auch noch ein, dass er es ganz vergessen
hatte, sich eine quittung für die soeben erworbenen bücher unterschreiben
zu lassen.
deswegen musste er aber nicht umkehren, denn er beschloss -
zum ersten und einzigen mal in seinem leben - eine unterschrift zu fälschen.
so geschah es, dass er dem finanzamt eine quittung vorlegte,
die mit „philemon und baucis“ unterschrieben war.
... und niemand hat es je beanstandet.
ANTIQUAR wübbelzahn kann sich - gott sei dank - immer noch auf sein gedächtnis verlassen. selbst kunden, die er mitunter viele jahre nicht gesehen hat, legt er ohne jedes weitere wort die bücher vor, von denen er weiss, dass sie ihr interesse finden. wenn die kunden dann fragen: „woher wissen sie so genau, was ich suche?“, lächelt antiquar wübbelzahn.
er weiss es eben - und das muss reichen.
das ist natürlich kein hokuspokus - und noch viel weniger
hexerei. antiquar wübbelzahn hat allerdings im laufe der jahre
gelernt, seinen kunden ins herz zu sehen. das gelingt jedoch nur, wenn
man ihm die herzen auch öffnet - und sei es nur für einen
winzigen augenblick.
„ich suche schon so lange ... ich hätte so gern ... wie
froh wäre ich, von diesem schriftsteller etwas zu finden ... das
buch fehlt mir ... was gäbe ich darum, das buch zu besitzen ...
diese worte sind der schlüssel zum herzen seiner kunden.
antiquar wübbelzahn muss nur aufpassen, die vielen schlüssel
nicht zu verwechseln, denn wer - wenn nicht er - wüsste besser, dass
in jedes schloss immer nur ein schlüssel passt
das wissen um die wünsche seiner kunden ist - geheimnis
hin und her - nichts weiter als die routine seines berufs: geübt,
antrainiert und im laufe der jahre bis zum überdruss verfeinert
...
... so dass er schliesslich jedes gesicht, das er zu kennen meinte,
mit den bildern abglich, die er von seinen kunden im gedächtnis gespeichert
hatte. ergaben sich übereinstimmungen, wusste er, was zu tun war:
er startete eine endlose reihe von diapositiven in seinem kopf ...
eine grosswildjagd in afrika, eine vorlesung heideggers in heidelberg,
einen segelflug auf der rhön, die explosion eines zeppelins, thomas
mann in princeton, die stürmische fahrt der windjammer bei kap horn
...
er musste nur in die gesichter seiner kunden blicken, um in ihren
augen die bilder zu erkennen, weswegen sie in seinen laden kamen.
manchmal irrte sich antiquar wübbelzahn jedoch gewaltig.
wie sollte man sonst beschreiben, was ihm eines tages - gelegentlich
eines urlaubs in der schweiz - passierte?
antiquar wübbelzahn war ins tessin gereist und hatte in
locarno station gemacht. an einem sonnigen morgen trat er vor die tür
seines hotels und beschloss, mit dem auto ins centovalli zu fahren,
sich dort auf eine wiese zu setzen und den schmetterlingen nachzusehen
...
antiquar wübbelzahn liebt schmetterlinge, weil sie - ganz
im gegensatz zu den büchern in seinem laden - immer in bewegung
sind und selten an einer stelle verharren.
gerade wollte er die tür seines autos öffnen, als neben
ihm eine limousine hielt. aus den augenwinkeln beobachte er, wie auf
der fahrerseite ein mann, auf der beifahrerseite aber eine dame ausstieg.
sie war - er sah es sofort - mit ihrer schlanken figur und dem dunklen
kostüm von unvergleichlicher eleganz.
antiquar wübbelzahn war neugierig genug, um auf die frage,
wer eine so schöne frau begleiten darf, auch eine antwort zu suchen.
also nahm er ihren begleiter, der gerade die tür der limousine abschloss,
kritisch ins auge.
antiquar wübbelzahn wusste sofort, dass er einen kunden
vor sich hatte, dessen gesicht ihm überdies aufs wärmste vertraut
war - er hatte den mann so oft gesehen, dass ein irrtum ausgeschlossen
war.
dort stand ohne zweifel einer seiner besten kunden ...
antiquar wübbelzahn wollte zu ihm eilen, ihn begrüssen
und sich bei dieser gelegenheit der überaus eleganten begleiterin
vorstellen. aber so angestrengt er auch nachdachte und dabei den mann
aus den augenwinkeln musterte ... es fiel ihm nichts weiter ein, als
dass er ihn kannte.
mehr aber auch nicht ...
und das war, wie antiquar wübbelzahn zugeben musste, reichlich
wenig. zwar tröstete er sich damit, dass er an einem sommertag in
locarno gar nicht in der lage war, seinem kunden ein sortiment von büchern
vorzulegen. er hätte - und das war viel schlimmer - auch gar nicht
gewusst, was für bücher es hätten sein sollen.
sein instinkt, zu jedem gesicht auch das entsprechende bild und thema
zu erkennen, versagte so total, dass er von einer minute zur anderen ganz
und gar mutlos wurde. er konnte daher nichts weiter tun, als dem mann und
seiner begleiterin resigniert nachzusehen, wie sie sich, lachend und plaudernd,
von ihrer limousine entfernten.
antiquar wübbelzahn wollte es nicht dabei bewenden lassen,
sondern nahm einen letzten gedanklichen anlauf:
die rosen von redoute, picassos blaue bilder, der gral der tempelritter,
sokrates letzte worte ...
... der mensch erscheint im holozän.
antiquar wübbelzahn schüttelte den kopf. er fand, so angestrengt
er auch nachdachte, den passenden schlüssel nicht. er konnte sich
- bilder hin, bilder her - nur an den titel eines buches von max frisch
erinnern, worin wochen unablässigen regens im centovalli beschrieben
sind, der die menschen am ende einsam, hilflos und stumm macht.
"der mensch erscheint im holozän" ...
antiquar wübbelzahn öffnete die tür seines autos
und setzte sich hinein. er wollte immer noch ins centovalli fahren, dort
auf den grünen wiesen sitzen und den schmetterlingen hinterher sehen
...
er wusste, dass es nur ein kleiner umweg war, dort oben am haus
von max frisch vorbeizufahren und einen blick darauf zu werfen.
was aber wäre gewesen, wenn er die elegante dame wieder
getroffen und gesehen hätte, wie sie mit aufgelösten, strähnigen
haaren, einer fleckigen gärtnerschürze und schmutzigen gummistiefeln
den garten in ordnung hielt?
nein, er wollte sie in besserer erinnerung behalten. „meine kunden
sind immerhin auch die, deren bücher in meinen regalen stehen. sie
tragen ihre wünsche allerdings nicht in den augen ... sondern auf
den lippen und fassen sie - so gut es eben geht - in worte!“
antiquar wübbelzahn fuhr - heiterer als sonst - ins centovalli
davon.
ANTIQUAR wübbelzahn fragt sich zuweilen, warum er mit manchen
kunden schon nach kurzer zeit in ein erfreuliches gespräch kommt,
er jedoch mit anderen kein rechtes thema findet, es auch gar nicht sucht,
und sich deswegen der geschäftliche kontakt aufs notwendigste beschränkt.
er tröstet sich damit, dass ihm auch sonst manche menschen
sympathisch sind, während andere ihn beim besten willen nicht interessieren.
warum er aber meint, dies alles seinem gegenüber schon an
der nasenspitze anzusehen, ist ihm ein rätsel. manches mal nannte
er sein verhalten deswegen „dumme ignoranz“ oder - schlimmer noch - „arrogantes
vorurteil“. er ist nur froh, dass er seine gefühle einigermassen gut
verbergen kann, und die kunden davon in den allermeisten fällen nichts
mitbekommen.
der kunde, der eines nachmittags sein geschäft betrat, war
ihm vom ersten augenblick an sympathisch. warum das so war, hätte
antiquar wübbelzahn - aus inzwischen bekannten gründen - nicht
sagen können. er stellte sich diese frage auch nicht mehr, sondern
liess seinen gefühlen freien lauf, ohne sie allerdings - darauf
achtete er nach wie vor - seinen kunden zu zeigen. dabei hätte er
doch wissen müssen, dass irgendwelche gefühle unserem gegenüber
niemals verborgen bleiben. dazu braucht es gar keiner besonderen äusserung
irgendeiner abneigung oder zuneigung.
der kunde, ein noch junger mann, der etwas nachlässig gekleidet
war, und immer wieder seine langen haare aus dem gesicht strich, war
bestimmt nicht einer, von dem antiquar wübbelzahn hoffen konnte, mit
ihm ein gutes geschäft zu machen. wenn so jemand am ende ein taschenbuch
kaufte, konnte ein antiquar schon zufrieden sein.
die gegenwart des jungen mannes wirkte indes auf geheimnisvolle
weise so angenehm, dass es antiquar wübbelzahn sogleich völlig
egal war, ob er am ende ein buch verkaufen würde oder nicht. er
sah zu dem jungen mann hinüber, der gerade in den lyrik-bänden
blätterte, und hoffte, er möge beim lesen der gedichte die
zeit vergessen.
er wusste, dass die zahl derer, die bei den gedichten von gottfried
benn, rose ausländer, else lasker-schüler und günter
eich alles um sich her vergessen, immer kleiner wird. er fürchtete
deswegen den tag, an dem er das kleine regal mit den gedichtbänden
abbauen müsste, weil es niemanden mehr gab, der mit den namen der
dichter und ihren dunklen worten etwas anzufangen wusste. dann würden
die gedichte den weg gehen, den vor ihnen schon so viele bücher
aus seinem laden genommen hatten:
zuletzt nahm sich ein flohmarkt-händler ihrer an, kaufte
sie ihm für 20 cent das stück ab und warf sie in einen der
vielen bananen-kartons, die er sonntags auf einen flohmarkt stellte,
um am montag darauf antiquar wübbelzahn sein leid zu klagen - dass
nämlich niemand bereit sei, für die bücher aus den kisten
auch nur einen cent zu bezahlen ...
als ob antiquar wübbelzahn das nicht schmerzlich selber wüsste.
„kennen sie das?“ der junge mann wartete keine antwort ab, sondern
las, ein buch in der hand, laut vor:
„Und die Mädchen, die vor Tür und Toren
halbverschlafen in die Sonne sehn,
strecken sich und fragen traumverloren:
wo doch nur die vielen Rosen stehn?“
er las die zeilen des gedichts mit so viel ernst, dass sich antiquar
wübbelzahn gewünscht hätte, ihm noch viel länger zuhören
zu können.
„nein, das gedicht kenne ich nicht - von wem ist es denn?“
der junge mann schlug die erste seite des buches auf. „von gustav
falke“!
antiquar wübbelzahn wusste, wer gustav falke war: ein lyriker
aus der windstillen lübecker provinz. er wäre also nie auf
die idee gekommen, so jemanden neben günter eich, else lasker-schüler,
rose ausländer und gottfried benn zu stellen. er hatte nur vergessen,
den gedichtband seinem flohmarkthändler mitzugeben - allerdings ...
... das gedicht, das der junge mann soeben vorgelesen hatte, gefiel
ihm - und noch viel besser gefiel ihm, wie er es vorgelesen hatte.
„man findet doch immer wieder zu unrecht vergessenes!“ rief der
junge mann. „deswegen mag ich antiquariate. darf ich mich noch ein wenig
umsehen?“
antiquar wübbelzahn nickte heftig mit dem kopf und nahm sich
vor, dem jungen mann die gedichte von gustav falke mitzugeben - ihm
also das buch zu schenken, bevor es auf irgend einem flohmarkt ein trauriges
ende nahm ...
„wie schön er das gedicht vorgelesen hat!“ dachte antiquar
wübbelzahn. „beim klang seiner stimme wird plötzlich alles
so vertraut ... die sonne ... der traum ... die mädchen ... die rosen.“
wenn antiquar wübbelzahn später an den nachmittag zurück
dachte, fiel ihm zuerst dies ein:
ein junger mann, der unablässig seine haare aus dem gesicht
strich, sonnenstrahlen, die schräg durch das schaufenster in den
laden fielen, traum-dunkle verse von georg trakl, otto müllers getuschte
mädchen und redoutés rot und gelb leuchtende rosen.
sie blätterten in gedichtbänden, lasen sich sätze
aus romanen von proust und zola vor und entnahmen arabesk-verzierten kunstmappen
die heliogravüren alter meister.
sie waren neugierig, machten sich auf unbekanntes aufmerksam,
waren überrascht und vergassen darüber die zeit.
antiquar wübbelzahn hätte - wenn er später an diesen
nachmittag zurück dachte - beschwören können, den jungen
mann immer schon gekannt zu haben. es schien also kein zufall zu sein,
dass er ihm in seinem laden begegnet war. manche menschen müssen
irgendwann aufeinander treffen - das ist ein gesetz der natur ... von
ihr so gewollt, um unsere einsamkeit zu lindern und uns nicht ohne jede
hoffnung zu lassen.
zum abschied legte antiquar wübbelzahn die gedichte von gustav
falke zu den büchern von ezra pound und giuseppe ungaretti, die
der junge mann in seinem laden entdeckt hatte und nun in seine manteltasche
stopfte. er bedankte sich für das gespräch und lief hinaus
...
... auf ähnlich verschlungene wege, die ihn einige stunden
zuvor - vielleicht einer notwendigkeit folgend - in das leben eines anderen
geführt hatten.
als antiquar wübbelzahn am abend, der jenem nachmittag folgte,
den fernsehapparat einschaltete, um sich eine talkshow anzusehen, hörte
er, dass einer der gäste abgesagt hatte.
er wusste schon alles:
„rio reiser, menschlich nicht ganz einfach und bekannt für
seine spontanen entschlüsse, hat es vorgezogen, im hotel zu bleiben
und ein buch zu lesen. wir bedauern dies und entschuldigen uns bei unseren
zuschauern.“
ES ist schon eine ganze weile her, dass antiquar wübbelzahn
- einer laune folgend - eine petroleumlampe kaufte. eigentlich handelt
er ja nur mit büchern, aber die petroleumlampe war hübsch, mindestens
100 jahre alt und gut in schuss. da wurde antiquar wübbelzahn schwach
und bezahlte der kundin, die ihm die lampe anbot, 80 euro.
weil aber so eine petroleumlampe bei licht besehen (nicht ihrem eigenen) ein rechter staubfänger ist, beschloss er bald, sie weiterzuverkaufen. also nahm antiquar wübbelzahn ein preissschild, schrieb darauf "140 euro" und stellte die lampe ins schaufenster.
wenige stunden später stürmte die kundin, die ihm die
lampe verkauft hatte, in seinen laden.
ein lump sei er, schimpfte sie, ein betrüger und halunke. wenn sie gewusst hätte, was ihre lampe wert ist, hätte sie das schöne stück niemals für 80 euro verkauft.
sie schnappte nach luft - und war beleidigt.
antiquar wübbelzahn verzichtete darauf, ihr einen vortrag über die marktwirtschaft zu halten. stattdessen erklärte er ihr, dass die petroleumlampe ja erst einmal für 140 euro verkauft sein müsse - was bestimmt nicht einfach wäre. um es der kundin ein wenig einfacher zu machen, suchte er nach einem vergleich:
"stellen sie sich einmal vor, sie wollen ihren VW verkaufen. sie hängen dazu ein schild "3000 euro" hinter die windschutzscheibe. jetzt müssen sie warten. denn erst wenn sie einen käufer gefunden haben, der ihnen das geld bezahlt, ist der VW tatsächlich 3000 euro wert. falls jedoch niemand interesse am kauf zeigt, müssen sie entweder einen niedrigeren preis ansetzen - oder das auto selbst weiter fahren ...
... so gesehen, ist ihre petroleumlampe - wenigstens so lange sie nicht verkauft ist - überhaupt nichts wert."
"was für ein unsinn!" rief die kundin empört. "ich habe gar keinen VW - was eigentlich hat ein VW mit einer petroleumlampe zu tun?" erbost lief sie aus dem laden und rief, schon auf der strasse:
"nie wieder verkaufe ich ihnen eine petroleumlampe, sie ... sie dieb ... sie!"
vor einigen tagen bekam antiquar wübbelzahn besuch von einem flohmarkthändler. der nimmt für billiges geld mit, was sich - trotz rabatt und gutem zureden - im laden nicht verkaufen lässt. bei dieser gelegenheit fiel ihm auch die petroleumlampe auf, die in einer ecke stand, langsam einstaubte und deswegen einen etwas trostlosen eindruck machte.
"und was ist mit der lampe? für 20 euro nehme ich sie mit auf den flohmarkt!"
antiquar wübbelzahn steckte das geld ein, rechnete kurz nach, behielt aber das ergebnis - ein wenig deprimiert - für sich, denn ...
... wer weiss, ob die kundin, die ihm damals die petroleumlampe verkaufte, noch einmal zurückkehren würde, um lautstark die 20 euro einzufordern - also den "gewinn", den er mit der schönen lampe gemacht hatte.„nehmen sie den schrank doch gleich mit!“
die ältere dame nickte aufmunternd und freundlich. eigentlich
hatte antiquar wübbelzahn sie nur besucht, um sich einige bücher
anzuschauen, die sie verkaufen wollte. an einen schrank hatte er jedoch
nicht gedacht. „sie können ihn in ihr geschäft stellen, dann
haben meine bücher gleich wieder einen schönen platz.“
antiquar wübbelzahn besah sich den schrank, der ihm einige
rätsel aufgab. das untergestell war zweifelsfrei „gelsenkirchener
barock“, das oberteil schien aus dem biedermeier zu stammen, den mittleren
teil konnte er so ohne weiteres keiner stilepoche zuordnen, die türen
mit ihren floralen motiven waren aber eindeutig aus der zeit des jugendstils.
„ganz ohne bücher brauche ich den schrank nicht mehr. schauen
sie sich nur einmal seine türen an - sind sie nicht wunderschön?“
antiquar wübbelzahn ahnte, dass es der älteren dame in
wahrheit nur darum ging, den schrank loszuwerden. wenn er ihn also mitnahm,
ersparte sie sich den anruf beim sperrmüll. deswegen erklärte
er sich schliesslich bereit, den schrank mitsamt den büchern am nächsten
tag abholen zu lassen.
„sie brauchen für den schrank auch nichts zu bezahlen!“ rief
die dame, als er ihr haus verliess. „bei ihnen ist er bestimmt in guten
händen!“
so kam es, dass antiquar wübbelzahn in den besitz eines schrankes
kam, für den er keine verwendung hatte. auch sah das möbelstück
in seiner mischung aus vielerlei stilepochen mehr als verunglückt
aus. er überlegte lange, wofür er ihn nutzen könnte. jedenfalls
bot der schrank, so entschied er, eigentlich nur dann einen einigermassen
erträglichen anblick, wenn die türen - mit ihren floralen motiven
auf der aussenfläche - fest geschlossen blieben.
also rückte er den schrank in die hinterste ecke seines geschäfts,
verstaute darin diverse aktenordner, die er nicht mehr brauchte, und schloss
die türen. „wenn ich die augen zukneife“, dachte antiquar wübbelzahn,
„könnte ich vielleicht dem irrtum verfallen, einen schrank aus dem
jugendstil vor mir zu haben ...
... aber wirklich nur, wenn ich die augen fest zukneife und mich
ausschliesslich auf die türen mit den floralen motiven konzentriere.“
im laufe der zeit wurde der schrank zum festen ladeninventar und
störte, je länger antiquar wübbelzahn mit ihm lebte, immer
weniger. er übersah ihn einfach.
„da ist ja mein schöner schrank!“ antiquar wübbelzahn,
der hinter einem bücherregal stand, erschrak. er hatte nicht gehört,
dass ein kunde sein geschäft betreten hatte. er sah sich in seinem
laden um und entdeckte eine ältere dame, die vor dem aktenschrank stand.
„erkennen sie mich wieder?“ fragte die dame. „ich habe ihnen vor
einiger zeit bücher verkauft - und diesen schönen schrank mitgegeben!“
antiquar wübbelzahn erinnerte sich.
„keine angst - ich will ihn nicht zurück!“ lachte die dame
und strich zärtlich über die türen mit den floralen motiven.
„ein wunderbarer bücherschrank“, seufzte sie. „er fehlt mir ...!“
„ja, der schrank ...“ antiquar wübbelzahn bemühte sich,
seiner stimme einen ehrlichen klang zu geben. „... ich freue mich jeden
tag, wenn ich ihn sehe!“
die dame schaute ihn mitleidig an. „ich will sie um gottes willen
nicht traurig machen, aber ...“
antiquar wübbelzahn horchte auf. was wollte sie ... etwa den
schrank zurück?
„kein problem - wenn ihnen der schrank so sehr fehlt, nehmen sie
ihn doch einfach wieder mit. die akten, die ich darin gelagert habe, sind
schnell ausgeräumt.“
antiquar wübbelzahn kniff die augen zusammen, schielte nach
dem schrank und konnte sich nicht erklären, warum er darauf verfallen
war, dieses monstrum in seinem geschäft aufzustellen. es schien ihm,
als würde sich der schrank erst jetzt in seiner ganzen nackten hässlichkeit
zeigen.
aber es war offensichtlich noch nicht zu spät, den fehler zu
korrigieren.
„wohin soll ich ihn denn bringen?“ rief er erleichtert, öffnete
die schranktüren und zog eifrig die staubigen akten heraus.
„nein, nein ... sie dürfen den schönen schrank behalten.
hier in ihrem geschäft kommt er prächtig zur geltung.“
antiquar wübbelzahn war verwirrt, hielt einen stapel akten
im arm und wusste nicht wohin damit.
„wie kann ich ihnen denn helfen?“ fragte er gequält, als der
aktenstapel ins rutschen geriet und der dame polternd vor die füsse
fiel.
„nur die türen!“ rief sie und wich erschrocken zurück.
der schrank war leer, sein inhalt auf dem boden verstreut ... antiquar
wübbelzahn stand inmitten der vielen aktenordner und verstand nicht,
was die dame wollte.
„also die türen ... was ist denn mit den türen?“ fragte
er matt.
„sie haben so wundervolle florale motive!“ antwortete die dame und
strich zärtlich über die oberfläche des schranks.
„jugendstil ...!“ stöhnte antiquar wübbelzahn. „... und
das in bester umgebung!“
„darum bin ich hier!“ rief die dame. „mein neffe hat nämlich
auf dem flohmarkt einen schrank gekauft ... reiner jungendstil, wunderschön!“
„da kann man ja ihrem neffen nur gratulieren!“ antiquar wübbelzahn
schob ärgerlich die akten mit den füssen zu einem haufen zusammen.
„aber dem schrank fehlen leider die türen. deswegen erinnerte
ich mich sofort an meinen schrank. die türen mit den floralen motiven
sind nämlich genau das, was mein neffe braucht. sie passen zu seinem
schrank wie ...“
„biedermeier und gelsenkirchener barock?“ antiquar wübbelzahn
sah die dame aus ungläubigen augen an.
„nein ... wie die faust aufs auge!“ rief sie triumphierend. „können
sie die türen gleich abschrauben? mein neffe kommt in einer halben
stunde und nimmt sie mit.“
seitdem hatte antiquar wübbelzahn einen schrank in seinem geschäft
stehen, dessen unterer teil zweifelsfrei „gelsenkirchener barock“ war,
das oberteil aber aus dem biedermeier zu stammen schien, während
der mittelteil nicht ohne weiteres einer stilepoche zuzuordnen war.
dem schrank fehlten allerdings die türen ...
darüber machte sich antiquar wübbelzahn jedoch keine weiteren gedanken. im gegenteil: er vermied es fortan grimmig und entschlossen, beim anblick des schrankes auch nur einmal die augen zuzukneifen.
wer meint, dass sich der berufliche alltag von antiquar wübbelzahn
darauf beschränkt, im laden zu sitzen und auf kunden zu warten, irrt.
nicht eben wenig zeit verbringt er damit, kunden zu besuchen, die ihm ihre
bücher verkaufen wollen. sie tun das, weil sie ihre häuser aufgeben
und ins altersheim ziehen - oder weil sie eines tages aufwachen und feststellen,
dass sie sich - anders als gedacht - überhaupt nichts aus büchern
machen.
antiquar wübbelzahn erinnert sich - was dies betrifft - besonders
an einen kunden, der eine stattliche bibliothek besass und sie - einem
seltsamen einfall folgend - plötzlich verkaufen wollte. dieser kunde
hatte eines tages ein japanisches gedicht gelesen, das - ganz im geiste
des "zen" - von verzicht, bedürfnislosigkeit und der einfalt des herzens
sprach. er war beeindruckt und schon bald überzeugt, dass alles, was
er in seinem leben zusammengetragen hatte, nutzlos war. nicht die dinge
sind es, so dachte er, die unserem leben sinn verleihen, sondern die leere
um uns her. denn nur sie verhilft dem menschen zu höherer erkenntnis.
antiquar wübbelzahn hatte also die aufgabe, nicht nur einige ausgewählte
bücher, sondern gleich eine ganze bibliothek zu kaufen - was ihn vor
schwierige logistische probleme stellte, denn die bibliothek erstreckte sich,
mit einigen verzweigungen in schlaf- und kinderzimmer, bis unters dach.
nachdem die bibliothek in seinem laden eingetroffen war, tat er viele
wochen nichts anderes, als die bücher zu sortieren und in den regalen
platz zu schaffen, um die aberwitzige menge zu verstauen. das wäre ihm
gewiss zügiger von der hand gegangen, wenn er nicht immer wieder unterbrochen
worden wäre. schon bald kam nämlich der kunde, von dem er die
bibliothek erworben hatte, mit den worten in seinen laden:
„kann es sein, dass ich ihnen das buch mit den bildern von cezanne mitgegeben
habe? das wäre schade, denn das brauche ich unbedingt.“
wenige tage später war es ein buch über den expressionismus,
kurze zeit darauf ein band mit den gedichten von goethe. so ging es viele
wochen, bis der kunde sich wieder eine stattliche bibliothek zusammengekauft
hatte.
nur einmal musste ihn antiquar wübbelzahn enttäuschen. das
buch mit den japanischen gedichten fand sich - trotz ausgiebiger suche in
allen regalen - nicht wieder.
IMMER im januar erfasst antiquar wübbelzahn einige unruhe. er
sieht sich in seinem laden um und denkt: „ich müsste einmal aufräumen.“
übers jahr tröstet er sich mit der feststellung, dass eine gewisse
unordnung nun einmal zu seinem beruf gehört, wenn aber die bücherstapel
eine gewisse höhe erreicht haben, ihm über den kopf wachsen und
die sicht auf seine kunden versperren, kann er den gedanken nicht mehr einfach
von sich weisen, endlich für eine gewisse übersichtlichkeit zu
sorgen.
besonders dringlich wird es, wenn ein kunde sich einem bücherstapel
nähert und auf ein buch, das ganz weit unten liegt, zeigt: „das hätte
ich gern!“. dann heisst es, den bücherberg abzutragen, nur damit er
an anderer stelle wieder in die höhe wächst.
es bleibt nicht aus, dass sich antiquar wübbelzahn in dieser zeit
zuweilen über sich selbst ärgert. denn immer im januar bemerkt er
auch jene bücher, die überall verstreut sind, weil er sie im laufe
eines jahres für die eigene lektüre reserviert hat. sie liegen -
aufgeschlagen, mit einem lesezeichen versehen oder (das ist eine besonders
dumme angewohnheit) mit eselsohr versehen - auf seinem schreibtisch, zwischen
den aktenordnern, in schubladen und regalen herum. es gehen im laufe eines
jahres viele bücher durch wübbelzahns hände - und viel zu oft
ist eines dabei, das sein besonderes interesse weckt. dann legt er es beiseite,
beginnt vielleicht auch zu lesen ... muss sich aber zumeist bald anderen
aufgaben widmen. also bleibt das buch - höchstens bis seite 10 gelesen
- einfach liegen.
andere kunden bringen andere bücher ... und wieder ist bestimmt eines
dabei, das antiquar wübbelzahn unbedingt lesen möchte. auf diese
weise sammeln sich die mehr oder weniger ungelesenen bücher zu raumgreifend,
grossen stapeln.
„das ist immer noch besser als ein angebissenes brötchen!“ dachte
wübbezahn, als ihn wieder einmal der bohrende wille zur ordnung überfiel.
er erinnerte sich an einen jungen mitarbeiter, der die angewohnheit hatte,
überall seine angebissenen brötchen liegen zu lassen. wübbelzahn
fand sie in den regalen, zwischen den büchern, in schubladen oder im
schaufenster. das allein wäre noch kein grund zur kündigung gewesen.
als er aber einmal seinen mitarbeiter bat, ihm bei einem büchertransport
zu helfen, erhielt er die antwort: „ich bin hier, um bücher zu verkaufen
- und nicht, um sie zu tragen.“ da sammelte antiquar wübbelzahn alle
angebissenen brötchen, die er finden konnte, zusammen, und überreichte
sie seinem mitarbeiter mit den worten: „wenn sie das alles aufgegessen haben,
werden sie gewiss die kraft haben, auch einmal ein buch in die hand zu nehmen.
guten appetit und adieu!“
entschlossen machte sich antiquar wübbelzahn an die arbeit, um ordnung
in seinen laden zu bringen. er griff nach einem buch (mit zwei eselsohren),
war überrascht, gerade dieses, lange vermisste wiederzufinden, setzte
sich und vertiefte sich in die lektüre. er kam immerhin bis seite 16,
als ein kunde seinen laden betrat und wübbelzahn deswegen das buch
gleich wieder vergass.
voller bewunderung dachte wübbelzahn an den alten buchhändler
zurück, bei dem er seine lehre absolviert hatte. jeden abend packte
dieser mann fünf oder sechs bücher, die gerade erschienen waren,
in seine aktentasche. am nächsten morgen rief er seine angestellten
ins büro und berichtete über jedes der bücher - mit einer
detaillierten inhaltsangabe und einer knappen wertung. wübbelzahn hatte
nie verstanden, wie es der alte buchhändler schaffte, in einer nacht
gleich fünf oder sechs bücher zu lesen. hilflos schaute er auf
seine verstreuten, angelesenen bücher, konnte sich aber nicht entschliessen,
auch nur eine stunde seiner nächtlichen bettruhe dafür zu opfern.
„ich habe meinen beruf verfehlt“, seufzte wübbelzahn, „mir
fehlt die leidenschaft!“
der alte buchhändler hatte ein steckenpferd - das waren landkarten,
die er auch in seinem laden verkaufte. besonders fasziniert war er von den
messtischblättern. sie verzeichnen ja nicht nur städte, dörfer
und flüsse. wenn man sie zu lesen versteht, enthüllen sie noch
viel mehr: grössere und kleinere wege, wiesen und gehöfte, bäche,
höhenzüge und vorzeitliche hünengräber.
für antiquar wübbelzahn waren das aber „hühnergräber“.
er hatte als kind etwas falsch verstanden. deswegen dachte er noch als erwachsener,
dass unter den grossen steinen kleine hühnergerippe liegen müssten
- den sinn des ganzen begriff er allerdings nie.
der alte buchhänder plante die familienausflüge mit der systematik
des grossen generalstabs. über ein messtischblatt gebeugt, erklärte
er seiner frau und den beiden söhnen, wohin es am sonntag gehen sollte.
er forderte sie auf, den rechten weg durch wiesen und felder zu finden,
und ermahnte sie, die kleinen hügel nicht zu vernachlässigen,
die besondere kraft beim aufstieg erforderten, besonders auch auf die kleinen
bäche zu achten, bei denen erst einmal eine brücke gefunden werden
musste, um sie überqueren zu können. das alles geriet dem alten
buchhändler so präzis, dass seine familie die landschaft schon
in allen details vor sich sah, noch bevor sie diese leibhaftig in augenschein
genommen hatte.
„sie hätten auch zu hause bleiben können!“ dachte antiquar wübbelzahn,
erinnerte sich aber daran, dass die familie des alten buchhändlers nie
ohne bücher zu ihren sonntäglichen ausflügen aufbrach. jeder
mit einem buch in der hand durchstreiften sie eine landschaft, die sie längst
vom messtischblatt her kannten, und der sie deswegen auch keine besondere
aufmerksamkeit schenken mussten.
antiquar wübbelzahn kam angesichts der unordnung in seinem geschäft
der gedanke, auch von seinem laden ein messtischblatt anzufertigen. darauf
hätte alles seinen richtigen platz und die bücher wären in
schönster ordnung aufgeräumt. so ein messtischblatt würde
ihm einen mustergültigen laden zeigen und er könnte - eines seiner
vielen ungelesenen bücher vor der nase - dort nach herzenslust herum
spazieren, ohne gefahr zu laufen, über irgendwelche bücherstapel
zu fallen.
antiquar wübbelzahn erinnerte sich aber auch, dass der alte buchhändler
das lesen von messtischblättern im krieg gelernt hatte - das steckenpferd
also seinem ursprung nach ein militärisches war. weil sich wübbelzahn
aber im tiefsten herzen als pazifist fühlte, verwarf er sogleich den
plan, ein messtischblatt seines ladens anzufertigen - denn so eine landkarte
war ja erst einmal grundlage für militärische taktik und strategie,
auch wenn sie - was die familienausflüge des alten buchhändlers
beweisen - manchmal durchaus zivilen zwecken dienen konnte.
antiquar wübbelzahn kam nicht umhin, in seinem laden selbst für
ordnung zu sorgen und die bücherstapel auf eine erträgliche höhe
zurückzuführen. er trennte sich bei dieser gelegenheit auch von
einigen, nie zu ende gelesenen büchern, weil sich seine interessen inzwischen
verlagert hatten oder er zum thema anderes und besseres gefunden hatte.
als auf diese weise wenigstens die oberflächliche ordnung wiederhergestellt
war, atmete er auf. ein ganzes jahr - also bis zum nächsten januar
- würde ihn sein mahnendes gewissen in ruhe lassen ... auch wenn er
immer noch nicht wusste, wohin die messtischblätter geraten waren,
die er irgendwann im vergangenen jahr erworben hatte. „hoffentlich“, so dachte
wübbelzahn, als er den staub von den büchern pustete, „kommt kein
familienvater auf die idee, mit hilfe so eines messtischblattes nach hühnergräbern
zu suchen!“
wübbelzahns instikt sagte ihm nämlich, dass die messtischblätter
- wenn überhaupt - nur ganz weit unten in einem der vielen bücherstapel
liegen konnten.
ANTIQUAR wübbelzahn geht
es wie vielen anderen kaufleuten auch. am monatsende beugt er sich über
seine rechnungsbücher und stellt fest, dass schon wieder kein geld übrig
geblieben ist.
er hat fast alles für die vielen bücher ausgegeben, die in seinen
regalen schlummern und hoffen, nicht so bald wieder bewegt zu werden. bücher
lieben es nicht, aus bibliotheken gerissen zu werden. wenn sie nach einer
solchen störung eine neue heimat gefunden haben - und sei es auch nur
eine vorläufige wie das antiquariat - lassen sie sich ins regal fallen
und hoffen von neuem auf eine möglichst lange, ungestörte ruhe.
deswegen ist es in bibliotheken und antiquariaten auch immer so still.
diese stille überträgt sich in geheimnisvoller weise auf die
besucher und kunden. sobald sie vor den hohen regalen mit den schlummernden
büchern stehen, dämpfen sie ihre stimme und flüstern nur noch
miteinander.
das tun sie aus respekt und rücksicht.
antiquar wübbelzahn würde sich über seine ausgaben keine
weiteren gedanken machen, denn das geld muss sich einerseits - der profession
entsprechend - in büchern materialisieren. andererseits sollten sich
die bücher aber auch in angemessener frist wieder in geld verwandeln.
so ist es aber nicht immer. deswegen zerbricht er sich zuweilen den kopf.
alle paar monate greift sich
antiquar wübbelzahn einen grossen stapel bücher und trägt ihn
in den keller. das ist sein "endlager", das aus einem labyrinth von regalen
besteht, auf denen zahllose bücher nicht sorglos vor sich hin schlummern,
sondern - zu recht - ängstlich auf ihr ende warten.
antiquar wübbelzahn kennt den grossen respekt seiner kunden vor jeglicher
art von büchern. wenn ihm früher ein buch angeboten wurde, für
das er keine verwendung hatte, bemerkte er manchmal: „tut mir leid, auch im
keller ist kein platz dafür!“
die reaktion der kunden war immer dieselbe:
„aber wir können das buch doch nicht zum altpapier tun, das gehört
sich nicht. nun nehmen sie es doch schon - ich will dafür auch nur zwei
euro!“
antiquar wübbelzahn schätzt die zahl der bücher in seinem
"endlager" auf 3000. wenn er jedes von ihnen auch nur mit zwei euros angekauft
hat, liegt dort unten ein schatz von mindestens 6000 euro. nur, dass dieser
schatz nicht - wie sonst üblich - blitzt und geheimnisvoll schimmert.
dieser schatz besteht vielmehr aus vergessen-verstaubten büchern, auf
deren rücken man unter anderem „will vesper“, „hans carossa“ und „die
kunst der deutschen gaue“ lesen kann.
regelmässig platzt das lager so gefährlich aus den fugen, dass
antiquar wübbelzahn nicht umhin kommt, sich von einem teil seines „schatzes“
zu trennen. dann bestellt er, im grunde seines herzens erleichtert, einen
container und füllt ihn bis zum rand mit will vesper, hans carossa
und der kunst der deutschen gaue. ziel ihrer letzten reise ist die papierverwertung.
„so wird aus meinem schatz wenigstens noch packpapier!“ seufzt wübbelzahn,
wenn der container huckepack auf einen lkw steht und davon fährt. es
tröstet ihn jedoch nicht im geringsten, wenn er gleich darauf feststellt:
„bald ist der schatz wieder so gross wie zuvor!“
noch vor gar nicht langer zeit hatte er gewissen kunden, die mit entsetzen
in der stimme davon sprachen, dass man bücher doch nicht in die mülltonne
werfen könne, gleichmütig geantwortet, dass es irgend jemand am
ende ja doch tun müsse ... und das wäre dann die undankbare aufgabe
des antiquars.
diese antwort, so sorgfältig überlegt und realitätsnah sie
auch war, forderte regelmässig den protest heraus.
... was für ein frevel, bücher zu vernichten ... weiss der zynische
herr antiquar nicht, dass man in deutschland einst bücher verbrannte,
er aber wohl von dieser schlimmen praxis nicht lassen will ... welche bücher
es denn sind, die er beliebt zu schreddern? er wird wohl eine auswahl treffen
und man möchte doch zu gern wissen, wie so eine „selektion“ aussieht
... vielleicht bequemt sich der ignorante herr antiquar und erinnert sich,
dass sigmund freud, thomas mann, stefan zweig und so viele andere einst ins
feuer geworfen wurden ... hat er denn gar nichts gelernt ... ist er vielleicht
ein nazi ... mit dem notorischen hass auf jedes freie wort?
so eine beschimpfung mit zunehmender lautstärke endete fast
immer mit dem satz: „ihnen werde ich das buch nicht verkaufen - noch nicht
einmal für zwei euro. es ist bei ihnen nicht in guten händen!“
inzwischen unterlässt antiquar wübbelzahn jeglichen hinweis auf
sein labyrinthisches "endlager", weil es falsche assoziationen provozieren
könnte - und auch deswegen, weil er weiss, dass dort fast nur bücher
liegen, die niemals gefahr liefen, verbrannt zu werden. was den nazis missfiel,
zogen die eilfertigen bürger schon selbst und ohne weitere aufforderung
aus ihren bücherschränken und trugen es zu den dafür eingerichteten
sammelstellen ...
... weswegen bestimmte bücher heute kaum noch zu finden sind.
die gehorsamen bürger waren wohl der überzeugung, dass die nazis
besonders sorgfältig mit den büchern jüdischer und linker
schriftsteller umgehen würden. wenigstens war die mülltonne - das
wusste selbst der bravste volksdeutsche - für diese art der entsorgung
viel zu schade.
„man wirft ein buch doch nicht in die mülltonne!“
„gewiss!“ antwortete antiquar wübbelzahn - aus erfahrung klug geworden.
„man kann es auch im regal stehen lassen.“
„ich möchte es aber verkaufen, weil ich es nicht mehr brauche!“
diese antwort verleitete antiquar wübbelzahn noch vor gar nicht langer
zeit zu einer weiteren, als skandalös empfundenen bemerkung:
„sie können doch auch nicht jeden getragenen pullover, jedes paar
socken oder ihre fadenscheinig gewordenen unterhemden verkaufen.“
„hier geht es aber nicht um eine socke - sondern um ein buch ... um ein
buch, verstehen sie?“
„... im prinzip ist es dasselbe!“
das hätte antiquar wübbelzahn nicht sagen und dabei auch nicht
mit den schultern zucken dürfen.
„... und sie nennen sich antiquar? schämen sollten sie sich. sie wissen
den wert eines buches ja gar nicht zu schätzen. werden sie doch glücklich
mit ihren socken - dieses buch verkaufe ich ihnen nicht ... um keinen preis
der welt!“
antiquar wübbelzahn hat es sich inzwischen angewöhnt zu schweigen,
wenn ihm bücher angeboten werden. er sagt „ja“, er sagt „nein“ und enthält
sich ansonsten jeden kommentars.
er schweigt auch, wenn er sich am monatsende über seine rechnungsbücher
beugt und darüber nachsinnt, wo das geld geblieben ist. vielleicht
im keller? manchmal schweifen seine gedanken jedoch auch ab und ihm fällt
vielleicht ein, dass er sich ein paar neue socken kaufen muss.
das würde er aber nie laut sagen, denn ein antiquar denkt an soetwas
ganz zuletzt. er hat womöglich für diesen luxus auch gar kein
geld, weil er - und nur er - dazu verpflichtet ist, alle bücher dieser
welt zu kaufen, um sie vor der mülltonne zu bewahren.
seine alten socken aber will
keiner!
ANTIQUAR wübbelzahn hat sich in einem langen berufsleben daran gewöhnt, dass die allermeisten seiner kunden der meinung sind, er würde sich tagein, tagaus nur mit schiller und goethe beschäftigen. wenn er allerdings darüber nachdenkt, wie oft ihm schiller- und goetheausgaben zum kauf angeboten werden, ahnt er, dass es zuerst einmal seine kunden sind, die bis zum überdruss mit den büchern der deutschen klassik beschäftigt sind ...
... weil sie darüber nachsinnen, wie sie diese staubfänger
am besten los werden.
wenn er manchmal eine besonders schöne klassiker-ausgabe kauft, dann
nur deswegen, weil sie einfach dazu gehört. kunden erwarten, im antiquariat
das wiederzufinden, was sie zu hause nicht mehr ertragen können.
manchmal kommt es jedoch auch vor, dass sich kunden an ein ganz besonderes
buch erinnern. sie wissen, dass es bei ihnen im bücherschrank stand
- finden es aber nicht mehr.
könnte es sein, dass sie es irgendwann einem antiquar überlassen
haben?
besonders im frühjahr, in der zeit der konfirmationen ...
... wir erinnern uns: antiquar wübbelzahn betreibt seine geschäfte
im protestantischen, um nicht zu sagen: calvinistischen norden ...
... kommt es zuweilen vor, dass eine ältere dame seinen laden betritt
und für ihren enkel, der konfirmiert werden soll, nach einem bestimmten
buch fragt.
antiquar wübbelzahn, der sich mit dem handel in der alten kaufmannsstadt,
in der er doch selbst als kaufmann tätig ist, nicht wirklich auskennt,
weiss wenigstens eines sehr genau: mit diesem buch wurden ganze generationen
von kaufleuten erwachsen - auch wenn sie es wohl nie gelesen haben, folglich
auch in ihrem weiteren leben keine besonders schlimmen antisemiten wurden.
zur konfirmation gab es immer die goldene uhr ... und natürlich den
roman „soll und haben“ von gustav freytag.
bei diesem gedanken zuckte antiquar wübbelzahn zusammen, eilte zum regal,
suchte den buchstaben „f“ wie freytag und war erleichtert, drei exemplare
des romans zu finden.
den konfirmationen stand, was ihn betraf, auch in diesem jahr nichts im
wege.
er zog eines der bücher aus dem regal, schlug es auf und las das vorwort:
Der Roman soll das deutsche Volk dort suchen, wo es in seiner Tüchtigkeit
zu finden ist, nämlich bei seiner Arbeit.
antiquar wübbelzahn erschrak, denn er merkte, dass ihm gerade jetzt
die arbeit - mangels kunden, die ein konfirmationsgeschenk suchten - fehlte.
er seufzte, schlug das buch zu und hoffte auf den tag, wo nicht mehr das
„soll“ tückisch lauerte, aber auch nicht das „haben“ grösste verlockung
war.
„es können doch nicht immer die juden schuld sein, wenn etwas falsch
läuft“, schüttelte antiquar wübbelzahn den kopf und stellte
das buch von gustav freytag wieder ins alphabet ... ausgerechnet neben die
romane von lion feuchtwanger.
erst jetzt verstand er, warum man ihm täglich irgendwelche goethe-
und schillerausgaben zum kauf anbot. eine goldene uhr, die man zur konfirmation
geschenkt bekommen hatte, konnte ums handgelenk gebunden werden - was aber
tat man mit gustav freytag, friedrich schiller und johann wolfgang von goethe?
man stellte sie nach den festtagen in den schrank und vergass sie.
das alles wiederholte sich zur hochzeit, weil zur aussteuer zwingend die
töpfe und pfannen, die bettwäsche, das schlafzimmer aus eiche ...
aber auch eine gesamtausgabe von schiller oder goethe gehörte. irgendein
verwandter fand sich immer, der das brautpaar mit einer klassiker-ausgabe
überraschte - um sich auf seine art an verwandten zu rächen, die
ihm zur eigenen hochzeit ähnlich schreckliches verehrt hatten.
antiquar wübbelzahn wurde aus seinen - nicht eben heiteren - gedanken
gerissen, als das telefon klingelte. „endlich arbeit!“ seufzte er und schielte
auf die bücher von gustav freytag, die im regal standen - bereit zum
sprung zur nächsten konfirmation.
„wir hätten eine sehr schöne schillerausgabe anzubieten. sie hat
goldschnitt ... nur der letzte band fehlt“, hörte er eine stimme am telefon.
„das macht doch nichts!“, antiquar wübbelzahn spürte eine schmerzhafte
übersäuerung seines magens, die langsam die speiseröhre heraufstieg
und sich - wie sonderbar - auf seinen lungenflügeln ausbreitete. er schluckte
heftig, ohne dass der schmerz verschwand, und antwortete: „auf den letzten
band kann man getrost verzichten. dort ist ja doch nur die rede von schillers
ende ... wie sollte es am ende einer gesamtausgabe auch anders sein!“
„war schiller denn so krank?“ hörte er eine besorgte stimme aus dem
telefon.
„nein, es war wohl nur eine leichte übersäuerung des magens!“
antwortete antiquar wübbelzahn und schluckte.
„da bin ich aber beruhigt. dürfen wir ihnen den schiller also anbieten?“
fragte die stimme.
„aber gern doch!“ rief antiquar wübbelzahn. „kommen sie nur gleich vorbei.
bringen sie aber bitte eine packung bullrich-salz mit ... das ist gut für
den magen und komplettiert auch irgendwie die gesamtausgabe!“
kaum hatte antiquar wübbelzahn aufgelegt, betrat eine ältere dame
seinen laden.
konfirmation, gustav freytag ... blitzte es ihm durch den kopf.
sollte er es laut sagen?
Der Roman soll das deutsche Volk dort suchen, wo es in seiner Tüchtigkeit
zu finden ist, nämlich bei seiner Arbeit.
noch ehe die kundin ihren wunsch äussern konnte, war antiquar wübbelzahn
ans regal getreten, zog ein buch heraus und rief:
„ein wirklich schönes geschenk zur konfirmation!“
viel zu spät erkannte er, dass er daneben gegriffen und statt
„soll und haben“ den roman „jud süss“ von lion feuchtwanger in der hand
hatte.
zum glück hatte seine kundin nicht hingeschaut. wie hätte er ihr
auch erklären sollen, dass lion feuchtwangers buch eine - wen auch späte
- ohrfeige für das war, was gustav freytag in seinem roman schwadroniert
hatte?
die kundin lief zum regal mit den klassiker-ausgaben und rief:
„endlich eine gesamtausgabe von goethe mit seiner wunderbaren farbenlehre
... die nehme ich!“
antiquar wübbelzahn wollte ihr nicht widersprechen, erinnerte sich aber,
dass goethe ... als er seine „farbenlehre“ schrieb ... womöglich unter
farbblindheit litt ... weil aber sein geschäftssinn oberhand behielt,
tröstete er sich:
was weiss ein antiquar schon von der physik?
„ein geschenk zur konfirmation oder zur hochzeit?“ fragte antiquar wübbelzahn
mit dem freundlichsten lächeln, das ihm zu gebote stand, als er die
goethe-ausgabe in eine plastiktüte stopfte. er erwartete keine antwort
- dachte nur daran, dass der verkauf höchstens temporär eine bresche
in sein regal schlug - zu viele goethe-ausgaben warteten noch auf ihre erlösung.
die kundin lächelte: „es ist ein geschenk zur konfirmation“! antiquar
wübbelzahn spürte schon wieder seinen übersäuerten magen.
es war allerdings alarmierend, dass der schmerz auf einmal in seine beine
schoss.
„dann wird sich der konfirmand bestimmt über goethes farbenlehre
freuen!“ der schmerz hatte - seltam genug - inzwischen seine fussohlen erreicht.
„mit der konfirmation hat es noch zeit“. die kundin lächelte immer
noch. „mein enkel ist doch erst zwei jahre alt!“
antiquar wübbelzahn stellte mit erstaunen fest, dass der schmerz, so
stechend er sich auch in seinen fuss und danach in seine zehen gebohrt hatte,
plötzlich verschwunden war ...
... dabei hatte ihn die schillerausgabe - mit dem bullrich-salz
als ersatz für den fehlenden, letzten band - doch noch gar nicht erreicht.
er hörte seine kundin wie von fern durch einen staubigen nebel sagen:
„die goethe-ausgabe bekommt mein enkel zur konfirmation - die farbenlehre
jedoch erst zum abitur. bis dahin bleibt alles im wäscheschrank!“
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