*** RUND UM AGADIR ***

ZUM STAUSEE YUSSUF TACHFINE UND NACH TIZNIT




(230 kilometer, ca. 7 stunden)

Für diesen ausflug müssen wir nicht in aller frühe aufstehen. wir werden - trotz einiger grösserer pausen - zeitig in agadir zurück sein, wenn wir nicht den einen oder anderen abstecher machen, weil es noch viel mehr lohnenswerte ziele auf dieser fahrt gibt.

wir verlassen agadir in südlicher richtung und fahren über inezgane nach ait melloul. am ende des ortes biegt die strasse scharf rechts nach tiznit ab.

vorher aber noch ein wort zu inezgane: hier halten die überlandbusse, die sternförmig alle südlichen teile des landes miteinander verbinden. der ort besitzt einen grossen souk, der einen besuch lohnt. ohne auf viele touristen zu treffen, können wir hier mit ein wenig geschick - und dem mut zu handeln - günstig einkaufen. überhaupt macht es spass, durch den lebhaften ort zu bummeln, auch wenn er ein wenig staubig ist und keine besonderen sehenswürdigkeiten hat.

nun aber weiter in richtung tiznit!

wir fahren die hauptverkehrsstrasse in richtung süden. sie führt über tiznit nach guelmim, tan-tan und layoune. in den südlichen landesteilen, die teilweise erst nach dem anschluss der westsahara zu marokko kamen, investiert der staat - auch mit hilfe der europäischen union - viel geld in der fischindustrie, um den menschen arbeit zu geben und ihre landflucht zu verhindern.

wir müssen also damit rechnen, dass auf dem weg nach tiznit starker lkw-verkehr herrscht, der um so grösser wird, je mehr es dem kühlen abend und den nachtstunden zugeht. da die strasse aber breit und gut ausgebaut ist, kann sie ohne mühe befahren werden. auch das überholen macht keine probleme, allerdings sollten wir dies nur an übersichtlichen stellen tun und unbedingt auf die verkehrsschilder und tempobeschränkungen achten.

die landschaft links und rechts der strasse bietet erst einmal wenig interessantes. das ändert sich jedoch im laufe unserer fahrt, wenn es unmerklich hügeliger wird und die landschaft sich mehr und mehr in eine weite, wenig bewachsene und rötlich-karstige steppe verwandelt.

irgendwann taucht ein schild auf, das uns den weg in den nationalpark souss-massa weist - eine ausgedehnte, langgestreckte palmenoase mit hübschen dörfern über dem fluss, der von sattgrünen feldern eingefasst ist. wir können mit dem auto nicht ganz bis zur mündung am atlantik fahren, denn kurz hinter den dörfern beginnt das eigentliche schutzgebiet mit seiner seltenen vogelwelt, die jedes jahr ornithologen aus aller welt anlockt.

wir können einen kleinen fussmarsch unternehmen und bis zum atlantik wandern. der strand ist hier noch völlig unberührt und einsam.

wir verzichten auf dieser fahrt jedoch auf den ausflug nach souss-massa, bleiben auf der hauptstrasse nach tiznit und biegen wenig später nach links in eine schmale, geteerte strasse ab, die zum stausee yussuf tachfine führt. der weg schlängelt sich durch das vorgebirge des antiatlas, vorbei an palmengesäumten dörfern. jetzt tauchen auch schon die berge des antiatlas auf, die nicht so gewaltig wie im hohen atlas sind, aber doch eine höhe von 2500 metern erreichen. wir fahren stetig bergan. wenn wir glück haben, treffen wir auf grosse ziegen- und kamelherden, die in den kargen ebenen nach nahrung suchen.

je umfangreicher diese herden sind, desto offensichtlicher ist, dass sie nicht den einheimischen bauern gehören können. eine grössere zahl von ziegen oder gar kamelen kann sich ein bauer in diesem karstigen, trockenen land nicht leisten. die herden gehören den nomaden aus der sahara. als marokko in den 70er jahren des vorigen jahrhunderts die westsahara annektierte, erlaubte der damalige könig, hassan II., den nomaden, ihre viehherden in ganz marokko weiden zu lassen. seitdem bringen sie ihre tiere mit autotransportern in die nördlichen gebiete - immer auf der suche nach frischem weideland. wenn es abgegrast ist, fahren sie weiter. dass dies den einheimischen überhaupt nicht recht ist, weil ihnen auf diese weise das wenige, kostbare futter für ihre tiere verloren geht, muss nicht weiter erwähnt werden.



unsere strasse führt jetzt stetig bergan und plötzlich liegt der stausee „yussuf tachfine“ vor uns, der den oued massa abriegelt und sein wasser in einem grossen stausee sammelt. diese stauseen, von denen in den letzten jahren einige gebaut wurden, garantieren die wasserversorgung in einem land, das unter langen dürreperioden schwer zu leiden hat.

wir überqueren den kamm des stausees und werden freundlich von einem polizisten begrüsst, der die anlage bewacht. auf der anderen seite steigt die strasse sofort steil an und wir müssen einige serpentinen durchfahren.

oben am berg heisst es aufzupassen, denn ein schmaler schotterweg, der leicht zu übersehen ist, zweigt am höchsten punkt der strasse nach rechts ab und führt zu einem aussichtsplateau. dort halten wir unser auto, sichern es auf dem abschüssigen gelände, damit es nicht ins rollen kommt, und gehen zu einer kleinen, eisernen plattform hinüber, von der aus wir einen schönen blick auf den stausee haben, der - vielleicht nicht gerade spektakulär, aber doch hübsch - zwischen kahlen, flachen bergen liegt.

wahrscheinlich wird uns jetzt auch ein älterer marokkaner in weisser djellaba und mit einer dicken, schwarzen hornbrille auf der nase begrüssen und zum tee einladen. er führt hier oben das „restaurant“, das aber nur ein kleiner verschlag ist, in dem er kekse und tee für die wenigen touristen bereit hält, die den weg hierher gefunden haben.

so gestärkt machen wir uns auf die weiterfahrt. das land wird bald wieder flacher und wir durchqueren einige dörfer mit ihren typischen, eingeschossig-niedrigen lehmhäusern. wir passieren auch ein marabut. obwohl der islam eigentlich keine heiligen kennt, besitzen viele orte in marokko diese grabmäler, in denen sie einen heiligen mann verehren. diese tradition reicht in die vorislamische zeit zurück, bevor marokko von den arabern erobert und die einheimischen berber unterworfen wurden. jedes jahr werden in ganz marokko rund um die marabuts grosse moussems veranstaltet, die höhepunkte des jahres sind, mehrere tage dauern und etwas vom stolz und der unabhängigkeit der berber erzählen.

bald erreichen wir wieder die hauptstrasse und haben nach neun kilometern tiznit erreicht, - die wüstenstadt mit den rostroten häusern, umgeben von einer wehrhaften lehmmauer.

wir fahren durch eines der stadttore und parken unser auto in der nähe des place mechouar unweit der medina. hier vertreiben gaukler den marokkanern die zeit und eine kobra, die ihren kopf aus einem weidenkorb reckt, wartet darauf, von uns bestaunt und fotografiert zu werden. touristen habe ich an diesem junitag auf dem place mechouar nicht angetroffen. die gauklerspiele und die zischende kobra dienen allein zur kurzweil der marokkaner.



wie überall in marokko werden sich uns in tiznit bald allerhand jugendliche an die fersen heften. sie fragen nach dem woher und wohin und wollen uns bei der besichtigung der stadt zu diensten sein. aber tiznit ist ein kleiner, überschaubarer ort. also können wir getrost allein durch die schmalen gassen bummeln, ohne angst haben zu müssen, uns zu verirren.

wir sehen eine weile dem schuster zu, der in einem kleinen, offenen laden sitzt und kunstvoll sogar noch solche schuhe flickt, die gar nicht mehr danach aussehen. wir werfen auch einen blick in die bäckerei, wo gerade das frische brot auf den tresen gestapelt wird, rätseln vielleicht über den inhalt eines grossen topfes, der dampfend auf einem schemel vor einem restaurant steht, das nur zwei plätze hat, und fragen uns womöglich, wie der alte süssigkeiten-händler zurecht kommt, der uns müde aus einem dunklen verschlag beäugt und vier tüten bonbons und fünf riegel kaugummi feilbietet. 

das leben in tiznit geht einen ruhigen gang. alle sind damit beschäftigt, den tag zur freude allahs zu gestalten, um ihm am abend zu danken, wenn sie wieder einmal satt geworden sind - und das ist nicht selbstverständlich in einem land, das an armut so reich ist.

nach einem kräftigen tee in einem der kleinen restaurants an der hauptstrasse gegenüber den arkaden, unter denen obst und gemüse angeboten wird, machen wir uns auf den weg zurück nach agadir.

wenn noch zeit ist, sollten wir - kurz vor ait-melloul - einen abstecher nach tifnit machen. das ist ein kleiner, verlassener ort am atlantik. in seinen häusern, die nur noch ruinen sind, übernachten die fischer. mit ihren offenen, schmalen booten, - von denen immer einige auf der düne wie hingeworfene mikado-stäbe liegen - fahren sie zum fischfang hinaus auf den atlantik. tifnit ist ein platz, den ich wegen seiner ganz eigenen atmosphäre einmal „den magischsten ort marokkos“ genannt habe. bald wird es ihn jedoch nicht mehr geben, denn marokko plant hier grosse hotelbauten. die ersten gerüste stehen bereits und zerstören schon jetzt das einmalig friedliche und pittoreske bild. umweltschützer haben - leider ohne erfolg - gegen die baupläne protestiert, weil sie fürchten, dass auch das angrenzende naturschutzgebiet am oued massa in mitleidenschaft gezogen werden könnte.

nicht zuletzt wird der waldrapp, ein äusserst seltener vogel, der weltweit nur noch hier am oued massa nistet, durch die ehrgeizigen tourismusprojekte der regierung in rabat in seinem bestand gefährdet.

marokko wird sich bald entscheiden müssen, ob es seine einzigartige natur bewahren oder für einen ungezügelten, gedankenlosen tourismus preisgeben will. bis 2010 plant marokko hotelunterkünfte für 10 millionen touristen. woher die vielen urlauber kommen sollen, ist mir nicht klar. diese zahlen kommen mir vor, als wären sie am grünen tisch in rabat gezaubert oder besser: diktiert worden. nun aber werden die hotels gebaut, in tifnit und taghazoute und weiter den atlantik hinauf.

allerdings wurde ich sehr nachdenklich, als ich im juni 2004 von agadir nach essaouira fuhr (ich berichte von diesem ausflug im reiseteil „nach essaouira!“). die küste mit ihren weiten stränden ist menschenleer und unbebaut. gerade werden parallel zur strasse röhren verlegt, die wohl der wasserversorgung und der abwässerbeseitigung der geplanten hotelanlagen dienen sollen. ich dachte: würde es eine so grossartige landschaft in europa geben, wäre sie längst parzelliert und zugebaut, mit grossen hotels und den villen der reichen - wie die küsten spaniens, wo wir vor lauter häusern das meer nicht mehr sehen.

mit solchen, nicht immer einfachen gedanken kehren wir am frühen abend nach agadir zurück. hier ist alles viel sauberer, hübscher und aufgeräumter als noch 1999, als ich zum ersten mal nach agadir kam. damals flogen hunderte von schwarzen plastiktüten durch die luft und verfingen sich in den arganien. die touristen wurden von haarsträubend verwahrlosten unterkünften - den slums von agadir - begrüsst, die beiderseits der strasse zum flughafen standen.

vieles hat sich in marokko zum guten gewendet. und wenn wir bedenken, wie viel mühe es kostet, einen staudamm wie den von yussuf tachfine zu errichten, der jetzt die wassernot im süden marokkos lindert, wird uns vielleicht bewusst, welche gewaltigen kräfte das land mobilisieren muss, damit der segen allahs, der ohne zweifel über marokko liegt, auch wirklich sichtbar und für alle marokkaner erfahrbar wird.





EINIGE FOTOS -YUSSUF TACHFINE UND TIZNIT!

nach tafraoute im antiatlas!